Skeptiker aus Gießen Philosoph Odo Marquard gestorben

"Zukunft braucht Herkunft" hieß ein Essayband, den er nach dem Abschied von der Universität Gießen veröffentlichte. Nun ist der Philosoph gestorben. Er wurde 87 Jahre alt.

"Philosophie muss von der Art sein, dass der Autor sie versteht": Odo Marquard
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"Philosophie muss von der Art sein, dass der Autor sie versteht": Odo Marquard


1989 schrieb der SPIEGEL, Odo Marquard sei "der neue Volksphilosoph von der Universität Gießen" und zitierte ihn mit einer Orientierungsaufgabe, die die Philosophie für viele Menschen erfülle: "Klären, wie es eigentlich gewesen ist; erwägen, wie es weitergehen könnte und sollte."

Dieser Satz führte schon zu dem Titel seines späten, aber vieldiskutierten Essaybandes hin: "Zukunft braucht Herkunft" (2003). Kein Mensch könne es sich leisten, das Vergangene einfach ruhen zu lassen - allein schon weil dafür, alles neu zu erfinden, katastrophal viel Lebenszeit fehle.

Odo Marquard wurde 1928 in Stolp in Pommern geboren und kam direkt nach seiner Habilitation in Münster nach Gießen, wo er von 1965 bis 1993 an der Universität lehrte. Er veröffentlichte unter anderen die Bücher "Skeptische Methode im Blick auf Kant" (1958) und "Abschied vom Prinzipiellen" (1981). 1996 erhielt er den Ernst-Robert-Curtius-Preis für Essayistik.

"Marquard hat weit über die Universität hinaus in die Mitte der Gesellschaft gewirkt", erklärte Uni-Präsident Joybrato Mukherjee. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde er mit seiner "Kompensationstheorie" der Geisteswissenschaften. "Je moderner die moderne Welt wird, desto unvermeidlicher werden die Geisteswissenschaften", lautete die Kernthese, für die er auch viel Kritik erntete.

Der humorvolle Marquard bemühte sich in seiner Arbeit um eine verständliche und alltagstaugliche Sprache; er zählt zu den meistübersetzten deutschen Philosophen der Gegenwart. "Philosophie muss von der Art sein, dass zumindest der Autor sie versteht", hatte Marquard kurz vor seinem 80. Geburtstag der Deutschen Presse-Agentur gesagt.

Am vergangenen Samstag ist Odo Marquard im Alter von 87 Jahren gestorben, wie die Universität Gießen mitteilte.

feb/dpa



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