Von Stefan Kuzmany
Es gibt Texte, die schreibt man als Journalist nicht so gerne. Irgendjemand hat einem ein Thema eingeflüstert, eine Plattenfirma vielleicht oder ein Verlag, dann gefällt es auch noch dem Ressortleiter, und schon muss man auf etwas hinweisen, das man gar nicht wirklich schätzt. Eigentlich sollte das nie so sein: Das Schreiben über Dinge, die einen selbst nicht interessieren, kann einem das Schreiben insgesamt verleiden.
So wie Olli Dittrich. Er war ausgebildeter Theatermaler, arbeitete dann aber für eine Plattenfirma, zunächst als Packer, später schrieb er als Produktmanager Pressetexte, oft für Bands, die er nicht wirklich gut fand, gestaltete das zweiwöchige Presseheft im Alleingang, eine im Grunde demütigende Arbeit für einen wahren Kreativen, dazu quälte ihn eine schwere Angststörung.
Irgendwann war es genug: "Das war mir so über und so zuwider, dass ich mir damals gesagt habe: Das machst du nie wieder." Olli Dittrich kündigte. Nie wieder wollte er auf der falschen Seite des Schreibtischs sitzen. Das war 1985, ein Jahr, in dem den Freunden guter Unterhaltung ein großer Künstler geschenkt wurde.
Welcher Dittrich sitzt da jetzt?
27 Jahre später, an einem schon recht zugigen Spätsommervormittag, lässt sich Olli Dittrich auf der Terrasse eines Hamburger Plattenlabels fotografieren, bis zum Gespräch sind es noch ein paar Minuten, Dittrich flachst mit dem Fotografen, hält seinen Kopf in den Wind, und man hat Zeit, sich zu fragen, wer einem da gleich gegenübersitzen wird.
Denn Olli Dittrich, das sind viele. Da ist der Komiker, der gemeinsam mit Wigald Boning die Comedy-Sendung "RTL Samstag Nacht" mit dem Fake-Talk "Zwei Stühle - eine Meinung" zu einem lustigen TV-Format gemacht hat. Da ist der Musiker, der mit der Band "Texas Lightning" und dem Song "No No Never" Deutschland 2006 beim Eurovision Song Contest vertreten hat. Da ist der Sidekick und Dauergast von Harald Schmidt, augenscheinlich in der Lage, jederzeit eine eigene Late-Night-Show zu übernehmen.
Da ist "Dittsche", das Verlierer-Großmaul, das Abend für Abend im Bademantel am Imbiss-Tresen steht, aus der "Bild"-Zeitung zitiert und dazu Flaschenbier trinkt, aber nur, wenn's "schön perlt". Da ist der Schauspieler, der mit Anke Engelke ein "Blind Date" improvisiert und in Jo Baiers Stauffenberg-Film überzeugend und ganz ohne Witz den Propagandaminister Joseph Goebbels verkörpert. Und da ist schließlich der Imitator, am besten bekannt wohl in seiner Rolle als Franz Beckenbauer. Olli Dittrich ist ein Mensch, der so eine Rolle überstreifen kann wie andere Leute einen gut sitzenden Pullover.
Bei Olli Dittrich hat man den Eindruck, er muss nur den Einstieg finden, dann läuft es wie von selbst, unbewusst. Wie macht er das? "Das ist schwer zu beschreiben, weil es für mich ganz natürlich ist", sagt Dittrich. "Im Lauf der Jahre hat sich eine Sicherheit und Ruhe eingestellt, eine gewisse Erhabenheit darüber, keine Befürchtung mehr zu haben, etwas falsches preiszugeben, verunsichert zu sein - obwohl ich in Wahrheit doch etwas schüchtern bin. Das glaubt einem ja immer keiner."
Den Sendern fehlt der Mut
Und jetzt? Ist das jetzt der echte Dittrich, der Mann hinter den Rollen? Es könnte natürlich sein, dass er wirklich alte Porsches sammelt und sich, wie er gerade im Aufzug erzählt hat, an einem dieser letzten schönen Tage des Jahres, die dann doch überraschend kalt werden können, bei einer offenen Ausfahrt erkältet hat. Es könnte sein, dass der Mann mit der Fliegerbrille sich jetzt, in einem leeren Büro der Plattenfirma, tatsächlich nach vorne beugt, um sich angeregt über das Fernsehen von heute zu unterhalten. Oder ist das jetzt Olli Dittrich, der Olli Dittrich spielt, wie er ein Interview gibt? Wäre ja möglich.
