Öffentlich-rechtliche Sender BBC verordnet sich radikale Schrumpfkur im Internet

Die BBC greift zur Axt: Laut einem Zeitungsbericht will die öffentlich-rechtliche Anstalt Radiosender, Fernsehprogramme und Web-Seiten eindampfen. Das Online-Budget soll drastisch gekürzt werden. Pointe: Die Maßnahmen sind ein strategisches Manöver mit Blick auf die nächsten Unterhauswahlen.

BBC-Hauptquartier in London: Mehr "original britische Inhalte"
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BBC-Hauptquartier in London: Mehr "original britische Inhalte"


London - Die BBC ist eine Marke, die rund um den Globus geschätzt wird. Ihre Programme laufen in fast allen Ländern der Welt, ihre Web-Seiten zählen zum Besten, was das Internet zu bieten hat. Doch daheim in Großbritannien steht der öffentlich-rechtliche Sender seit längerem unter massivem Druck.

Neidisch blicken die von der Rezession gebeutelten privaten Fernsehsender und Verleger auf die scheinbar unerschöpflichen Ressourcen der Anstalt. 3,6 Milliarden Pfund erhält die BBC pro Jahr von den Gebührenzahlern - mehr, als alle anderen Fernsehsender zusammen mit Werbung einnehmen. Während die Privaten sparen müssen, kann die BBC ihre dominante Position in der Krise noch ausbauen. Analog zur ganz ähnlich gelagerten Debatte in Deutschland wurde daher zuletzt die Forderung laut, dass der öffentlich-rechtliche Sender seinen Expansionshunger zügeln und sich auf seinen öffentlichen Kernauftrag besinnen soll.

BBC-Chef Mark Thompson will dem Druck nun offensichtlich nachgeben. Laut "Times" wird er im März scharfe Einschnitte in etlichen Bereichen der Sendeanstalt ankündigen. Zwei Nischen-Radiosender stehen zur Disposition, mehrere Fernsehprogramme für Teenager sollen eingestellt und das Online-Budget um 25 Prozent gekürzt werden. Das Budget für den Ankauf von ausländischen Serien wie "The Wire" soll um ein Viertel schrumpfen, die Ausgaben für Sportereignisse auf 300 Millionen Pfund im Jahr begrenzt werden.

Sparmaßnahmen in Serie

Insgesamt sollen laut "Times" 600 Millionen Pfund eingespart werden, die an anderer Stelle wieder investiert werden könnten. Die BBC gibt also unterm Strich nicht weniger Geld aus, sondern setzt bloß ihre Prioritäten neu. So sollen die 25 Millionen Pfund, die bei importierten TV-Serien gespart werden, in Eigenproduktionen auf BBC2 fließen. Vom Sender gab es keine Bestätigung der Pläne. Die Diskussion laufe noch, eine Entscheidung sei nicht gefallen, hieß es aus Kreisen des BBC-Aufsichtsgremiums.

Doch die Nachricht ist plausibel. Bereits im November hatte Thompson versprochen, sich künftig mehr auf die Bereitstellung "original britischer Inhalte" zu konzentrieren. In Krisenzeiten sei es wichtiger denn je, dass die Fernsehgebühren als "Motor kreativer Investitionen in britisches Talent" fungierten, hatte der Generaldirektor gesagt. Dafür werde man einige Programme kürzen und sich auch die Web-Aktivitäten genau ansehen.

Mit dem Vorstoß will Thompson den BBC-Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen. Die private Konkurrenz klagt seit langem, dass der öffentlich-rechtliche Gigant zu einem Kraken geworden sei, der den Mitwettbewerbern die Luft abdrücke. Mit der Expansion in den Zeitschriftenmarkt und das Internet schieße der Fernsehsender weit über das Ziel der Grundversorgung hinaus und verzerre den Wettbewerb. Die Kritik fällt in der Politik auf fruchtbaren Boden - besonders bei den Konservativen, die sich traditionell als Verteidiger des freien Marktes sehen.

Angstgegner Murdoch

Thompsons Vorschläge werden denn auch als präventiver Kotau vor einer möglichen konservativen Regierung gewertet. Sollten die Tories wie erwartet die anstehenden Unterhauswahlen gewinnen, würde der Einfluss des Hauptgegners der BBC enorm steigen. Medienzar Rupert Murdoch hat sich bereits das Ohr des konservativen Parteichefs David Cameron gesichert, weil er im Gegenzug seine Zeitung "The Sun", das mächtigste Boulevardblatt des Landes, für die Konservativen Wahlkampf machen lässt.

Murdoch kämpft seit Jahren gegen die BBC. Sie ist der Hauptrivale seines Fernsehsenders Sky und der Online-Angebote seiner Zeitungen, darunter der "Times". Der nun enthüllte BBC-Sparplan liest sich wie eine Wunschliste des australischen Medienunternehmers.

Dennoch ging der BBC-Sparkurs der "Times" nicht weit genug. Thompsons Vorstoß sei nur ein Ablenkungsmanöver, um die nächste Regierung von der BBC fernzuhalten, schimpfte ein Leitartikler. Die vorgeschlagenen Veränderungen seien bloße Kosmetik. Dass es sich nicht um eine wirkliche Schrumpfung der BBC handele, zeige schon die Tatsache, dass die Fernsehgebühr nicht sinken solle. Es reiche nicht, "ein paar Radiosender abzuschalten, die niemand hört", schrieb der Kommentator.

