Offener Brief von Burkhard C. Kosminski "Die Kultur erlebt einen Bedeutungsschwund in erschreckendem Ausmaß"


Sehr geehrte Frau Bundesministerin Wanka, sehr geehrte Frau Staatsministerin Grütters, sehr geehrte Frau Ministerin Bauer, sehr geehrter Herr Minister Stoch,

das Nationaltheater Mannheim wurde 1839 von einem Hoftheater in die städtische Trägerschaft überführt. Es ist heute das älteste kommunale Theater der Welt. Das Nationaltheater war in diesen 175 Jahren immer ein Zentrum der Öffentlichkeit und Ort des Austauschs unter Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft, vor allem aber war es Ausdruck selbstbestimmter Bürgerlichkeit und selbstbestimmten Lebens. Die Sorge darüber, dass Kultur und Bildung in absehbarer Zukunft diesen Stellenwert in unserer Gesellschaft verlieren, veranlasst mich Ihnen diesen Offenen Brief zu schreiben.

Ganz herzlich möchte ich Sie alle für den Herbst 2014 nach Mannheim einladen, um darüber nachzudenken, ob das bisherige Modell Kultur und Bildung von einander zu trennen, noch zeitgemäß ist, oder ob es nicht notwendig ist, gemeinsam eine neue Vision für die Zukunft zu entwickeln. Die Kultur erlebt einen Bedeutungsschwund in erschreckendem Ausmaß; die öffentlichen Diskussionen sind von Fatalismus geprägt; die Demokratie scheint auf diese Herausforderungen nur schleppend zu reagieren. Die Schuldenbremse, die Bund und Ländern zwingend vorschreibt, von 2020 an keine Schulden mehr zu machen, wird die fatalen Konsequenzen der jetzigen Entwicklung schlagend deutlich machen: Es gibt keine Ziele mehr jenseits des Sparzwangs. Es gibt keine verbindenden Werte jenseits der Ökonomie.

Ich möchte nicht, dass unsere Kinder von Schulden erdrückt werden, ich will aber auch nicht, dass sie in einer orientierungs- und wertlosen Welt aufwachsen müssen. Deshalb halte ich es für eine gute Idee, den bislang für andere - und weitgehend erfüllte - Zwecke genutzten Solidaritätszuschlag der deutschen Steuerzahler umzuwidmen und zukünftig für Kultur und Bildung zu verwenden.

Irreführender Begriff "Zuschüsse"

Warum dieser dramatische Appell? Die Situation ist nicht nur für viele Theater lebensbedrohlich. Laut Schuldenbremse muss der Bund sein strukturelles Defizit bis 2016 zurückführen. Die Länder dürfen ab 2020 keine Schulden mehr machen. Es ist schon heute absehbar, dass die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse für die Kultur einen radikalen Kahlschlag bedeuten wird. Wenn die Schuldenbremse greift, ist zu befürchten, dass ein Großteil der deutschen Stadttheater und damit ein großer Teil der Kultur von der Landkarte verschwinden wird, denn wo sonst könnten die Kommunen streichen als bei den "freiwilligen Ausgaben" für Kultur?

Für die schon heute unterfinanzierten Städte droht eine Ungleichheit nicht nur ökonomisch sondern auch kulturell. Schon jetzt findet innerhalb der kulturellen Eigenbetriebe der Kommunen, wenn es zu Tariferhöhungen kommt, ein brutaler Verteilungskampf statt. Da viele Kommunen hier nicht wie in allen anderen städtischen Bereichen Tarifsteigerungen ausgleichen, stehen viele Theater seit Jahren unter einer dauernden Sparkuratel. Wohl in keiner anderen öffentlichen Institution wurde so viel gespart wie in den Theatern. Ich frage mich, ob es zulässig ist, von Zuschüssen zu sprechen - Universitäten und Krankenhäuser bekommen ja auch keine Zuschüsse, sondern sind gesetzlich vorgeschriebene Grundversorgung.

Auch Kultur und Bildung sind elementare Bestandteile einer Gesellschaft - wenn dieser Begriff "Gesellschaft" denn noch eine Bedeutung hat. Was passiert, wenn das nicht der Fall ist, kann man in vielen europäischen Ländern sehen. In Griechenland und in Italien wurden zahlreiche Theater und andere Kultureinrichtungen finanziell zugrunde gerichtet. Worum es - auch im größeren Zusammenhang - geht, zeigt sich am altehrwürdigen Teatro Valle in Rom. Ähnlich wie das Nationaltheater Mannheim war das Valle im Jahr 1822 eines der ersten Theater Europas, das Vorstellungen für die generelle Öffentlichkeit anbot.