Scheint aber der echte Dittrich zu sein. Und der ist ein angenehmer, nachdenklicher Gesprächspartner. Eigentlich soll es jetzt um sein Buch "Das wirklich wahre Leben" gehen, eine Sammlung aus Interviews, die die Journalistin Anne Ameri-Siemens mit Dittrich geführt hat, dazu Fotos und faksimilierte Dokumente aus Dittrichs Leben, und um die "Leseschau" zu diesem Buch, mit der er ab Anfang Oktober durch Deutschland tourt. Aber schnell bewegt sich das Gespräch zu dem Gebiet, das Olli Dittrich bekannt gemacht hat: zur deutschen Fernsehunterhaltung.
Und zu der Frage, warum die in der Krise steckt. Harald Schmidt kann froh sein, wenn 20.000 Sky-Abonnenten seine Sendung einschalten, während auf den populären Kanälen die Castingshows und Reality-Soaps und Talks mäandern, man kann daran verzweifeln als Zuschauer. Und als Künstler?
"Unterhaltung war immer gefragt, auch beim intellektuellen Publikum. Aber früher musste man dafür etwas können, sonst wäre man beim Sender gar nicht am Pförtner vorbeigekommen. Das hat sich völlig verändert", sagt Dittrich. In seiner Schublade liegen Konzepte für neue TV-Formate. Was er davon - leider geheim! - erzählt, macht schon beim Zuhören Lust aufs Einschalten. Wenn es nur einen Sender gäbe, der den Mut hätte, seine Ideen umzusetzen.
Die Krise der intelligenten Unterhaltung habe auch mit dem Internet zu tun, sagt Dittrich: "Alles ist zu jeder Zeit überall zu sehen, und diese Beliebigkeit hat auch zu einem Überdruss geführt, dazu, dass auch Leute, die eine kultiviertere Form von Unterhaltung und Fernsehen suchen, einfach aussteigen, weil sie sich nicht auf die Suche begeben möchten." In der Breite aber, auch bei öffentlich-rechtlichen Sendern, die ja einen anderen Auftrag haben, werde das angeboten, was die größte Masse erreicht. Doch wenn die Sendung vorbei ist, sei alles vergessen. "Wie bei den vielen Casting-Formaten: Nach dem Ende der Staffel interessiert sich niemand mehr für den Sieger."
"Ich habe festgestellt, dass ich keine Angst zu haben brauche"
Wo ist die Kunst Olli Dittrichs noch gewünscht? Die Sender produzieren immer billiger und trimmen immer stärker auf Massentauglichkeit. Auch darum hat Dittrich, der mit seinem mittlerweile legendären "Dittsche" tatsächlich immer noch um Sendezeiten kämpfen muss, jetzt die Form einer Live-Show gewählt, bei der er direkt mit seinem Publikum in Kontakt treten kann. "Da sagt mir keiner, Du musst das Publikum hier abholen, oder: Das versteht das Publikum nicht. Dabei ist es doch so: Das Publikum versteht alles."
In dem neuen Buch sind neben den Interviews und Dokumenten auch einige - viel zu wenige - Kurzgeschichten und Anekdoten Dittrichs gesammelt. Bei der Arbeit an den Interviews ist ihm aufgefallen, dass er einige Geschichten vergessen hatte, und das, was am Anfang bloßes Hinzufügen war, wurde schnell zu literarischer Arbeit. Dittrich, der einst als frustrierter Lohnschreiber dem Verfassen von Texten abgeschworen hatte, hat seine alte Leidenschaft wieder entdeckt. Jetzt will sein Verlag einen Roman von Dittrich oder zumindest einen Kurzgeschichtenband. Der Multikünstler bekommt eine Berufsbezeichnung mehr: Autor.
"Es hat Jahrzehnte gedauert, Ordnung in meine Talente zu bekommen", erzählt Olli Dittrich. Über seinen nicht immer leichten Weg ist viel im Buch zu lesen, sehr offen spricht Dittrich hier über seine frühen Ängste, aber auch über den Spaß, den er mit den Blödeleien der Anfangsjahre hatte. Auf der Leseschau wird er etwa die Hälfte der Zeit vorlesen. Und ansonsten das tun, was er am besten kann: spontan sein.
"Ich habe festgestellt, dass ich keine Angst zu haben brauche, wenn ich mich in Live-Situationen begebe. Ich habe festgestellt, dass ich nicht nur keine Angst zu haben brauche, sondern in solchen Situationen sogar das Beste liefere."
Es gibt Veranstaltungen, auf die man gerne hinweist: Das Beste von Olli Dittrich ist ab 1. Oktober auf seiner Tour zu sehen. Sie beginnt in Hamburg.
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