"Old School"-Festival in Hamburg Jesus und die Inkontinenz

Alle reden übers Mehrgenerationenhaus, hier wird es praktiziert: Auf Kampnagel in Hamburg werden drei Tage lang Junge und Alte aufeinander losgelassen. Ein Nachschlag folgt dann Ende Mai mit einem Stück, das erzkatholische Kritiker bereits als Blasphemie bezeichnet haben.

Thomas Aurin

Der Generationenkonflikt ist ein Klassiker im Stadttheater. Im klassischen Kanon finden sich jede Menge großer Dramen, in denen Alt gegen Jung kämpft: von "Romeo und Julia" über "Die Räuber" bis hin zu "König Lear". Man kann da vor allem sehen, wie man es nicht macht.

Es geht aber auch anders. Auf Kampnagel, in der ehemaligen Hamburger Kranfabrik Kampnagel also, der wichtigsten freien Spiel- und Produktionsstätte der Stadt, beginnt am Donnerstag ein kleines Festival: "Old School - Von Alten lernen". Drei Tage lang Vorträge, Diskussionen und Theaterprojekte über das Zusammenleben von Jung und Alt. "Wir präsentieren heutige Texte", sagt die Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard, 53, "da geht es schon anders zur Sache als bei König Lear."

Ein Höhepunkt könnte das Musiktheaterprojekt der Regisseurin Maria Magdalena Ludewig, 30, werden: "Dem Weggehen zugewandt" heißt es. Basierend auf Texten der fast 90-jährigen Autorin Ilse Helbich, die das Alter beschreibt "wie ein fremdes Land, in dem nicht nur der Kampf gegen die alltäglichen Mühen immer wieder neu gewonnen werden muss, sondern auch neue Freiräume entstehen", ist ein Libretto entstanden, die Komposition dazu stammt von Manuela Kerer.

Musik spielt in diesem Projekt eine entscheidende Rolle: Insbesondere für alte Menschen ist sie der Schlüssel zu vergrabenen Erinnerungen, die immer wichtiger werden - und immer präsenter. Deshalb wird auf der Bühne neben sechs Schauspielern der Großelterngeneration (darunter Irm Hermann, 70, sowie die Tanzlegende Fe Reichelt, 86) und den Musikern vom Solistenensemble Kaleidoskop auch ein großer "Chor der Alten" zum Einsatz kommen.

Auf der Bühne die Alten, im Publikum die Jungen

"Wie die Autorin Ilse Helbich ihr langsames Verschwinden beschreibt, das ist sehr eindringlich", sagt Intendantin Deuflhard. "Und es ist interessant zu sehen, wie unbefangen die Enkelgeneration an das Thema herangeht." Menschen ab sechzig dagegen, habe sie bei den Vorbereitungen für das "Old School"-Festival erfahren, hätten Hemmungen, sich damit auseinanderzusetzen. Diese Tabuisierung habe sie überrascht, "denn eigentlich schreibt doch jeder Autor mittleren Alters gerade über seine Eltern".

Könnte also sein, dass sich das gewohnte Altersverhältnis zwischen Bühne und Zuschauerraum endlich mal umdreht: oben die Alten, im Publikum die Jungen. "Besser wäre natürlich, wenn sich der Generationendialog, den wir suchen, auch im Publikum abbildet", sagt Deuflhard. Auch die Berliner Theatermacher Nina Ender und Stefan Kolosko laden in ihrer "Stadt der Kinder und Senioren", die während des Festivals den ganzen Tag geöffnet ist, die Alten und die Jungen zum Zusammenspiel ein.

Nach drei Tagen ist alles vorbei. Ende Mai allerdings gibt es noch ein "Old School"-Nachspiel: Dann gastiert Romeo Castelluccis "Sul concetto di volto nel figlio di Dio" auf Kampnagel. Der vielfach preisgekrönte italienische Regisseur (im August erhält er den diesjährigen Goldenen Löwen der Biennale von Venedig in der Sparte Theater, eine Auszeichnung für sein Lebenswerk, obwohl er erst 53 ist) erzählt darin von einem Sohn, der sich in der Pflege seines altersschwachen und inkontinenten Vaters aufopfert. Kritiker beschrieben den Realismus der Szenen als schwer auszuhalten, aber auch den Blick von Jesus, der die ganze Zeit von einem überdimensionalen Renaissance-Gemälde scheinbar ungerührt auf das Elend herabschaut.

Das Stück gelangte auch deshalb zu einiger Berühmtheit, weil bei einem Gastspiel in Paris im Oktober 2011 eine Gruppe erzkatholischer Demonstranten die Aufführung störte - sie warfen Castellucci Blasphemie vor. "Es gibt Momente", schrieb dazu der Kritiker Jürgen Berger in der "Süddeutschen Zeitung", "in denen das Theater die Welt dort packt, wo sie gerade sehr empfindlich ist."


Old School. Kampnagel Hamburg, 16.-18.5., Tel. 040/27 09 49 49.
Das Gastspiel "Sul concetto di volto nel figlio di Dio" ist vom 30.5. bis 1.6. auf Kampnagel zu sehen.



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PeterPan95 15.05.2013
1. optional
"Kritiker beschrieben den Realismus der Szenen als schwer auszuhalten, aber auch den Blick von Jesus, der die ganze Zeit von einem überdimensionalen Renaissance-Gemälde scheinbar ungerührt auf das Elend herabschaut. " - Der ist nicht nur scheinbar ungerührt, er ist tatsächlich ungerührt, denn es ist ja nur ein Gemälde. Es gibt viele Orte, an denen ein Jesus-, Maria- oder Heiligenbild auf das Elend des Lebens herabblickt. Herrscht dort auch Blasphemie? Ist vielleicht das Leben selber blasphemisch, weil es sich verdammt nochmal nicht an die Spielregeln alter Männer mit lustigen Hüten halten will?
brut_dargent 15.05.2013
2. Blasphemie?
Eine Todsünde, wenn sich katholische 'Geistliche' an Kindern vergehen.
1hz 15.05.2013
3. blasphemie
ist nur dass ruetteln an der restrealitaet eines patienten mit religiösen wahnvorstellungen...
Das-tobende-Steuerschaf 15.05.2013
4. Laaaangweilig!
Warum Tabus brechen, die eigentlich schon längst vernichtet wurden? Wie wäre es mal mit einem Theaterstück über Impotenz bei Mohammed - die Künstler hätten Aufmerksamkeit wie schon lange nicht mehr! Aber auf einen fetten, altersschwachen, rheumatischen Kater einzutreten ist natürlich etwas risikoloser, als es mit einem Tiger auf Speed aufzunehmen.
akeley 15.05.2013
5.
Zitat von Das-tobende-SteuerschafWarum Tabus brechen, die eigentlich schon längst vernichtet wurden? Wie wäre es mal mit einem Theaterstück über Impotenz bei Mohammed - die Künstler hätten Aufmerksamkeit wie schon lange nicht mehr! Aber auf einen fetten, altersschwachen, rheumatischen Kater einzutreten ist natürlich etwas risikoloser, als es mit einem Tiger auf Speed aufzunehmen.
Es gibt halt keine Mohammed-Bilder, die bei Muslimen mehr oder weniger dekorativ herumhängen und traurig ausschauen. Aber man hätte z.B. einen Koran nehmen können, ihn dem inkontinenten Mann zu Bequemlichkeit und heiliger Heilung unterlegen können, und dann... au weia.
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