Frljic-Premiere in München Die Revolution lässt ihre Kinder im Stich

Der Regisseur Oliver Frljic, der Skandale sammelt wie andere Künstler Preise, inszeniert am Residenztheater Heiner Müllers "Mauser".

Konrad Fersterer

Am Ende geht es dem Dichter an Kopf und Kragen. Vor allem an den Kopf. Auf der Marstall-Bühne des Münchner Residenztheaters steht ein Marmorsockel, darauf die Büste Heiner Müllers - aus Eis. Die Schauspielerin Nora Buzalka nimmt eine Axt, und rasend zerhackt sie den Müller-Kopf, es splittert und kracht - und übrig bleibt ein trauriges Fragment. Tausend Stücke Persönlichkeit liegen da, es können auch tausend Wörter sein, deren Sinn jetzt verloren ist und schmilzt ins Nichts.

Die Schlachtung eines Säulenheiligen? Schnöde Müller-Lästerung? Zuvor schon hatten vier nackte Figuren eine andere nackte Figur, die gerade noch im Müller-Habitus steckte (nebst Zigarre), ausgefragt: Wie er es denn so mit der Revolution halte oder mit der Stasi, mit dem Sinn des Lebens und dem Recht auf Tötung, mit dem Frieden und dem Krieg? Der Schriftsteller-Darsteller, mit Mühe die Blöße verdeckend, mit Angst, entlarvt zu werden, antwortete wie einst im richtigen Leben: poetisch, kryptisch, dialektisch. Ewiger Friede sei das Ende, Krieg könne Dialog sein und überhaupt: "Überleben ist auch eine Lösung."

Und so werden an diesem Abend eigentlich mehrere Stücke gespielt. Einmal "Mauser" von Heiner Müller, dann "Die Entthronung des Heiner Müller", schließlich das Dauer-Drama "Oliver Frljic". So heißt der Regisseur, der bislang Skandale sammelt wie andere Theaterpreise. Vor Jahr und Tag am selben Ort reizte er die Zuschauer mit Gewaltszenen in "Balkan macht frei", in seiner Heimat Kroatien und in Polen läuft gerade vornehmlich die katholische Bürgerschaft rabiat Sturm gegen Stücke wie "Fluch" oder "Unsere Gewalt ist eure Gewalt", in denen schon mal der Gekreuzigte vergewaltigend über eine Muslimin herfällt (Resi-Chef Martin Kušej reichte pünktlich eine Solidaritätsadresse für Frljic ein).

Was, wenn der Revolutionär beim Morden den Verstand verliert?

Billige Provokation werfen dem 41-jährigen Regisseur aber nicht nur prüde Theatergänger vor; seine oft plakative Argumentationsweise, seine geschichtlichen Kurz- und Querschüsse, die er mit heftigen Bildern illustriert, erfordern Geduld mit einem, dessen Wut schäumen kann, der sich nicht zufrieden gibt mit Antworten, wie sie (nicht) in Texten stehen.

So nun natürlich auch wieder hier, in "Mauser", Heiner Müllers kurzem Stück über den langen Abschied von der friedlichen Revolution, entstanden 1970. Müller stellt die Frage, wohin permanente Gewalt führen kann, die vorgibt, zum späteren Wohle der Menschheit ausgeübt zu werden. Wie kann man noch siegen, wenn die Zukunft mit dem Abschlachten der "Feinde" beginnt, die als Hemmschuh der Neuen Zeit erst aus dem Weg geräumt werden müssen?

Und was, wenn der Revolutionär beim Morden die Skrupel, wenn nicht gar den Verstand verliert? Wenn er ausschert aus der geordneten Tötungskompanie und auf eigene Faust schlachtet? In "Mauser" wird so einer angeklagt: Die Verrohung war nicht vorgesehen, die Gewalt ist etwas Sakrales. Wer sie missbraucht, ist nicht besser als die Gegner der Revolution, und er steht dann wie diese mit dem Gesicht zur Wand - und fällt.

