Olympia-Architekt Mike Taylor "Ein Gebäude, so elegant wie ein Rennrad"

Grün, abbaubar, innovativ - der Londoner Olympia-Park ist der Gegenentwurf zum Größenwahn von Peking. Im Interview spricht Architekt Mike Taylor über sein preisgekröntes Velodrom, die neue Londoner Skyline und die Verbrechen westlicher Architekten in China.

Getty Images/ ODA

SPIEGEL ONLINE: Sie haben viele Architekturpreise für das Velodrom im Olympiapark gewonnen, zuletzt den Zuschauerpreis beim prestigeträchtigen Stirling-Wettbewerb. Was gefällt den Leuten an dem Gebäude?

Taylor: Es spricht sie emotional an. Es sieht gut aus, wenn Sie näherkommen, und es ist sehr theatralisch, wenn Sie drinnen herumgehen und das sportliche Drama fühlen. Aber es ist auch ein sehr logisches, sehr grünes Gebäude. Die Idee, mehr mit weniger zu erreichen, passt zu unserer Zeit. Den Leuten gefällt, dass man mit einem rigorosen Streben nach Nachhaltigkeit auch etwas Elegantes und Aufregendes schaffen kann. Grüne Architektur ist oft langweilig, daher sind sie positiv überrascht.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Geheimnis?

Taylor: Wir wollten ein Gebäude, das so elegant und effizient wie ein Fahrrad ist. Architekten und Ingenieure haben eng zusammengearbeitet, alles Unwesentliche wurde entfernt. Die Gebäudehaut ist um das absolute Minimalvolumen herumgewickelt. Deshalb wiegt das gesamte Dach nur hundert Tonnen - zehnmal weniger als das Dach des Velodroms von Peking.

SPIEGEL ONLINE: In den Medien wird das Velodrom "Pringle" genannt, weil das Dach wie ein Kartoffelchip aussieht. Eine Beleidigung?

Taylor: Es stimmt, das Dach sieht so aus, aber wir werden sehen, ob der Name wirklich hängen bleibt. Ist ja kein sehr sportliches Bild.

SPIEGEL ONLINE: Was entgegnen Sie Kritikern, die den Bau von Olympiastätten für eine riesige Geldverschwendung halten?

Taylor: Sie haben Recht. Ein Gebäude nur für zwei Wochen Olympia zu entwerfen, ist Wahnsinn. Das lässt sich nicht rechtfertigen. Aber wir stellen uns die Olympischen Spiele nur als gigantische Haus-Einweihungsfeier vor. Was uns wirklich interessiert, ist das Haus für später. Das Velodrom wird eine permanente Heimat für Radfahrer, umgeben von einem Velopark mit sieben Kilometern Mountain-Bike-Pfaden und Rundkursen für Rennräder und BMX-Räder.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist gute Architektur für den Erfolg von Olympischen Spielen?

Taylor: Olympia wird vom Fernsehen bestimmt, das Gastgeberland muss entscheiden, wie es auf dem Bildschirm rüberkommen will. Peking wollte spektakulär aussehende Gebäude, deshalb haben sie das Vogelnest gebaut. Aber sie scheinen nicht wirklich darüber nachgedacht zu haben, was danach damit passiert. London hingegen denkt vor allem an die Nachnutzung.

SPIEGEL ONLINE: Die Basketball-Arena zieht nach Glasgow um, das Schwimmzentrum wird geschrumpft, das Olympiastadion wird neue Heimat eines Fußballclubs…

Taylor: Die Architektur der Spiele verrät viel über die Philosophie des Gastgeberlandes. Und London hat richtig daran getan, viel bescheidener als Peking zu sein und in die Regenerierung des East Ends zu investieren.

SPIEGEL ONLINE: Stadtplaner reden vom "Bilbao-Effekt", wenn eine heruntergekommene Gegend durch das Werk eines Star-Architekten wiederbelebt wird. Passiert das jetzt auch im East End?

Taylor: Das ist ein Mythos. Das Guggenheim-Museum brachte Millionen Touristen nach Bilbao, aber das funktioniert nicht überall. Das Olympiagelände schafft vor allem einen neuen Raum für die Anwohner - einen grünen Park und eine neue Community in einer früher trostlosen Gegend.

