Oligarchenkinder Archäologe werden. Oder Spider-Man

Sie tanzen Ballett und sammeln echte Kalaschnikows: In Russland wächst eine Generation von Kindern der Elite heran, die nichts kennt außer Überfluss. Die Fotografin Anna Skladmann hat die kleinen Reichen in ihrer Welt fotografiert - und berichtet im Interview von Alltagssorgen in Kristallpalästen.

Anna Skladmann

SPIEGEL ONLINE: Frau Skladmann, Sie haben die Kinder von Russlands Elite fotografiert. Ihre Aufnahmen zeigen eine Kindheit inmitten von Reichtum. Wie haben Sie Zugang zu dieser Welt bekommen, die dem Betrachter sonst verschlossen bleibt?

Skladmann: Ich habe vor zwei Jahren ein Mädchen kennengelernt. Nastja war damals acht Jahre alt, und sie ist für mich in den vergangenen Jahren zu einer Art Muse und Türöffner geworden. Sie hat mich angerufen und ich habe sie fotografiert, mal im englischen Teehaus ihrer Eltern, mal in deren marokkanischem Bad. Sie hat ihren Bruder zu den Shootings eingeladen, später habe ich ihre Freundinnen kennengelernt.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Eltern auf Sie reagiert?

Skladmann: Ich war sehr jung, als ich das Projekt begonnen habe. Von den Eltern wurde ich ein wenig auf einem ähnlichen Level gesehen wie ihre Kinder. Ich wirkte wohl für viele weniger wie eine professionelle Fotografin, sondern mehr wie eine Studentin. Eine der Bedingungen für die Aufnahmen war aber, die Nachnamen nicht zu veröffentlichen.

SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen Kinder inmitten von bizarr anmutendem Luxus: Da sitzt eine Lisa inmitten eines Kristallpalastes, den sie sonst zum Fußballspielen nutzt. Da schießt Jakob mit einer Kalaschnikow auf tanzende Ballerinen. Haben sich die Kinder selbst so in Szene gesetzt?

Skladmann: Die Porträts sind inszeniert, aber im natürlichen Umfeld der Kinder. Vor den Aufnahmen gab es ein kleines Interview, bei dem ich versucht habe, herauszufinden, wovon sie träumen, was sie wollen und wie wir das umsetzen können. Wladimir etwa erzählte, dass er unbedingt Archäologe sein möchte. Ich habe ihm dann Fotos aus einem Museum gezeigt. Nach einer halben Stunde wollte er aber doch lieber Spider-Man sein. Letztlich habe ich ihn auf der Bühne des Theaters seines Großvaters fotografiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Kinder von Oligarchen haben Sie denn insgesamt fotografiert?

Skladmann: Es ist interessant, dass deutsche Journalisten vor allem nach den Kindern der reichen Oligarchen fragen. In Wahrheit habe ich ja nicht nur Kinder von Superreichen fotografiert, sondern die Kinder der russischen Elite. Unter den Eltern finden sich erfolgreiche Restaurantbesitzer ebenso wie Schauspieler und Mitglieder der Moskauer Intelligenz. Es ist die erste Generation, die im Wohlstand des neuen Russland geboren wurde.

SPIEGEL ONLINE: Keines der Kinder in ihrem Fotoband "Little Adults - Kleine Erwachsene" lacht. Haben Sie Kinder ohne Kindheit porträtiert?

Skladmann: Das würde ich nicht sagen. Aber sie leben in einer eigenen, abgeschlossenen Welt. Manche verlassen sie aber auch, um zum Beispiel zu einer öffentlichen Ballettschule zu gehen. Bei den Eltern besteht ein Nachholbedarf aus der Sowjetzeit. Sie wollen ihren Kindern nur das Beste geben. Sie bekommen individuellen Sprachunterricht, gehen zum Tennis oder zum Schwimmen. Das Leben der Kinder ist sehr geplant und strukturiert. Das zwingt sie, früher erwachsen zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie äussert sich das?

Skladmann: Jana beispielsweise ist neun Jahre alt und spricht schon perfekt englisch. Als ich sie fotografieren wollte, waren ihre Eltern nicht zu Hause. Jana aber hat alle Bediensteten antreten lassen und der russischen Erzieherin ebenso ihren Platz zugewiesen, wie der britischen Nanny. Mit ihr musste ich mir einen richtigen Kampf liefern um die Autorität. Die Kleider, in denen sie fotografiert werden wollte, hatte sie schon vorher aufgereiht. Sie weiß hundertprozentig, was sie will - und ich bin gespannt, was aus ihr wird. Veröffentlicht haben wir dann aber das Foto, dass ich geschossen habe, als sie keine Lust mehr hatte und sich ausruhen wollte.

SPIEGEL ONLINE: Manche der Kinder haben Sie über mehrere Jahre begleitet. Hat sich der Kosmos der Moskauer Elite in der Zeit verändert?

Skladmann: Das ist eine Welt, die sich selbst noch jeden Tag zu finden sucht. Sie verändert sich jedes Jahr. Die Mode verändert sich fast täglich, immer abhängig davon, welche Einflüsse gerade nach Moskau schwappen. Es wird viel mehr gereist als früher, die Eltern schauen verstärkt auf den Westen. Viele Kinder lernen neben der Schule Französisch, viele gehen im Westen auf Internate.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie etwas von dem Druck gespürt, unter dem die Kinder stehen, einmal in die Fußstapfen der Eltern zu treten?

