Kampf für Frauenrechte Von Österreich lernen

Österreich eignet sich politisch betrachtet nicht gerade als Vorbild - mit einer Ausnahme: einer Initiative für mehr Frauenrechte. Die ist nachahmenswert, denn auch in Deutschland ist noch Luft nach oben.

Medienaktion des Vereins Frauen*Volksbegehren im April
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Medienaktion des Vereins Frauen*Volksbegehren im April

Eine Kolumne von


Österreich ist ein interessantes kleines Land, auch wenn man es sich in gesellschaftlicher Hinsicht nicht unbesehen zum Vorbild nehmen sollte. Ich bin natürlich gegen Vorurteile, aber wenn etwas aus Österreich kommt und man es weder essen noch trinken kann, ist eine gewisse Skepsis angebracht.

Was auf den ersten Blick aussieht wie ein Hipster, könnte auch ein Nazi sein, und was auf den ersten Blick aussieht wie Journalismus, könnte auch die "Kronen Zeitung" sein. Manchmal wirkt dieses Österreich wie eine bergige Parallelwelt, in der man sich anschauen kann, was aus Deutschland werden könnte, wenn hier noch mehr schiefginge. Um sich selbst besser zu ertragen, hat Österreich einst Punschkrapfen und Psychoanalyse erfunden, doch beides funktioniert nicht immer.

Manchmal haben die Österreicherinnen aber auch gute Ideen. Im Moment gibt es in Österreich die Initiative "Frauen*Volksbegehren". In der Zeit vom 1. bis zum 8. Oktober kann das Volksbegehren unterschrieben werden; da die Initiatoren aber schon im Vorfeld mehr als 100.000 Unterschriften gesammelt haben, ist schon jetzt klar, dass sich das Parlament mit den Forderungen der Initiative wird auseinandersetzen müssen: mehr Macht und Geld für Frauen, bessere Kinderbetreuung, Förderung von Vielfalt und Aufklärung, mehr Gewaltprävention, lauter Dinge, die die soziale und wirtschaftliche Gleichstellung der Geschlechter voranbringen sollen. Das Ganze ist eine riesige Aktion, von der man aber in Deutschland kaum etwas mitbekommt, wenn man nicht gerade im feministischen Darknet unterwegs ist.

Da geht noch was

Es gab in Österreich schon mal ein Frauen-Volksbegehren, das war 1997. Der sogenannte "unbereinigte" Gender Pay Gap lag in Österreich damals bei 27 Prozent, heute vor zwei Jahren lag er immer noch bei gut 20 Prozent (etwas besser als in Deutschland, aber schlechter als der EU-Schnitt; "unbereinigt" in Anführungszeichen, weil das, was da noch rausgerechnet werden kann - Teilzeit etc. - zwar Erklärungen für die Lücke liefert, aber den faktischen Unterschied auf dem Konto nicht besser macht). Mit anderen Worten: Es geht noch was. Die erste Initiative war trotzdem zum Teil erfolgreich, unter anderem wurde die Kinderbetreuung ausgebaut und die Strafen bei häuslicher Gewalt wurden erhöht.

Die Forderungen der aktuellen Initiative gehen noch wesentlich weiter: Die Arbeitszeit für alle soll schrittweise reduziert werden - frage mich, wie jemals jemand dagegen sein könnte -, die Kosten für Schwangerschaftstests und -abbrüche sollen von Krankenkassen übernommen werden, ebenso die für Verhütungsmittel, wenn sie nicht direkt in Beratungsstellen kostenfrei verfügbar gemacht werden können. Alle Forderungen können Sie hier lesen.

Im Moment sieht es nicht besonders gut aus für die feministische Bewegung in Österreich. Die Frauenministerin will das Frauen*Volksbegehren nicht unterstützen, feministischen und migrantischen Initiativen wird die Unterstützung gekürzt.

Mindestens zwei Dinge lassen sich aus der Initiative zum Frauen*Volksbegehren direkt auf Deutschland übertragen:

  • Das erste liegt auf der Hand: Man könnte das alles hier auch fordern, in genauso großem Umfang - oder meinetwegen noch größer -, als Petition an den Bundestag. Unterschiedliche Bezahlung ist in Deutschland genauso ein Problem wie in Österreich, außerdem Altersarmut bei Frauen, ein unzureichendes Abtreibungsrecht, mangelnde Gewaltprävention, desaströse Zustände in Frauenhäusern, Armut bei Alleinerziehenden, ungenügende Kitaplätze - die Liste ist sehr lang. Dafür, dass oft behauptet wird, im heutigen mitteleuropäischen Feminismus gehe es nicht mehr wirklich um "Frauenrechte", sondern um kleinere Alltagsfragen, gibt es enorm viel an der gesetzlichen Situation zu verbessern.
  • Die zweite Sache: Wer sich die Forderungen zum Frauen*Volksbegehren durchliest, wird feststellen, dass das allermeiste gar nicht nur Frauen und Mädchen betrifft, sondern für alle Geschlechter gut wäre. Wenn alles am Ende in Erfüllung gehen würde, was von der Initiative gewünscht wird, wären die einzigen, die darunter leiden würden: Männer, die Frauen keine öffentlichen Stimmen und nicht genug Geld zugestehen wollen; Männer, die gerne Frauen schlagen; alle, die gerne sexistische Werbung mögen und gegen sexuelle Selbstbestimmung sind. Und na ja, auch Frauen, die gerne als geknechtete Wesen leben.

Anfang Oktober wird man sehen können, wie viele es davon gibt.

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insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
kuhndi 18.09.2018
1. Ganz schön arrogant
das Bild das Frau Stokowski von Österreich zeichnet. Glauben Sie den Deutschland gibt nach aussen ein besseres Bild? Nein! Das bilden Sie sich nur ein dank Ihrer deutschen Überheblichkeit. Gruss aus der Schweiz.
Tingletangle 18.09.2018
2. Frau Stokowski
spricht es ja selber indirekt an: In dem gesamten Artikel ging es um kein einziges "Recht" das sich die Österreicherinnen erstreiten wollen. Es geht um üppige Sozialleistungen, die noch üppiger ausfallen sollen. Das ist alles. Man, pardon frau, will an die Geldtöpfe (die zum großen Teil von Männern gefüllt werden). ich sage nicht dass manche der Anliegen nicht durchaus legitim sein mögen. Aber bitte hört auf, es als einen Kampf um "Frauenrechte" zu deklarieren.
Christoph 18.09.2018
3.
---Zitat--- "unbereinigt" in Anführungszeichen, weil das, was da noch rausgerechnet werden kann - Teilzeit etc. - zwar Erklärungen für die Lücke liefert, aber den faktischen Unterschied auf dem Konto nicht besser macht). ---Zitatende--- Nein, den faktischen Unterschied auf dem Konto macht das nicht besser - dafür aber die Lebensqualität, weil mehr Zeit für das Privatleben bleibt. Glaubt halt nicht jeder, dass man sich selbst verwirklicht, wenn man fünf Tage in der Woche von morgens bis abends quasi wie eingesperrt sich am Arbeitsplatz aufhalten muss und dort das tun muss, was vom Arbeitgeber verlangt wird. Und in den meisten Fällen geben Mann und Frau das Geld sowieso gemeinsam aus, ganz egal, wer es nun der abhängigen Erwerbsarbeit herangeschafft hat.
wasdunichtwillst 18.09.2018
4. Verantwortung für eigene Entscheidung
'"unbereinigt" in Anführungszeichen, weil das, was da noch rausgerechnet werden kann - Teilzeit etc. - zwar Erklärungen für die Lücke liefert, aber den faktischen Unterschied auf dem Konto nicht besser macht' Also ich würde mir auch wünschen, dass ich nur Teilzeit arbeite, aber gleichzeitig daselbe verdiene wie in Vollzeit. Leider ist mein Arbeitgeber nicht dazu bereit. Das hat nicht mal etwas mit meinem Geschlecht zu tun. So muß ich wohl die Verantwortung über meine Entscheidung tragen und für meinen gegenwärtigen Verdienst auch Vollzeit arbeiten.
FocusTurnier 18.09.2018
5. Also mehr Geld für weniger Arbeit
Zitat von ChristophNein, den faktischen Unterschied auf dem Konto macht das nicht besser - dafür aber die Lebensqualität, weil mehr Zeit für das Privatleben bleibt. Glaubt halt nicht jeder, dass man sich selbst verwirklicht, wenn man fünf Tage in der Woche von morgens bis abends quasi wie eingesperrt sich am Arbeitsplatz aufhalten muss und dort das tun muss, was vom Arbeitgeber verlangt wird. Und in den meisten Fällen geben Mann und Frau das Geld sowieso gemeinsam aus, ganz egal, wer es nun der abhängigen Erwerbsarbeit herangeschafft hat.
Und wieso soll das nur Frauen betreffen? In der Tageswoche findet sich ein Interview mit den Initiatorinnen: https://tageswoche.ch/form/interview/warum-braucht-es-einen-frauenstreik/ Irgendwie gehts da um "strukturelle Diskriminierungen" und so.....das Übliche.
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