Eine Kolumne von Georg Diez
Berlin also, Weltstadt, Preußenstadt, Hoffnungsstadt. Gerade campieren 25 Flüchtlinge am Brandenburger Tor, drei Tage sind sie schon dort, in dicke Pullover und ihre Jacken gewickelt, sie sind im Hungerstreik, und in der Nacht auf Freitag hat die Polizei ihnen ihre Schlafsäcke weggenommen, um halb vier kamen sie zum ersten Mal, um sieben Uhr haben die Polizisten die restlichen Schlafsäcke mitgenommen. Nun sitzen sie dort, frierend, hungernd, die Flüchtlinge, weil sie zeigen und dagegen protestieren wollen, wie diese Gesellschaft mit ihnen umgeht, und auf einen Regenschirm haben sie geschrieben, dass Freiheit für alle da ist.
Berlin also, Moloch und Dorf, wo sie alle hinwollen, wo sie nie zufrieden sind, wo sie alle bleiben, Berlin, Riesenstadt, Arschlochstadt, Mörderstadt, am Alexanderplatz haben sie einen jungen Mann totgetreten, Jonny hieß er und wurde in Thailand geboren, die Männer, die ihn getreten haben, als er schon am Boden lag, haben im Cancun gefeiert, heißt es, das ist ein mexikanisches Restaurant, sie wohnen im Wedding, heißt es, und sollen türkischstämmig sein, heißt es, und im hiesigen Stadtmagazin gibt es mal wieder eine Geschichte darüber, dass "der Wedding kommt". Aber so ist das immer schon gewesen, Berlin, Klischee und Lebenswirklichkeit und Projektionsfläche, wo jeder erkennt, was er erkennen will.
Die Stadt als Waffe
Berlin also, schönes, grausames Berlin, Fernsehturm, Straßenbahnen, Baustellen und Bagger, der Schutt, die S-Bahn, das Chaos, das alles ist dann den antimodernistischen Gedankenverwaltern vom Feuilleton gleich zu viel, und sie schreiben über den Alexanderplatz, sie schreiben über Berlin, als sei die Stadt eine Waffe, als sei die Stadt der Täter, weil die Stadt ja so "unwirtlich" ist, schreckliches, deutsches Wort. Warum reden sie in diesem Land immer noch so, als sei Heidegger ihr Schulkamerad und die Stadt etwas, das von den Menschen getrennt ist? Dabei ist die Stadt doch der Reichtum und die Rettung, das ist jedenfalls die Geschichte der Moderne, bei allen Problemen, die Stadt ist immer ein Versprechen, sie ist ein Freund und nicht der Gegner.
Und deshalb ist ein Film wie "Oh Boy", der am nächsten Donnerstag ins Kino kommt, fast ein politisches Statement - ein Film, der Berlin so behandelt, wie ein französischer Regisseur Paris behandelt oder ein amerikanischer Regisseur New York: Hier ist der Ort, wo sich Leben kreuzt und bündelt, wo sich der Alltag zeigt, wo die Zeit sich sammelt und verliert, ein Gefäß ist diese Stadt für die Zustände der Menschen. Ein sogenannter kleiner Film, in Schwarzweiß und mit sehr wenig Geld gedreht von Jan Ole Gerster: Aber die lässige Art, wie Tom Schilling da durch das Berlin von heute strauchelt, wie er wankt, ohne zu fallen, die urbane Selbstverständlichkeit, die heitere Verlorenheit, die schicke Melancholie, all das ist heute, im Zeitalter unserer schlechten Laune, fast ein Akt der Aufklärung.
Hauptstadt der Ungleichzeitigkeit
Berlin ist in gewisser Weise sogar die Hauptfigur dieses Films; und die Zeit, die sich aus Gegenwart, Vergangenheit und Sehnsucht zusammensetzt, die Zeit, die im Scheitern besteht, dem man zuschauen kann, die Zeit, die sich in der Lächerlichkeit des Alltags zerreibt, die Zeit, die auch schon mal zu Ideologie gerinnt, ist der eigentliche Gegenstand dieses Films: Wir leben in einer asynchronen Epoche, und Berlin ist die Hauptstadt dieser Ungleichzeitigkeit.
Da ist die Lebenszeit des Biografieverweigerers, Dauersohns und Lebensdarstellers, den Tom Schilling spielt, ein Versager, hätte man früher gesagt. So sieht es auch sein Vater, den Ulrich Noethen mit so herzlicher Bosheit spielt, als sei er direkt aus den fünfziger Jahren zu uns herübergekommen. Ein Nichtsnutz ist dieser Abbruchstudent, hätte man damals gesagt - in Berlin sagt man einfach: Hallo, Nachbar. Scheitern ist hier ja der Normalzustand, Warten ist Bürgerpflicht, und deshalb ist der arbeitslose Schauspieler auch Sinnbild dieser Stadt, abhängig, wie er ist, voller Pläne, voller Zukunft, denkt er und fühlt doch, dass die Zeit gegen ihn ist: Marc Hosemann spielt in "Oh Boy" diesen Drifter voller Versprechen, die er nie einlösen wird, eine Figur aber, die dem Scheitern so etwas wie Freiheit gibt und auf jeden Fall die Würde, die es verdient.
Körpergewordener Geschichtsdiskurs
Und auch die anderen Figuren sind letztlich alle Zeitverkörperer: Der Nachbar, der in der Zeit steckengeblieben ist und auf den Tod seiner krebskranken Frau wartet wie auf eine Erlösung und den Justus von Dohnányi so ambivalent bemitleidenswert spielt, dass es schon wieder lustig ist; der Psychologe, der darüber entscheidet, ob und wie lange der Führerschein fort ist und der seine eigene Überlebtheit so schadenfroh vorführt und aus dem Andreas Schröders eine Studie des freundlichen Sadismus macht. Dann ist da noch die Figur eines Schauspielers, der den ganzen Irrsinn des deutschen Hitler-Abfeierns im Film in sich trägt, selbstgefällig am Set, in NS-Uniform, die ihm so gut steht, ein körpergewordener Geschichtsdiskurs, den Arnd Klawitter mit Ekel, Intelligenz und Freude vorführt.
All das kann so nur in Berlin passieren, Stadt der Schlaglöcher und des Zehn-Kilometer-Tempolimits, Stadt der Armut, der Merkel und des Milchschaums. Warum aber diese Angst, warum dieser Hass auf Berlin? Das ist ein Zeichen dafür, dass wir immer noch nicht fertig sind, immer noch nicht angekommen im Heute, wo auch immer das ist. Zeit wär's.
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