Zynische Finanz- und Rentabilitätsdiskussion

Dieses Theater, in dem einst Mozart, Rossini und später Pirandello arbeiteten, wurde im Juni 2011 von Schauspielern, Theaterangehörigen aber auch anderen Bürgern besetzt, nachdem die kommunale Politik es an private Bieter verhökern wollte. Die Besetzung fand nur Tage nach einem öffentlichen Referendum in Italien statt, bei dem über 95 Prozent der Wähler dafür gestimmt hatten, Wasser als "bene comune", als Gemeingut zu sehen und die kommerzielle Privatisierung zu verbieten. Die Besetzer des Teatro Valle verlangten, dass Kultur wie Wasser auch ein Gemeingut ist, das gesetzlich garantiert werden soll. Mit der Unterstützung namhafter Anwälte schaffte es das Teatro Valle tatsächlich vor Gericht, seinen Status als Gemeingut zu verteidigen - und die Besetzung zu legalisieren.

Wollen wir solche Auseinandersetzungen schon bald auch in Deutschland? Es macht mich traurig und verzweifelt, dass Kultur heute nur über Subventionen definiert und ausschließlich ökonomisch diskutiert wird. Ich wünsche mir, gemeinsam mit Ihnen eine neue Wertedebatte zu führen, jenseits der zynischen Finanz- und Rentabilitätsdiskussion!

Warum sollten wir Angst haben vor einer solchen Auseinandersetzung? Warum können wir die Diskussion, wie wir selbst und unsere Kinder leben sollen und wollen, nicht offen führen?

Zeitgleich mit dem Theatersterben erleben wir eine dramatische Krise der Printmedien. Das Zeitungssterben droht viel umfassender zu werden, als wir uns im Moment noch vormachen. Laut der Bundesagentur für Arbeit gab es in den vergangenen Jahren die größte Entlassungswelle in der Presse seit Kriegsende. Millionenverluste selbst bei den überregionalen Leitmedien haben zu Massenentlassungen, Einstellungsstopps oder zur Insolvenz wie bei der "Frankfurter Rundschau" geführt.

Kultur und Bildung nicht trennen

Theater, Kunst und Zeitung sind Refugien kritischer Selbstreflexion, ohne die es keine Meinungs- und Willensbildung geben kann, ohne die die Demokratie selbst ihren Wert verliert. Es macht mir Angst, dass gleichzeitig Theater und Zeitungen in dieser Weise bedroht sind. Wo werden wir künftig unsere Meinung sagen dürfen? Wir brauchen gemeinsame Werte, die in jeder Stadt offen und öffentlich diskutiert werden sollten. Solche Streiträume sind gelebte Demokratie und verhindern radikale Strömungen, Intoleranz und rechtsextreme Tendenzen.

Wenn wir es mit Demokratie ernst meinen, dann muss etwas geschehen. Ich wünsche mir, dass in dieser besorgniserregenden Situation die Politik ihrer Verantwortung gerecht wird. Wie soll die Welt aussehen, in der unsere Kinder zu Erwachsenen werden? Wie wollen wir alle in Zukunft leben? Die Fragen sind einfach, aber man muss sie stellen. Es geht nicht um komplizierte Sachverhalte, es geht um Haltung. Es geht darum, dass wir alle gemeinsam, aber auch Sie als Politiker im Besonderen, diese Verantwortung übernehmen.

In einer Wertedebatte sind Kultur und Bildung nicht länger voneinander zu trennen. Der Rückzug der Schulen in den Achtzigerjahren aus dem musischen und kulturellen Fächerkanon schlägt jetzt als kulturelles Defizit in diesen Generationen zurück. Die immense Bedeutung der kulturellen Bildung für die persönliche Entwicklung zeigt die Berliner Langzeitstudie von Hans-Günther Bastian (2000).

Föderalistische Bildungspolitik muss sich, wenn von kultureller Bildung gesprochen wird, neu aufstellen. Die Förderstruktur von Bund und Land muss neu diskutiert werden. Ich halte es für einen guten Vorschlag, in dieser dramatischen Situation den Solidaritätszuschlag umzuwidmen und zukünftig für Kultur und Bildung zu verwenden.

Kultur ist keine Handelsware

Mit der Nutzung dieser Abgabe für Kultur- und Bildungszwecke kann die kulturelle Vielfalt unserer Gesellschaft erhalten werden und könnten auch die drängendsten bildungspolitischen Aufgaben erfüllt werden.

