Horváth-Entdeckung als deutsche Erstaufführung Als der Dichter noch übte

Die Entdeckung des lange verschollenen Horváth-Stücks "Niemand" galt 2015 als Sensation. Jetzt ist es im Deutschen Theater in Berlin zu sehen. Regisseur Parízek präsentiert das milieusatte Sittenbild eher spielerisch.

Arno Declair

Er ist der Dichter, der eine seiner Frauenfiguren die schönen Worte sagen lässt: "Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich, aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln. Und das Leben geht weiter, als wär man nie dabei gewesen." Der im Jahr 1901 geborene und 1938 gestorbene Dramatiker Ödön von Horváth hat sich viele tapfere, störrische, zum Untergang verdammte Heldinnen ausgedacht wie die Karoline in seinem bekanntesten Theaterstück "Kasimir und Karoline", die diese Sätze spricht.

Eine wie Karoline steht nun auf der kahlen Kammerspielbühne des Deutschen Theaters in Berlin. Die Schauspielerin Wiebke Mollenhauer ist sehr bleich um die Nase, trägt ein paar ärmliche Fetzen am Leib und übt sich darin, sich mit Leidensblick und osteuropäischem Akzent vorzustellen - als angehende Hure mit dem aparten Namen Ursula.

"Niemand" heißt das Theaterstück, das hier in einer späten deutschen Erstaufführung gespielt wird. Es ist angesiedelt in einem engen, finsteren Mietshaus. Der noch unbekannte 23-jährige Schriftsteller Horváth hat es im Jahr 1924 im Berliner Verlag Die Schmiede abgeliefert. Kein Theater wollte es damals aufführen, der Verlag ging pleite, das Stück war mehr als 90 Jahre lang verschwunden - bis es 2015 bei einer Auktion in Berlin wieder auftauchte. Man feierte das Manuskript als literaturhistorische Sensation.

Dem Autor Horváth, der später in Romanen wie "Jugend ohne Gott" und in Stücken wie "Geschichten aus dem Wiener Wald" oder "Glaube Liebe Hoffnung" so eindringlich von moralischer Entwurzelung, Weltangst und ökonomischem Elend erzählen sollte, sei hier noch kein Meisterwerk gelungen, verkündete der Philologe Klaus Kastberger, der die historisch-kritische Horváth-Gesamtausgabe betreut - aber immerhin "das ambivalenteste und komplexeste Stück aus seinem Frühwerk".

Im Deutschen Theater zeigt der Regisseur Dusšan David Parízek, wie wackelig und widersprüchlich diese "Tragödie in sieben Bildern" konstruiert ist. Parízek lässt ein durchgehend junges Ensemble aus drei Frauen und vier Männern erstmal mit Rasseln, Reiben und Zupfinstrumenten musizieren. So zetteln sie eine Art Klingelstreich an, der uns nach und nach in die Einzelwohnungen und Abseiten des Mietshauses führt.

Die Rückseite der Bühne ist eine Wand aus dem gleichen braunen Parkett, das auch als Bühnenboden verlegt ist; diesen schlichten Raum hat sich Parízek selbst ausgedacht - als Tanzboden für einen Reigen, der uns lauter Halbtote und Verkümmerte vorführt.

"Die Zukunft ist tot"

Das verhärmte Mädchen Ursula der Darstellerin Mollenhauer entschließt sich, statt auf den Strich zu gehen, den ziemlich gruseligen Besitzer des Hauses zu heiraten. Der heißt Fürchtegott Lehmann und ist ein Wucherer und Monster. Der schlaksige Schauspieler Marcel Kohler schlurft auf Krücken auf und ab, weil Lehmann verkrüppelte Gliedmaßen hat, "Kinderbeine", wie er sagt. Dazu zieht Kohler dem Mund schief und lässt sich trotz seiner Lulatschgröße auch mal von seiner frisch angeheirateten Gattin auf Händen tragen, als sei er die Braut. "Ich hasse Mitleid", lautet Lehmanns Credo.

In seinem Haus beherbergt er unter anderem den verkrachten Musiker Klein (Elias Arens), den derben Zuhälter Wladimir (Henning Vogt) und eine gossenweise Hure mit dem sprechenden Namen Gilda Lamour (Franziska Machens). Alle reden sie Sätze, die ein bisschen expressionistisch aufgebläht wirken. "Die Zukunft ist tot", zum Beispiel, "Gott ist niemand" oder dass es entsetzlich sei, "wenn man leben muss und nicht mehr träumen kann".

Die weitgehend dem Originaltext folgende Uraufführung des "Niemand"-Texts fand im vergangenen Herbst im Wiener Josefstadt-Theater statt und stieß auf eher maue Resonanz. Das verschafft Parízek und seinen Darstellern die Freiheit, sich in Berlin eher spielerisch mit diesem milieusatten und grell ausgemalten Sittenbild zu beschäftigen.

Dass sich der Zuhälter eines Mordes schuldig macht, dass die Prostituierte Lamour für diesen Mord im Gefängnis schmoren soll, dass der Musiker Klein auf der Straße landet, wird hier alles nebenbei erzählt. Man singt sehr schöne Lieder aus Tarantino-Filmen und Schummerkneipen und konzentriert sich auf das finstere, aber nur möglicherweise tragische Schicksal des Fürchtegott Lehmann.

Der scheinbar zynische Mietshausbesitzer wird weich, weil die junge Gattin Ursula sich vor ihm ekelt und mit seinem plötzlich aufgetauchten Bruder, einem lauten und erzbösen Kommisskopf (Frank Seppeler), ins Bett steigt. "Ich sehe ein, dass es ungerecht zugehen muss", verkündet das Serviermädchen aus der Straßenkneipe (Lisa Hrdina) einmal, "weil die Menschen ja keine Menschen sind".

In unterhaltsamen zwei Stunden schildert Parízeks "Niemand" eine sehr ferne Welt. Das macht einerseits die Stärke und die Aufrichtigkeit dieses Theaterabends aus: dass er gar nicht erst so tut, als könnte das Los der Elendsmenschen, die der Autor Horváth hier mit etwas großkotziger Jungdichter-Attitüde vorführt, den heutigen Zuschauerinnen und Zuschauern ans Herz gehen und einen Spiegel der Gegenwart vorhalten. Andererseits enttäuscht diese nette Revue die Sehnsucht nach einem großen Horváth-Streich, die der Rummel um das wiedergefundene Stück-Manuskript geweckt hatte.

Schuld an dieser Enttäuschung ist nicht der Regisseur, sondern die an diesem Abend offensichtliche Erkenntnis: In "Niemand" übte der Dichter Horváth noch.


"Niemand". In den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin, nächste Vorstellungen am 30.3. sowie 8., 18. und 25.4., www.deutschestheater.de



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