Antisemitismus-Debatte um Böhmermann Den Gag wird man ja wohl noch machen dürfen - eben nicht!

Jude von der Bühne, Hände desinfiziert: An einer Stand-Up-Einlage von Jan Böhmermann hat sich eine Debatte entzündet. Oliver Polak sieht die Szene als ein Symptom für Antisemitismus. Und das zu Recht.

Jan Böhmermann
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Jan Böhmermann

Ein Debattenbeitrag von


Oliver Polak hat keinen Schlüsselroman geschrieben. Nichts also, worauf Leserinnen und Leser sich mit Eifer stürzen sollten, um in der "echten Welt" nach den Vorbildern fiktiver Helden oder erfundener Schurken zu fahnden. Mit "Gegen Judenhass" hat der 42-jährige Komödiant ganz lakonisch seine biografischen Erfahrungen aufgeschrieben, vom Aufwachsen als jüdisches Kind in Papenburg bis zu "einem - meinem - Hier und Jetzt". 127 pointenlose Seiten, schnell weggelesen, oft genickt, manchmal den Kopf geschüttelt. Antisemitismus, schlimm.

Das Buch ist seit einem Monat auf dem Markt. Der Eklat zündet erst jetzt - mit einem Artikel des Medienjournalisten Stefan Niggemeier. Für den "Freitag" hat er sich der nicht allzu großen Mühe unterzogen, ein paar der Schurken in "Gegen Judenhass" zu identifizieren. Und wurde fündig bei Jan Böhmermann, Klaas Heufer-Umlauf und Serdar Somuncu.

Sind das nicht die Guten? Was ist passiert?

Polak nennt keine Namen, und sein Buch beginnt mit dem Satz "Dieser Text ist keine Anklage." Allerdings beschreibt er unter anderem, wie ihn ein "kontroverser Kabarettist", ein "Musikfernsehmoderator" und ein "Fernsehmoderator" von der Bühne gejagt haben. Ironisch, versteht sich. Anschließend sei ein Desinfektionsmittel zum Einsatz gekommen. Der "Gag war keiner", schreibt Polak, "denn er hatte keine Pointe".

Die Szene hat sich 2010 beim 25. Bühnenjubiläum von Serdar Somuncu zugetragen. "Ja, jetzt geh aber auch", sagt Böhmermann auf dem Sofa. Heufer-Umlauf springt auf: "Du musst jetzt gehen!" Ihm folgt Somuncu, der dem abgehenden Polak nachbrüllt: "Verpiss dich!"

Danach wischen sich die Jungs die Hände ab, und Heufer-Umlauf fragt: "Sag mal, kann man das eigentlich kriegen? Habt …ihr ihm die Hand gegeben?", er selbst habe ihn "so kurz am Arm …", worauf Somuncu sagt: "Ekelhaft. E-kel-haft!" Da holt Böhmermann schon das Desinfektionsmittel hinter dem Sofa hervor. Das wäre dann die Pointe.

Vor seinem rabiat inszenierten Abgang hatte Polak auf der Bühne den "ungelenken" Umgang der Deutschen mit dem Holocaust thematisiert, im Buch fragt er: "Sollte das Ironie sein? Wem genau galt sie? Imitierte er mit seiner Geste einen Antisemiten, oder sprach einer aus ihm?" Je größer das Tabu, umso besser sollte freilich die Pointe sein.

Hey! Ist ja alles nicht so gemeint!

Bleibt die Pointe ganz aus, handelt es sich vielleicht nicht einmal um einen Witz. Sondern um einen Antisemitismus, so der Verdacht, der sich im schicken Kleid der Uneigentlichkeit mal so richtig austoben darf, weil: Hey! Ist ja alles nicht so gemeint! Das gackernde Publikum macht jedenfalls nicht den Eindruck, als bliebe ihm hier etwas im Halse stecken.

Oliver Polak
imago/ Sven Simon

Oliver Polak

KiWi-Verleger Helge Malchow hält diesen Verdacht in der "Welt am Sonntag" für "eine absolut gegenstandslose Unterstellung", ohne Böhmerman zu nennen: "Wenn man diesen Autor und seine Arbeit kennt, dann weiß man, dass dieser Autor nicht in Zusammenhang mit Antisemitismus zu bringen ist". Böhmermann ist ebenfalls Autor bei KiWi, wegen der fraglichen Passage ist "Gegen Judenhass" dort nicht erschienen.

Nun kann man sich mit Stefan Niggemeier die Frage stellen, warum nicht nur Polak oder Malchow, sondern "auch Journalisten", darunter auch im SPIEGEL, in "ihren vielen Berichten Böhmermann nicht für das Publikum identifizieren".

Mag sein, dass ein interessiertes Publikum das durchaus selbst hinbekommt. Mag ferner sein, dass ein alter Hase wie Malchow zurecht befürchtete, Böhmermann könne ins Fadenkreuz geraten - und ihn schützen wollte. Mag ebenfalls sein, dass der Humor des Satirikers so viele Falltüren hat, dass man als Journalist vorsichtshalber immer hinter der nächsten sein dann wirklich echtes, gutes Gesicht vermutet.

Nun ist der Vorwurf antisemitischen Verhaltens so etwas wie der große, gesichtstätowierte, schwerkriminelle und soeben aus dem Knast entlassene Bruder des #MeToo-Vorwurfs. Wenn er im Raum steht, ducken sich alle weg. Mit dem will man wirklich nichts zu tun haben.

