Öffentlich-rechtliche Sender Reflexionsniveau einer Streichholzschachtel

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist zur Simplifizierungsmaschine verkommen. Es muss sich grundlegend wandeln, wenn es der komplexen Gegenwart gerecht werden will.

ARD-Schaltraum
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Ich habe so oft über das deutsche Fernsehen geschrieben in den vergangenen Jahren, und immer wieder stellte sich dabei die Frage, was das kulturelle Versagen besonders der öffentlich-rechtlichen Sender mit den politischen Verschiebungen in diesem Land zu tun hat.

Es ging dabei oft um die Unfähigkeit der Nachrichtensendungen, sich von der staatstreuen Dackelhaltung der Fünfzigerjahre zu lösen, journalistisch im frühen 21. Jahrhundert anzukommen und eine eigene Rolle in einem neuen Land zu definieren.

Das sture Einfach-Weitermachen und das Wir-fragen-am-liebsten-Politiker und das Sich-vor-den-Reichstag-stellen-und-so-tun-als-sei-das-Politik hat seine Berechtigung verloren und ist grundsätzlich gefährlich geworden, gefährlich für die Demokratie, weil sie auf das Reflexionsniveau einer Streichholzschachtel reduziert wurde.

Es ging aber auch immer wieder um die Qualität der öffentlich-rechtlichen Serien und des Erzählfernsehens generell, es ging um das stets uneingelöste Versprechen von komplexen neuen Formaten, wie sie aus den USA, aber auch aus Frankreich oder Dänemark schon lange bekannt sind, es ging um die bizarre Kombination von Krimis und Komödien, es ging um das dauernde Melodram und ein Land im Mehltau - und wie beides zusammenhängt.

Was also bedeutet es, wenn es zwei Fernsehextreme gibt, Verbrecherjagd und Realitätsflucht, also einerseits die Polizei Abend für Abend als die wichtigste Institution des Landes, Deutsche auf dauernder Tätersuche, und andererseits das große Eiapopeia einer Gesellschaft im luftleeren Raum, Provinz-Possen und Rentner-Romantik?

Medienkritik ist im Idealfall immer Gesellschaftskritik

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen, hier kann man immerhin eine selbst formulierte Verantwortung ausmachen, ist seit Jahren und Jahrzehnten eine Simplizifierungsmaschine geworden - wo es doch das ideale Medium wäre, in diesem "golden age of television", wie es in Amerika heißt, gerade die Komplexität unserer Zeit zum Thema zu machen, von Transgender-Liebe bis Mittelschichts-Angst, von Drogen, Krieg und Terror.

Die dauernde Banalisierung aller Lebensverhältnisse hat dabei dazu geführt, dass so etwas wie "das Böse" selbst im Krimi praktisch nie vorkommt, alles wirkt therapeutisch abgefedert - so als sitze bei den Deutschen der Schreck vor "dem Bösen" so tief, seit sie den Judenmord verantwortet haben. Die Folge davon ist aber, dass man "das Böse", das man in der Fiktion verbannt hat, auch in der Wirklichkeit nicht mehr erkennt.

Das Fernsehen hat so mitgeholfen, das Land in einen Kokon zu verspinnen, gerade in einer Epoche, die von elementaren Brüchen durchzogen ist - die bornierte und destruktive Sparpolitik in der Eurokrise war so leichter durchsetzbar, das Abschotten vor Krieg und Flucht und vor dem massenhaften Tod auf dem Mittelmeer war eher möglich, das Verleugnen von rechtem Denken und rechtem Terror.

Und jetzt, nach Hunderten Anschlägen auf Ausländerunterkünfte, bei denen niemand nach der Bundeswehr im Inneren rief, soll auf einmal "alles anders sein", weil der islamistische Terror auch in Deutschland angekommen ist - ja, überrascht kann man da nur sein, wenn man seit Jahren den Kopf in den Sand gesteckt und die Welt trivialisiert hat.

Geht halt nicht anders, heißt es dann aus den Schaltzentren der Angst, will doch keiner sehen, sagen Redakteure, die nur an die Quote denken und die eigene Mutlosigkeit verwalten und dabei selbstherrlich regieren in einem System, das vor vielen Jahrzehnten entstanden ist und sich so verändert hat, dass es an ein Ende gekommen ist, kulturell, politisch, strukturell, ökonomisch.

