Ohrenkuss "Eine Seele mit vier Beinen"

Für das Lifestyle-Magazin "Ohrenkuss" schreiben 13 Redakteure und mehr als 30 Autoren in ganz Deutschland. Außer ihrer Chefin haben alle das Down-Syndrom. SPIEGEL ONLINE sprach mit Redaktionsleiterin Katja de Bragança über cooles Design, vierbeinige Seelen und das Ende der Mitleidstour.


Herausgeberin Katja de Braganca und Redakteur Michael Häger: Viel ausdrücken mit wenigen Worten
www.ohrenkuss.de

Herausgeberin Katja de Braganca und Redakteur Michael Häger: Viel ausdrücken mit wenigen Worten

SPIEGEL ONLINE:

Frau de Bragança, was ist ein Ohrenkuss?

Katja de Bragança: Anfangs war es ein Fantasiewort, das in einer unserer ersten Konferenzen entstand. Damals sprang einer der Redakteure, Michael Häger, mitten in der Diskussion auf und drückte mir einen Kuss aufs Ohr. Einfach so. Die anderen lachten und riefen: Ohrenkuss! Damit war klar: Das wird unser Titel. Später haben wir einfach eine Bedeutung dazu erfunden: Ein Ohrenkuss ist etwas, das man sich merkt, das nicht ins eine Ohr rein und aus dem anderen rausgeht. Insofern sind auch Texte unserer Autoren Ohrenküsse.

SPIEGEL ONLINE: Die meisten Leute denken, Menschen mit Down-Syndrom können nicht einmal lesen, geschweige denn schreiben.

de Bragança: ... was ich Ihnen nicht vorwerfe. Selbst Ärzte lernen dieses Vorurteil während ihrer Ausbildung. Ich habe früher selbst gedacht, dass Menschen mit Down-Syndrom in den seltensten Fällen lesen und schreiben können - sogar noch, als ich Biologie studierte. Als ich meine Doktorarbeit über diese Behinderung schrieb, merkte ich irgendwann: Du hast das jetzt hundert Mal gesehen, dass diese Menschen Gedichte schreiben, Postkarten und kleine Geschichten - und trotzdem hast du hundert Mal geglaubt, das sei die Ausnahme!

SPIEGEL ONLINE: Aber sie lernen schon langsamer lesen und schreiben als Menschen ohne diese Behinderung?

de Bragança: Ja, und manche lernen es nie, je nachdem, wie schwer sie betroffen sind. Aber das hat nichts mit Talent zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ein Beispiel für dieses Talent?

Titelseite des "Ohrenkuss"-Kalenders 2005 mit Redakteuren: "Anders als die grottigen Publikationen vieler Behindertenverbände
Mathias Bothor

Titelseite des "Ohrenkuss"-Kalenders 2005 mit Redakteuren: "Anders als die grottigen Publikationen vieler Behindertenverbände

de Bragança: Unsere Autoren können mit wenigen Worten unheimlich viel ausdrücken. Einer unserer Mitarbeiter, Tobias Wolf, schrieb einmal: "Ein Reh ist eine Seele mit vier Beinen." Manche Texte treffen ins Herz wie ein Gedicht. Das ist auch mein Auswahlkriterium für die Texte. Ich sag' meinen Leuten: Es reicht nicht, dass ihr das Down-Syndrom habt und irgendwas schreibt. Ihr müsst das schon richtig gut machen.

SPIEGEL ONLINE: Auch hübsch ist das Horoskop im Dezemberheft 2003. Fischen sagt es voraus: "Hilferuf aus dem Aquarium. Es blubbert in der Badewanne." Den Steinbock warnt es: "Achtung Gefahr: Die Steine kommen."

de Bragança: Das hat unsere Autorin Svenja Giesler geschrieben. Sie hat eine sehr dramatische Ader. Deswegen ist der Text eher literarisch zu verstehen, weniger als astrologische Lebenshilfe. Svenja liest regelmäßig die Horoskope in der "Hörzu", der "Bravo" und der "Brigitte".