Skladmann: Nein. Dafür sind sie noch zu jung. Sie stehen nur unter dem Druck, gute Noten zu schreiben, so wie alle Kinder.

Das Interview führte Benjamin Bidder in Moskau

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Seite 1
Zapallar 06.06.2011
1. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Wer weis ob die Kinder zu verzogenen Gören, neureichen kackbratzen oder Intelligenten, Selbstbestimmten Akademikern heranwachsen mit Gründergeist heranwachsen ... aufgrund der Verteilung der obigen Charaktere in der heutigen Gesellschaft der Erwachsenen in Russland schwant mir leider übles.
Lethal Weapon 06.06.2011
2. das mutet ja etwas bizarr an....
Diese jungen Kinder werden so keine richtige Kindheit mehr haben, wenn sie schon so erzogen werden, sich erwachsen und fast aristokratisch zu verhalten. bei den Hollywood-Kindern ist das ja fast ähnlich, nur dass sie da teils zu vezogenen Gören werden. Kindern es erlauben Kalashnikows und MP40 zu sammeln, finde ich schon arg grenzwertig. Aber anscheinend haben da die Russen gewisse Ähnlichkeiten zu den Amerikanern, die ja auch so Waffen vernarrt sind. Da bin ich ja schon froh aus der Mittelklasse zu stammen und eine normale Kindheit gehabt zu haben. Die Reichen haben ja echt Spleens.
wanderprediger, 06.06.2011
3. Statt Archäologe oder Spiderman...
Zitat von sysopSie tanzen Ballett und sammeln echte Kalaschnikows: In Russland wächst eine Generation von Kindern der Elite heran, die im Überfluss aufwächst. Die Fotografin Anna Skladmann hat die kleinen Reichen in ihrer Welt fotografiert - und berichtet im Interview von Alltagssorgen in Kristallpalästen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,766812,00.html
wird das Kind bei uns Langzeitstudent http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,764373,00.html Daher, bei uns ist es auch nicht besser.
Ylex 06.06.2011
4. Tollpatschig und stillos
Zitat: „SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen Kinder inmitten von bizarr anmutendem Luxus: Da sitzt eine Lisa inmitten eines Kristallpalastes, den sie sonst zum Fußballspielen nutzt. Da schießt Jakob mit einer Kalaschnikow auf tanzende Ballerinen. Haben sich die Kinder selbst so in Szene gesetzt?“ Nein, nicht die Kinder selbst haben sich so in Szene gesetzt, sondern die Fotografin hat sie in Szene gesetzt, um mit solchen optischen „Highlights“ ihren Bildband besser verkaufen zu können – ob dieser Bildband das bedruckte Hochglanzpapier wert ist, erscheint mir fraglich – aber manchmal liegt man ja falsch, denn SPIEGEL-online räumt diesem weltbewegenden Interview immerhin einen Platz ziemlich weit oben ein. Das bemerkenswerteste an diesen Gören sind ihre Eltern, die ihren sagenhaften Reichtum tollpatschig und stillos präsentieren, sie ähneln damit auf gewisse Weise ihren Landsleuten, die gnadenlos mittelmeerische Hotelbüfetts leerfressen, um sich danach grölend zu besaufen. Im Westen treten solche Reichenkinder kaum in Erscheinung, obwohl es ungleich mehr sind, sie werden versteckt, die Geld-Elite schottet sich unauffällig von der Plebs ab, mit allerlei Einrichtungen und Netzwerken. Im Westen wäre es undenkbar, diese Kinder vorzuzeigen wie Tanzbären im Zirkus. Russland hat noch so vieles aufzuholen, aber es muss sich vor Nachäfferei in Acht nehmen – wie man die Sprößlinge der neuen russischen Milliardäre am besten dressiert, ist dabei das geringste Problem.
sermon orakel 06.06.2011
5. ...im Ernst ist Spass oder ?
Zitat von sysopSie tanzen Ballett und sammeln echte Kalaschnikows: In Russland wächst eine Generation von Kindern der Elite heran, die im Überfluss aufwächst. Die Fotografin Anna Skladmann hat die kleinen Reichen in ihrer Welt fotografiert - und berichtet im Interview von Alltagssorgen in Kristallpalästen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,766812,00.html
[QUOTE=sysop;7999556]Sie tanzen Ballett und sammeln echte Kalaschnikows: In Russland wächst eine Generation von Kindern der Elite heran, die im Überfluss aufwächst. ...mehr Leben als leben geht nicht, oder ? Nach der 10ten Party wirds doch öde, naja, und mehr als 2 Handy mit Diamanten zum polieren ist der Grenznutzen auch erreicht an die Marketingselite mit Diplom....Geld kann keinen Sinn stiften, den man vielleicht nicht hat...meine kleine Freiheit ist unbezahlbar....sich selbst achten und andere die im Leben gewachsen sind, mit der Gewissheit, wenn man viel hat ( materiell ) kann man auch viel verlieren und der tägliche Götzendienst des Mammon ist auch nur bis zum gewissen Grad zu ertragen....rein intellektuell gesehen. Allerdings bitteschön darf ich es als gegeben ansehen, ein bischen Nahrung zu mir nehmen zu dürfen und hier und da ein bischen der Kultur zu fröhnen und ein Wochenendurlaub, gebt Ihr mir dafür ein bischen ab, ist doch viel zu viel für Euch, mache auch hier und da eine gute Tat ?
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