Wenn es die Sender nicht schaffen, sich eine wirkliche inhaltliche Berechtigung zu verschaffen, die Automatismen und Abläufe entscheidend zu verändern, die Herausforderung der überbordenden Rentenrechnungen zu meistern - dann werden sie irgendwann dem Druck der Verhältnisse nicht länger standhalten.

Die Herausforderung, vor der das öffentlich-rechtliche Fernsehen steht, ist dabei eine Herausforderung, vor der viele Institutionen in diesem Land stehen, das sich seit seiner Gründung gewandelt hat: Wie kann man sie verändern, ohne sie zu zerstören - oder muss man sie zerstören und neu bauen?

Medienkritik hatte früher oft das Problem, dass sie wie rückwärtsgewandter und selbstgefälliger Kulturpessimismus wirkte; Medienkritik hat heute oft das Problem, dass man von Trollen, Verschwörungstheoretikern oder anderen Nervensägen bejubelt wird, die noch hinter der GEZ die Weisen von Zion am Werk sahen.

Medienkritik ist aber im Idealfall immer Gesellschaftskritik, die dazu dient, dieses Land heller und besser zu machen, offener, kritikfähiger, konfliktfähiger, erwachsener, realistischer, klüger.

Was wir brauchen, ist ein grundsätzlich anderes öffentlich-rechtliches Fernsehen, anders strukturiert, anders organisiert, anders ausgerichtet, bereit, Fehler zu machen, weil man das Richtige versucht.

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insgesamt 304 Beiträge
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franxinatra 07.08.2016
1. Dann fange mal mit der bento-box an...
werter SPON, denn nach einigen Besuchen traue ich da nicht mehr hinein zu schauen. Focus meets Sendung mit der Maus....
StFreitag 07.08.2016
2. Der Autor
hat mit seiner Diagnose durchaus recht, nur wünscht er sich dann leider eine Instrumentalisierung entsprechend seinen politischen Vorlieben. Das ist schade.
GPTip.com 07.08.2016
3.
Ja das ist Staats - pardon - öffentlich-rechtliches Fernsehen: miese Qualität, politisch vorauseilend gehorsam und überkorrekt, mit der Politik verstrickt und verfilzt und das alles für nur 8 Milliarden EUR pro Jahr.
syracusa 07.08.2016
4. Deutschlandfunk als Vorbild
Der Deutschlandfunk könnte durchaus als Vorbild für den bürgerrechtlichen ÖRR taugen, wenn der Mensch nun mal leider nicht so wäre, wie er ist: denkfaul, sensationsgierig. Den seichten Programminhalten der Privatsender muss der ÖRR leider auch gleich seichte Programme entgegen halten, wenn er nicht seinen Verfassungsauftrag verraten will, der u.a. darin besteht, Meinungsmonopole zu verhindern. Immerhin sind die seichten Angebote des ÖRR noch von den Bürgergremien auf Einhaltung bestimmter Werte kontrolliert. Tatsächlich bietet der deutsche ÖRR zu jeder Tages- und Nachtzeit auch höchst anspruchsvolle Inhalte. Die Frage ist doch eher, wie man die breite Masse des Volks dazu bringen kann, diese Inhalte zu rezipieren. Der einzige Kritikpunkt, den ich am deutschen ÖRR habe, ist zu wenig Selbstreflexion und zu wenig Transparenz über interne Vorgänge. Da würde schon eine halbstündige´wöchentliche Sendung á la "Wir über uns" helfen, die es vor Jahrzehnten mal gegeben hat, in der dann Diskussionen aus den Rundfunkräten und andere Interna medial vermittelt werden.
dmenz 07.08.2016
5. Soso.
Mit Sand auf die andern schmeissen, das geht immer.Aber man puhle doch zum Beispiel mal kurz im eigenen Bauchnabel. Und was findet man?Na, Herr Diez? Was findet man Man hat nämlich, lieber Spiegel, bei Euch leider auch den Eindruck, als würdet ihr a) nach unten teilweisekine Grenzen kennen, b) , versuchen, "gehobenen" Boulevardjournaismus zu betreiben und c) nicht unversucht lassen, um doch vielleicht auch in den Reigen jener Öffentlich-Rechtlichen aufgenommen zu werden.Wenigstens finaziell Würde der Spiegel Nein sagen, wenn die KEF sagen würde, so, ihr habt so schön mitgemacht beim Russenbashing , hier habt ihr eine Belohnung in Höhe von 15Millionen?
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