SPIEGEL ONLINE: Reportagen schreiben ihre Autoren aber nicht.

de Bragança: Nein, dafür braucht man ein gewisses Abstraktionsvermögen. Unsere Redakteure können noch niemanden von der "Süddeutschen Zeitung" ersetzen oder über Osteuropa schreiben wie Klaus Bednarz. Aber sie werden mit jeder Ausgabe ein Stück besser. Ihre Stärke ist ihr schonungsloser Blick auf die Welt und die Fähigkeit, Dinge mit wenigen Worten auf den Punkt zu bringen.

SPIEGEL ONLINE: Jedes Ihrer Hefte hat ein Schwerpunktthema wie Mode, Liebe oder Arbeit. Verstehen Sie sich mehr als Lifestyle-Magazin oder als Organ für Menschen mit Down-Syndrom?

"Ohrenkuss"-Redakteure Angela Fritzen, Svenja Giesler und Antonio Nodal bei der Arbeit: "Ihr müsst das schon richtig gut machen"
Herby Sachs / version

"Ohrenkuss"-Redakteure Angela Fritzen, Svenja Giesler und Antonio Nodal bei der Arbeit: "Ihr müsst das schon richtig gut machen"

de Bragança: "Ohrenkuss" ist beides. Unser Ziel ist es, die Leser über Menschen mit Down-Syndrom aufklären. Außerdem wollte ich mich bei der Gründung vor sieben Jahren nicht dieser Hardlinerpolitik anschließen, die viele Behindertenverbände damals verfolgten. Manche sind mit ihrer Polemik völlig über das Ziel hinaus geschossen. Einer hat immer wieder erklärt: "In der Nazizeit wäre ich umgebracht worden. Aber mit dem Blick, mit dem viele Menschen mich heute ansehen, tun sie genau dasselbe." Mit Vorwürfen allein, so berechtigt sie auch seien mögen, erreichen Sie weder Wissenschaftler noch Politiker oder sonst irgendwen. Ich fand das nicht konstruktiv und wollte die Aufklärungsarbeit ergänzen.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie anders?

de Bragança: Wir haben 1998 als Studienprojekt angefangen, das von der Volkswagenstiftung finanziert wurde. Ich wusste: Wenn ich mich bewerbe, muss das ein Projekt sein, das wissenschaftlich fundiert ist und trotzdem total cool. Anders als die grottigen Publikationen vieler Behindertenverbände. Die meisten haben eine grauenhafte Aufmachung, nach dem Motto "Mein Name ist Programm". Damit betreibt man eine Opferpolitik, mit der man sich nur selbst diskriminiert. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass sich unser Konzept gegen 60 andere Behindertengruppen durchgesetzt hat, weil die alle auf die Mitleidstour kamen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie die breite Masse erreichen wollen, warum verkaufen Sie das Heft dann nicht am Kiosk? Bislang bekommt man es nur im Abo.

de Bragança: Das ist unser Fernziel. Im Moment wäre der Vertrieb einfach zu teuer. Wir haben aber durchaus Abonnenten, etwa ein Viertel, ohne Down-Syndrom, die sagen: "Ich habe euch beim Surfen gefunden und finde euch cool." Oft sind das Grafiker, Künstler oder Germanisten.

SPIEGEL ONLINE: Es arbeiten namhafte Fotografen für Sie. Können Sie sich deren Honorare leisten?

Angela Fritzen, "Ohrenkuss"-Autorin und Model der MODE-Ausgabe des Magazins: Professionelle Optik, vermeintlich inkorrekte Politik
Katja de Bragança

Angela Fritzen, "Ohrenkuss"-Autorin und Model der MODE-Ausgabe des Magazins: Professionelle Optik, vermeintlich inkorrekte Politik

de Bragança: Wir zahlen durchaus mehr als so manch anderes Magazin auf dem Markt, weil mir eine professionelle Optik sehr wichtig ist. Wir wurden sogar schon als politisch unkorrekt kritisiert, weil die Fotografen, die für uns arbeiten, keine Behinderung haben. Ich suche doch einen Fotografen nicht auf Grund seiner Chromosomenzahl aus!

