Wiener Aktionismus Skandalkünstler Otto Muehl gestorben

Er provozierte, mit Kot, Blut und Gedärmen - der Aktionskünstler Otto Muehl wollte die Trennung von Kunst und Leben aufheben. Überschattet wurde beides von einem Missbrauchsskandal: Er verbüßte eine Gefängnisstrafe wegen Unzucht und Vergewaltigung. Nun starb er im Alter von 87 Jahren.

DPA

Der umstrittene Aktionskünstler Otto Muehl ist tot. Am Sonntag ist der österreichische Aktionist und Kommunengründer im Alter von 87 Jahren gestorben. Entsprechende Medienberichte bestätigte die Leiterin des Muehl Archivs, Danièle Roussel, Sonntagnacht der österreichischen Nachrichtenagentur APA. Muehl sei "friedlich im Kreis seiner Freunde in Portugal gestorben", sagte Roussel.

Der 1925 im burgenländischen Grodnau geborene Muehl gehörte mit Künstlern wie Günter Brus und Hermann Nitsch zu den wichtigsten Vertretern des Wiener Aktionismus. Aktionen mit Blut, Exkrementen und Urin sorgten in den sechziger Jahren immer wieder für Skandale. Sexualität und das Herantasten an künstlerische wie gesellschaftliche Tabus spielten eine große Rolle in seinen Werken. Seine Aktionen trugen Titel wie "Versumpfung einer Venus" oder "Pissaktion"; bei der "Weihnachtsaktion" in Braunschweig 1969 wurde eine nackte Frau mit den Eingeweiden eines Schweins überschüttet.

Ein zentrales Anliegen des früheren Lehrers war es, die Trennung zwischen Kunst und Leben aufzuheben. 1970 gründete Muehl eine Kommune in der österreichischen Hauptstadt, von 1972 bis 1990 stand er auf dem Landgut Friedrichshof im Burgenland bis zu 700 Jüngern vor; die Kommune hatte eine eigene Grundschule und konnte sich aus dem Erlös von Börsenspekulationen eine Dependance auf der Kanaren-Insel Gomera leisten.

Doch das "sozialsexuelle utopische Projekt" scheiterte fürchterlich. 1991 wurde Muehl unter anderem wegen "Beischlaf mit Unmündigen, Unzucht und Vergewaltigung", sowie wegen Verstößen gegen das Suchtgiftgesetz zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er sechseinhalb absitzen musste. In dem Verfahren sagten Zeugen aus, dass die sogenannte Führungsgruppe um Muehl mit psychischem Druck und körperlicher Gewalt in der Kommune rigide geherrscht habe.

Seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis lebte Otto Muehl in der "Art & Life Family"-Kommune im Süden Portugals. Als Künstler wurde er in jüngerer Zeit rehabilitiert, das Museum für angewandte Kunst in Wien (MAK) widmete ihm 2004 eine große Retrospektive - in deren Umfeld sich weitere Missbrauchsopfer zu Wort meldeten.

Im Jahr 2010 entschuldigte er sich erstmals öffentlich. Der Brief wurde anlässlich einer Ausstellung im Wiener Leopold Museum verlesen - für einen persönlichen Auftritt litt Muehl bereits zu stark an der Parkinson-Krankheit.

feb/AFP/dpa



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