Die Internetaktivitäten der BBC sind Murdoch ein besonderer Dorn im Auge, weil sie seinen Plan unterminieren, Geld für Artikel im Internet zu verlangen. Die BBC-Web-Seiten hätten "Arbeitsplätze, Existenzen und Kreativität zerstört, indem sie Gratis-Inhalte auf Märkte werfen, wo Rivalen ohne Subventionen auskommen müssen", schrieb die "Times".

Die Kritik an öffentlich-rechtlichen Internetangeboten wird von anderen Verlegern geteilt. Sollte die BBC tatsächlich wie berichtet ihr Web-Angebot halbieren, würde dies in der Branche begrüßt, schrieb der "Guardian". Für die BBC wäre es eine radikale Kehrtwende: Vor einem Jahr war noch eine Aufstockung des Online-Budgets um knapp ein Drittel auf 145 Millionen Pfund pro Jahr beschlossen worden. Nun droht stattdessen einem Viertel der Online-Mitarbeiter der Arbeitsplatzverlust.



insgesamt 5 Beiträge
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Thomas Kossatz 26.02.2010
1. BBC - erste Wahl
Zitat von sysopDie BBC greift zur Axt: Radiosender, Fernsehprogramme und Webseiten will die öffentlich-rechtliche Anstalt eindampfen. Das Online-Budget soll drastisch gekürzt werden. Pointe: Die Maßnahmen sind ein strategisches Manöver mit Blick auf die nächsten Unterhauswahlen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,680619,00.html
Ich bin seit Jahrzehnten Fan der BBC, nutze die Online-Angebote intensiv und schaue auf den Mitleid erregenden Zustand der Deutschen Welle. Die Entscheidung ist falsch. Wenn von Murdock bis SPIEGEL alle Meinung machen und dem Geld nachlaufen, dann muss es auch jemand geben, der sich um die Nachrichten kümmert. Information ist auch Ware, aber eben nicht nur.
snickerman 26.02.2010
2. Sklaven der Verleger!
So wird die Politik also von den Verlegern für ihre Zwecke missbraucht, in Frankreich (Three-Strikes-Law) hat ja auch die Medien/Contentmafia die passenden Gesetze diktiert... Stefan Niggemeier sagte dazu vor ein paar Tagen: "Das Elend der Debatte um ARD und ZDF Es ist wie ein schlimmer Tinnitus. Ein nerviges Klingeln, das nie wieder aufhört. Seit Monaten läuten Verleger und Privatsender ununterbrochen irgendwelche Alarmglocken. Jeden Tag beschwert sich irgendein Lobbyist wieder lautstark über irgendeine Ungerechtigkeit, beklagt irgendeine Ungeheuerlichkeit, kündigt Eingaben, Klagen, Proteste an. Und jedesmal steht damit alles auf dem Spiel: Die Existenz von tausenden Arbeitsplätzen. Die Zukunft des Journalismus. Die Grundlage unserer Medienordnung. Das Funktionieren der Demokratie." ~~~ http://www.stefan-niggemeier.de/blog/das-elend-der-debatte-um-ard-und-zdf/ Unbedingt lesen, ist ein langer, aber sehr wichtiger und gut geschriebener Artikel, der genau zum Thema passt, nur das dieser Teil der Posse hier im Lande spielt!
stanis laus 26.02.2010
3. Gewaltig?
"3,6 Milliarden Pfund erhält die BBC pro Jahr von den Gebührenzahlern - mehr, als alle anderen Fernsehsender zusammen mit Werbung einnehmen." In Old Germany kassiert die GEZ für die Fernsehanstalten 7,2 Mrd. €. Für deren Politpropaganda, Kochshow´s und Wiederholungen alter BBC-Filme.
kanone3 26.02.2010
4. Onlinebudget
Wer will, dass die öff.-rechtl. Medien ihr Onlineangebot kürzen, der will einfach nur den Tod auf Raten in den nächsten paar Jahren. Das klassische Fernsehen wird an Bedeutung verlieren, das Onlineangebot massiv an Bedeutung gewinnen.
Zero Thrust 26.02.2010
5. lo and behold!
Zitat von stanis laus"3,6 Milliarden Pfund erhält die BBC pro Jahr von den Gebührenzahlern - mehr, als alle anderen Fernsehsender zusammen mit Werbung einnehmen." In Old Germany kassiert die GEZ für die Fernsehanstalten 7,2 Mrd. €. Für deren Politpropaganda, Kochshow´s und Wiederholungen alter BBC-Filme.
*g* ..da ist echt was dran. Also falls die Zahlen so stimmen und beide wirklich auf der gleichen "Ebene" zur Verfügung stehen, ist es kaum nachvollziehbar. Ein Erklärungsansatz, der mir in den Sinn käme, wäre vielleicht höchstens noch bei den vielen (über)regionalen "Ablegern" der Öffentlich-Rechtlichen zu suchen, also NDR, WDR, SWR, wie sie alle heißen - ich liege doch richtig in der Annahme, dass die auch aus diesem Topf speisen?! Ich weiß, eine im weitesten Sinne vergleichbare Struktur gibt es auch in Großbritannien, aber das ist eben auch nur im weitesten Sinne vergleichbar. Diese ganzen Landesrundfunkanstalten werden doch unverschämte Batzen verschlingen... Was soll's, um Hochachtung vor der BBC zu haben, hab ich diesen Gegensatz vor Augen jetzt nicht gebraucht, denn die hab ich sowieso. Aber bemerkenswert ist es auf jeden Fall! Weiterhin schließ' ich mich dem "BBC-Fan" dort oben an. Sollte es so kommen, wie beschrieben, wäre es echt schade. Ich schätze die BBC ebenfalls sehr - besonders die Rundfunkprogramme sind für meinen Geschmack und mit Verlaub um Welten besser, als jede deutsche Entsprechung.
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