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem kosten eine edle Aufmachung und anspruchsvolle Fotos viel Geld. Haben Sie ein so großes Budget?

de Bragança: Durch die mittlerweile 2500 Abonnenten können wir uns selbst finanzieren. Allerdings nur, weil wir uns keine festen Angestellten leisten. Layout, Versand, Internetauftritt - das bestreiten wir mit freien Mitarbeitern. Unsere Autoren bekommen erst seit der letzten Ausgabe ein Honorar.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben früher als promovierte Biologin in der Humangenetik geforscht. Warum haben Sie aufgehört?

de Bragança: Weil ich mit manchen Dingen, an denen geforscht wird, nicht mehr einverstanden war. Als Wissenschaftlerin fand ich das total spannend. Stammzellforschung: Da sind Sie an der Basis dessen, was Leben bedeutet. Aber je mehr man erforscht, desto mehr werden die Ergebnisse für Dinge benutzt, die ich nicht mehr gut finde. Wir haben schon lange die Grenze dessen überschritten, was wir verantworten können. Ich bin zum Beispiel nicht der Meinung, dass es sinnvoll ist, einen Menschen klonen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie denn Eltern raten, die gerade erfahren haben, dass ihr Kind mit Down-Syndrom zur Welt kommen wird?

de Bragança: Ich würde keiner Frau einen Vorwurf machen, wenn sie dann abtreibt, weil sie meint, dass sie damit nicht fertig wird. Das muss jede für sich selbst klären. Andererseits: Ich bin gegen vorgeburtliche selektive Diagnostik, und ich setze mich dafür ein, dass die Gesellschaft endlich ihr Bild von einem Menschen mit Down-Syndrom korrigiert. Es wäre toll, wenn "Ohrenkuss" in viel mehr Kinder- und Frauenarztpraxen ausläge, damit die Leute sehen: Das sind keine debilen Monster, sondern Frauen und Männer.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Ihre Redakteure, wenn sie nicht für "Ohrenkuss" schreiben?

de Bragança: Die meisten arbeiten tagsüber in Behindertenwerkstätten oder haben andere Jobs, zum Beispiel in einem Hotel, in der Küche eines Altenheims oder als Hausmeister. Einige machen noch eine Art Berufsausbildung.

SPIEGEL ONLINE: Wie muss man sich den Alltag in ihrer Redaktion vorstellen?

de Bragança: Da wir nur halbjährlich erscheinen, treffen wir uns alle 14 Tage für zweieinhalb Stunden in unseren Redaktionsräumen. Dann sprechen wir über Themen, oder es wird geschrieben oder gemeinsam ein Gesprächspartner interviewt. Wir hatten schon Wiglaf Droste im Gespräch und "Die Prinzen". Neben den Redakteuren arbeiten noch 30 Autoren in ganz Deutschland für uns.

SPIEGEL ONLINE: Wie schreiben Ihre Mitarbeiter ihre Texte?

de Bragança: Entweder per Hand, am Computer oder auf der Schreibmaschine. Manche diktieren auch erst ihre Gedanken und schreiben sie dann auf oder unsere Redaktionsassistentin verschriftlicht das Band.

SPIEGEL ONLINE: Derzeit bereiten Sie ein englischsprachiges Heft vor. Wann kommt die erste Ausgabe?

Redakteure Michael Häger und Angela Fritzen bei einer öffentlichen "Ohrenkuss"-Lesung: Mit jeder Ausgabe ein Stück besser
Luke Golobitsh

Redakteure Michael Häger und Angela Fritzen bei einer öffentlichen "Ohrenkuss"-Lesung: Mit jeder Ausgabe ein Stück besser

de Bragança: Das kann ich noch nicht sagen. In jedem Fall wollen wir nicht sinnlos expandieren, sondern in die englische Ausgabe einen neuen Aspekt reinbringen, der zu der Sprache passt. Auf keinen Fall soll unser Name übersetzt werden.

SPIEGEL ONLINE: Könnten Sie sich vorstellen, dass "Ohrenkuss" auch in anderen Ländern mit eigenen Redaktionen erscheint?

de Bragança: Ja, darüber denke ich schon lange nach. Aber bis dahin ist es ein langer Weg. Mir wäre wichtig, dass alle Ausgaben übersetzt im Internet zu finden wären. Aber es ist wahnsinnig schwer, diese Texte zu übersetzen - fast so, als würde man versuchen, Ernst Jandl zu übersetzen. Dafür braucht man einen Literaten.

Das Interview führte Silvia Tyburski



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