Off-Off-Theater in Hamburg "Auch Amateure gehören dazu"

Theater ohne Technik und teure Kostüme: Beim "Fringe"-Festival in Hamburg trifft sich die alternative Off-Szene. Organisator Christian Psioda erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, warum hier die innovativsten Ideen entstehen - und Scheitern dazugehört.

SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE: Sie organisieren das Theaterfestival "Fringe", bei dem Namen denken viele an eine amerikanische Fernsehserie. Was bedeutet er wirklich?

Psioda: Fringe steht für Umrandung, das können auch die Fransen an einem Teppich sein - oder auch Randgruppen, im positiven Sinne. Bei uns treten diejenigen auf, die nicht arriviert sind, die in einem Kollektiv arbeiten wollen, institutionell unabhängig, nicht an einem Staats- oder Stadttheater. Viele sind Idealisten, die sagen: "Ich verzichte auf ein geregeltes Einkommen, weil ich für die Kunst leben will." Fringe sind rund 40 der 120 Stücke des diesjährigen "Kaltstart"-Festivals (siehe linke Spalte).

SPIEGEL ONLINE: Also ist Fringe ein Festival fürs Off-Theater?

Psioda: Fringe ist sogar Off-Off. Das klingt ein wenig albern, aber die Off-Theater sind ja erstmal die kleinen, privaten Stadttheater. Die kriegen meist Zuschüsse, finanzieren sich aber überwiegend aus Dachverbänden oder Stiftungen. Fringe ist noch unabhängiger. Das sind Produktionen, die zum Teil höchstens in Kooperation mit Off-Theatern entstanden sind.

SPIEGEL ONLINE: Zum Konzept von Fringe gehört, dass praktisch jeder mitmachen darf. Gibt es da nicht auch viel Schrott?

Psioda: Wir haben uns die deutschsprachige freie Theaterszene angeguckt und Seniorengruppen, Schülergruppen und Hobbytheater schlichtweg nicht angesprochen. Gerade in diesem Festival-Verbund erwartet das Publikum Qualität von uns. Aber wenn sich eine solche Gruppe doch anmeldet, sind sie mit dabei. Auch Amateure gehören zu einem Fringe dazu. Dann denkt man manchmal eben: Ja, gut, übt lieber noch ein bisschen.

SPIEGEL ONLINE: Die Zuschauer kommen dann aber nicht wieder.

Psioda: Das ist das Risiko. Aber darauf muss man sich einlassen. Nicht nur den Zuschauern wird gelegentlich etwas abverlangt, auch den Künstlern. Die kommen in einen Club, einen Keller, eine Bar, wo noch nie Theater gespielt wurde. Die müssen oft sehen, ob sie ihre Scheinwerfer oder Requisite überhaupt unterbringen können - oder sogar darauf verzichten müssen. Das reduziert die Produktionen auf das Wesentliche, auf die Darstellung als solche. Dieses Unplugged-Modell finde ich gerade spannend.

SPIEGEL ONLINE: Um was für Themen geht es in den Stücken?

Psioda: Zum Beispiel urbanes Großstadtleben, um Utopien der Gemeinschaft. Wie geht man mit dem Einsam- und Gemeinsamsein um? Das Stück "Pimper my City, du Nomadensau" behandelt genau dieses Thema. Erst ziehe ich zum Studium weg, dann mache ich hier ein Praktikum und dann dort ein Auslandssemester. Diese Themen sind offenbar aktuell und ganz nah dran an den Leuten.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt das Geld?

Psioda: Durch Eintrittsgelder, Selbstausbeutung und manchmal auch Zuschüsse. In den Kulturetats gibt es Mittel für die Förderung freier Projekte, aber das ist je nach Bundesland und Stadt höchst unterschiedlich. In Leipzig funktioniert das zum Beispiel sehr gut, in Hamburg ist es viel schwieriger. Hier gibt es für Off-Kultur insgesamt 200.000 Euro im Jahr, für alle freien Produktionen und alle Festivals. Das reicht nicht.

SPIEGEL ONLINE: Aber würde mehr Förderung nicht auch weniger Freiheit bedeuten?

Psioda: Mehr Geld kann man immer gebrauchen. Die Gruppen müssen oft ganz genau rechnen, ob sie es sich leisten können, zu uns aufs Festival zu kommen. Beim jährlichen Fringe-Festival in Edinburgh ist das anders: Da wird teils gern ein Minus gemacht, um auftreten zu können und sich mit anderen freien Künstlern auszutauschen. Da werden wir erst noch hinkommen.

SPIEGEL ONLINE: Freies Theater gewinnt an Zuschauern, während Staats- und Stadttheater verlieren. Woran liegt das?

Psioda: Das liegt vor allem daran, dass immer mehr Künstler in diesem Bereich arbeiten wollen. Dadurch steigen die Qualität und die Wahrnehmung durch das Publikum. Im Off-Off entstehen manchmal Ideen, die im etablierten Bereich nicht entstehen könnten. Solche Konzepte aus der freien Szene sind dann zwei, drei Jahre später in den Staats- und Stadttheatern angekommen. Die freie Szene ist ein Impulsgeber.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es dieses Jahr etwas Bahnbrechendes auf dem "Kaltstart"?

Psioda: Ich finde "Der Zementgarden" vom Ensemble La Vie aus Dresden besonders innovativ. Das ganze Stück trägt sich allein über die Darsteller - und einen Zementblock. Ein herausragender Abend.

SPIEGEL ONLINE: Sie veranstalten Fringe im zweiten Jahr in Hamburg, es gibt mehr Stücke, mehr Veranstaltungsorte, mehr zu organisieren. Geht da nicht das Spontane, Kreative, Freie verloren?

Psioda: Wir wollen bei aller Professionalität den Fringe-Charakter beibehalten. Das bedeutet manchmal auch Kampf, gerade wenn es ums Geld geht. Zum Beispiel finanziert eines der vier Kaltstart-Festivals den Künstlern dieses Jahr zum ersten Mal Hotelzimmer. Da hört es für uns schon auf. Mit einem solchen Rundum-Sorglos-Paket wäre es eben kein Fringe mehr.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben bei einem kleinen Off-Theater angefangen und dann ein freies Kollektiv gegründet. Was reizt Sie am Theater-Rebellentum?

Psioda: An in den etablierten Staats- und Stadtbühnen wird vielleicht kein Gefälligkeitstheater gespielt, aber es kann schon mal Fälle geben, dass Intendanten lieber die Finger von einem heiklen Stück lassen und an die Geldgeber denken. Dann doch lieber frei.

Das Interview führten Pia-Luisa Lenz und Ole Reißmann



© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.