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"Mauser" am Residenztheater: Dichterbüste in Stücken

Oliver Frljic zeigt, was bei Müller unter der dicken Pathos-Decke steckt, und er erzählt davon, wie wenig ihm selber dieser Text der Widersprüche, in dem mit Menschen über Gräbern jongliert wird, aus seinem Denk-Dilemma hilft. Müllers Revolution (er schrieb über die russische) und Schlachten sind nicht fern. Spätestens seit dem Balkankrieg, auf den der kroatische Regisseur in seinen Arbeiten immer wieder Bezug nimmt, ist die Frage nach der Berechtigung oder Verdammung von Gewalt in unserer unmittelbaren Nähe wieder präsent.

In allen aktuellen militärischen Auseinandersetzungen wird das Morden als ein Weg zum Frieden gerechtfertigt. Die Hemmschwelle sinkt, und der Regisseur bringt sich bitter ironisch selbst mit ein: Einmal gibt ein Schauspieler vor, Oliver Frljic zu sein, der seit zwei Jahren am Residenztheater arbeitet. Er zieht sich eine SS-Uniform an und tötet seine Frau und seine Kinder zu Hause in Kroatien. Ein Spiel mit Vorurteilen. Sind nicht alle Kroaten Faschisten?

Totentänze in einer Welt am Abgrund

Solche kuriosen Kapriolen aber hätte die Inszenierung eigentlich gar nicht nötig. Denn wie die herausragenden Schauspieler Franz Pätzold, Alfred Kleinheinz, Marcel Heuperman, Nora Buzalka und Christian Erdt hier die Erniedrigung spielen, die jede Kreatur erleidet, wenn sie gequält wird; wie sie den Triumph der Erniedriger mit grausamer Gier zelebrieren: Das hat eine schockierende Wirkung. Völlig ohne berechnende oder plumpe Provokation.

Wir sehen Totentänze in einer Welt am Abgrund, in der das Gesetz der Vernichtung gilt; auch aber den Tanz auf den Toten, den Gang über Leichen, die nichts wert sind, weil sie der Ideologie im Weg liegen; eine brutale Choreografie nackter und schutzloser Körper, deren Verwendung für die "gerechte Sache" nicht vorgesehen ist. Das Gewissen wird zur Lücke im Bewusstsein erklärt.

Zu operettenhaften Klängen wird das Morden zu hurtigem Slapstick, in der Stille hat es etwas zynisch Mechanisches, und in den Momenten größter Schmach und Schande entstehen entsetzlich zärtliche Bilder letzter Verzweiflung: Erschöpft vom Töten und müde vom Sterben verknoten sich die Leiber der Opfer und der Schuldigen. Gnade ist ausgeschlossen. Die Revolution lässt ihre verzweifelten Kinder im Stich, sie foltert und vögelt sie und gebärdet sich wie ein Schöpfer, der entscheidet, wer ein Mensch sein darf und wer nicht.

Das Theater des Oliver Frljic aber hält an diesem Abend immer kurz vor der Schmerzgrenze ein - seine Gewalt braucht kein Kunstblut - und provoziert so, dass die Szenen sich erst im Kopf zu quälenden Gewissheiten vervollständigen. Der klug sich windende Müller-Diskurs über das Richtige und Falsche, über den Auftrag und die Verantwortung klingt angesichts dieser irritierend offenen Unmittelbarkeit, dieser Eindringlichkeit, seltsam fern und wie ein höhnischer Kommentar: Überleben mag eine Lösung sein, aber tatsächlich kommt zuerst das Sterben.

Doch was schert's den Dichter! Mit der Zigarre schlurft er schließlich gemütlich, wenn alle Leichen weggeräumt und alle Fragen geblieben sind, heran und nimmt sich von den Eisstückchen, die mal sein Kopf waren, ein paar für sein Whisky-Glas.


"Mauser"; München, Marstall des Residenztheaters. Nächste Vorstellungen am 28.4. sowie 22., 27. und 29.5., residenztheater.de



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sratzeputz69 28.04.2017
1. 1835
Hatte nicht Georg Büchner das ganze schon 1835 geschrieben....? Mir fehlt die Verbindung zu Dantons Tod....
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