Und warum denken wir nicht auch darüber nach, ob der Rundfunkbeitrag auch den Printmedien zugutekommen könnte? Diese Steuer sollte kritischem Journalismus und der Medienvielfalt nutzen und nicht nur den Sendeanstalten und ihren Rentenempfängern.

Ich fordere außerdem gemeinsam mit vielen anderen die Vertreter der Bundesregierung auf, alles dafür zu tun, damit die Kultur aus dem derzeit diskutierten Freihandelsabkommen mit den USA herausgelöst wird. Kultur ist keine Handelsware.

Ich bitte Sie, als Vertreter der Bundesrepublik Deutschland und des Landes Baden-Württemberg, diese Debatte gemeinsam mit uns zu führen und lade Sie dazu ganz herzlich nach Mannheim ein, wo wir im Herbst das 175-jährige Jubiläum unseres Nationaltheaters in kommunaler Trägerschaft und damit im ältesten kommunalen Theater der Welt feiern.

Ich möchte gern gemeinsam mit Ihnen eine Vision zur Sicherung der Kulturnation Deutschland entwickeln und dieses Signal als Botschaft in die deutsche Kulturlandschaft senden.

Mit freundlichen Grüßen,

Burkhard C. Kosminski, Intendant Schauspiel Nationaltheater Mannheim

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
tpro, 11.06.2014
1.
Zitat von sysophttp://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/offener-brief-von-burkhard-c-kosminski-soldaritaetszuschlag-fuer-kultur-a-974465.html
Sehr geehrter Herr Kosminski, ich empfehle Ihnen eine beliebige Schule in Mannheim zu besuchen, und mit den Schülern eine Diskussion über Kunst und Kultur zu führen. Sie werden an allen Schulformen nur Unverständnis ernten. Denn: die Kultur und Kunst muß zu den Menschen kommen, nicht umgekehrt. Sie können nicht erwarten: - das junge Menschen ins Nationaltheater strömen nur weil Sie schöne Plakate drucken. - das die Politik Ihre Probleme löst und noch mehr Geld in Ihr Haus schwemmt. - das Normalverdiener bei sinkenden Einkommen und der Aussicht auf Verlust ihres Arbeitsplatzes ihr Geld für Theater ausgeben.
ecbert 11.06.2014
2. Keine Subventionen für Opern und Theater !
Ich will nicht für Dinge bezahlen die ich nicht nutze und auch nicht brauche ! Wer ins Theater will soll auch die Kosten über sein Ticket bezahlen. Einen Soli lehne ich ab. Es reicht schon die überflüssige Zwangsabgabe für den öffentlich rechtlichen Rundfunk !
Kiste 11.06.2014
3. suboptimal
In unserer rot-grün regierten Stadt wird jeder Platz im Stadttheater mir rund 600 Euro subventioniert. Das Programm? Oper und Operette, "modernes" Schauspiel aus den 80ern. Die Besucher? RentnerInnen, die fast alle CDU wählen. Ich frage mich seit Jahren, weshalb die SPD das subventioniert.
bulli 11.06.2014
4. Kultur vs Bildung
Den Soli für die Bildung umwidmen, ach, warum nicht? Aber wozu dieser Wurmfortsatz Kultur? Wenn Menschen gerne Theater mögen, sollen sie diesem Hobby doch nachgehen, aber bitte in der Freizeit und auf eigene Rechnung. Das Shakespeare als Bildung zählt, nicht aber der 2. Hauptsatz der Thermodynamik, ist doch eines der Hauptübel unserer Zeit. Um Mähdrescher, Kernspintomographen und Windkraftanlagen zu bauen, brauchen wir jedenfalls nicht beides. Ich persönlich finde den Wert unserer geisteswissenschaftlichen Kulturgüter extrem nachrangig und nicht durch die Allgemeinheit finanzierungsbedürftig.
altmannn 11.06.2014
5. Gerade
Zitat von KisteIn unserer rot-grün regierten Stadt wird jeder Platz im Stadttheater mir rund 600 Euro subventioniert. Das Programm? Oper und Operette, "modernes" Schauspiel aus den 80ern. Die Besucher? RentnerInnen, die fast alle CDU wählen. Ich frage mich seit Jahren, weshalb die SPD das subventioniert.
bei klassischen Inszenierungen von Oper und Operette wären keine Subventionen nötig. Die sind sowieso immer ausgebucht.
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