Getwitter mit Groll

Entsprechend robust liest sich auch Böhmermanns bisher einzige Einlassung zu diesem Thema: "Ich kann leider ohne eine angemessene Umsatzbeteiligung nicht an der nachträglichen Umdeutung von ultrakrassen Ficki-Ficki-Comedykarrieren in schillernde, sensible Intellektuellenbiografien mitwirken", twitterte er - nicht ohne Groll, nicht ohne Hohn und damit auch nicht wirklich souverän.

Polak selbst möchte sich in dieser Angelegenheit nicht mehr äußern. Wer zur Zeit mit ihm redet, spürt aber, dass es ihm nicht um die Gesetze der Ironie oder die legendären Grenzen von Satire geht. Es geht ihm, ganz unlustig, um die Sache. "Sorry", soll Böhmermann ihm einmal gesagt haben, "aber dein Judentum ist dein Unique Selling Point, da musste jetzt durch".

Polaks Sache, das lässt die Lektüre von "Gegen Judenhass" vermuten, ist derzeit zumindest das Nachdenken über strukturellen Antisemitismus und die endlose Reproduktion entsprechender Stereotype. Überall, auch im Fernsehen. Hätte er anderes im Sinn gehabt, etwa einen Schlüsselroman, er würde sein Buch "Die 42 krassesten Judenhasser meines Lebens" genannt haben, Untertitel: "Leute, von denen man es nie erwarten würde!"

Man könnte sich also durchaus die Frage stellen, wem damit geholfen wäre, einzelne Personen wegen antisemitischer Verhaltensmuster an den Pranger zu stellen - wo das Problem doch ein so strukturelles ist, dass es, zum befreiten Gelächter eines aufgeklärten Publikums, auch "den Guten" unterlaufen kann.

In der phänomenalen Dokumentation "Kulenkampffs Schuhe" über das Fernsehen der Wirtschaftswunderjahre gibt es eine Szene, in der ein schummelnder Kandidat sich scherzhaft herausredet: "Ich habe bei Juden gelernt". Worauf Kulenkampff ihn so sachte wie erschrocken am Arm berührt, nein, so was sage man nicht mehr.

Antisemitismus, schlimm. Es hat sich nicht allzu viel geändert.

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zorro2110 26.10.2018
1. Ja,
stimmt, dass hier eine Grenze überschritten wurde und die Betroffenen es eigentlich besser wissen müssten. Aber, dass ausgerechnet Hr. Polak sich 8 Jahre später damit ins Rampenlicht drängt um seine Verkaufszahlen anzukurbeln ist lächerlich. Jemand der seine Karriere darauf aufgebaut hat andere nieder zu machen und zu beleidigen (Bsp: Lothar Mätthaus als pädophil zu bezeichnen) kann ich nicht ernst nehmen.
Möve17 26.10.2018
2. Wer als
Deutscher den Antisemitismus benutzt, um damit für seine Zwecke Aufmerksamkeit zu erreichen, verleugnet tatsächlich die Abgründe unserer neueren Geschichte. So einfach sollten wir JB, diesem spätpubertierenden Clown, das nicht durchgehen lassen. Anderen übrigens auch nicht.
G. Samsa 26.10.2018
3.
Kann es sein, dass der Autor vergessen hat, dem Text ein Argument beizufügen? Wieso ist der "Witz" nun ein "Symptom für Antisemitismus"? Dass der Witz "ironisch" oder "uneigentlich" ist, würde ja bedeuten, dass das antisemitische Muster, das imitiert wurde, nicht antisemitisch gemeint war. Wieso ist dann das, was hier nicht antisemitisch gemeint war, antisemitisch? Wieso verlieren Ironie und Uneigentlichkeit hier ihre Wirkung?
freuds_nightstand 26.10.2018
4. Peinlich, Herr Polak!
Ich als Jude - und schwul noch dazu -, muss sagen, der einzige, der sich hier unsouverän und peinlich verhält, ist Oliver Pollack. Ganz groß im Austeilen gegen Frauen, Behinderte, Schwule, etc., aber jetzt die beleidigte Pussy machen. Jan Böhmermann, der Antisemit - ja ne, is klar. Toll, wenn jetzt Komiker auch schon ihre Political Correctness raushängen lassen. Aber es ist ja immer leichter und grade so en vogue, Probleme da zu suchen, wo keine sind und Ersatzkampfplätze einzurichten, anstatt dort, wo sie wirklich sind. Ja, ich als Jude habe auch Angst vor dem wieder stärker werdenden Antisemitismus, aber solche Beiträge und Diskussionen wie hier sind einfach nur peinlich und lächerlich und - schlimmer noch - führen eine echte, differenzierte Auseinandersetzung ad absurdum.
alleghieri 26.10.2018
5. Petri Heil, was für ein Jagderfolg!
Eine Zusammenfassung: Ein Kabarettist persifliert einen Judenhasser, macht das aber so überzeugend, dass er selbst in den Verdacht gerät antisemitisch sein. Er antwortet auf den eigentlich unsinnigen Vorwurf, so wie es seine Art ist, etwas herablassend, aber nun ist es für alle klar: Er ist ein Antisemit! Die ihn zur Strecke gebracht haben, wollen sich ihren Jagderfolg nicht nehmen lassen und so werden seine Erklärungen nicht gehört.
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