SPIEGEL ONLINE: Das Münchner Olympia-Gelände aus dem Jahr 1972 gilt bis heute als vorbildhafte Architektur. Wird London 2012 eine ähnliche Wirkung entfalten?

Taylor: München hat etwas sehr Besonderes und Neues geschaffen. Es gab aus naheliegenden politischen Gründen den Wunsch, den Formalismus der Berliner Spiele von 1936 nicht zu wiederholen. Und die neuen Technologien der siebziger Jahre boten die Chance, moderne Architektur neu zu definieren. Das Velodrom schlägt eine schöne Brücke zu München, weil unsere englischen Ingenieure sich für den Bau des Kabelnetzdaches Rat von dem Stuttgarter Büro Schlaich Bergermann und Partner geholt haben, das damals das Münchner Dach entworfen hat. Ich hoffe, dass das Velodrom in 30 Jahren ebenfalls als Klassiker gesehen wird.

SPIEGEL ONLINE: Der Olympiapark ist nicht die einzige Großbaustelle in London. Die Skyline erfährt den größten Umbau seit Jahren. Mehrere neue Wolkenkratzer wachsen in die Höhe und sorgen für Streit. Was halten Sie von diesem Trend?

Taylor: Ich sehe die Gefahr, dass einige der Hochhäuser zu groß für die historische Skyline geraten. Die Londoner hängen so sehr an ihren traditionellen Sichtachsen, dass jeder neue Turm erstmal an seiner Wirkung auf St. Paul's Cathedral gemessen wird.

SPIEGEL ONLINE: Der gläserne "Shard"-Wolkenkratzer auf der Südseite der Themse gilt als besonders fehl am Platze. Ist es sinnvoll, das höchste Gebäude Europas in ein Viertel mit niedriger Traufhöhe zu setzen?

Taylor: Der Shard ist ein visuell sehr verwirrendes Gebäude: Aus einigen Winkeln scheint er enorm riesig, aus anderen ziemlich bescheiden. Aber wichtiger als die Größe ist die Frage, wie gut er sich in das Leben auf der Straße einfügt. Dieser Teil Londons braucht Erneuerung, und wenn der Shard dafür sorgen kann, dann begrüße ich das.

SPIEGEL ONLINE: Wird dieser Hochhaus-Boom anhalten oder war er nur ein letztes Hurra vor der Finanzkrise 2008?

Taylor: Man kann davon ausgehen, dass er abflauen wird. Diese ehrgeizigen Projekte wurden alle vor 2007 auf den Weg gebracht. Ich glaube nicht, dass es im Moment große Nachfrage nach Büroraum gibt, und die Anzahl geeigneter Grundstücke für solche Projekte ist in London immer sehr begrenzt. Das dringendere Problem ist Wohnraum. Angesichts der steigenden Nachfrage müssen wir darüber nachdenken, wie wir die Wohnungsdichte erhöhen können.

SPIEGEL ONLINE: Die Engländer sollen ihre Gärten aufgeben?

Taylor: Da hört der Spaß auf. Aber wenn wir nicht noch mehr Landschaft zubauen wollen, müssen wir uns an den europäischen Lebensstil gewöhnen: Wohnungen mit Balkonen und Dachterrassen statt Häuschen mit Garten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben vor allem in Europa und den USA gearbeitet. Wieso sind Sie nicht in Asien, dem neuen Mekka der Architekten?

Taylor: Wir sind in Gesprächen mit Immobilienfirmen in China, Russland und dem Mittleren Osten. Wir hätten gern eine größere Präsenz, aber wir legen Wert darauf, die lokale Kultur zu berücksichtigen. Wir wollen nicht einfach nichtssagende westliche Architektur importieren. Wenn ich mir China anschaue, sehe ich eine ganze Reihe von Statements, eine Vision des Schlechtesten, was die westliche Kultur zu bieten hat. Das ist nicht unser Stil.

SPIEGEL ONLINE: In den letzten Jahren haben wir den Aufstieg des globalen Star-Architekten erlebt. Sieht so die Zukunft der Branche aus?

Taylor: Es gibt sicherlich einen Trend zu narzisstischer Architektur. Einige Architekten versuchen, sich selbst darzustellen, unabhängig vom Kontext, der Nutzung oder der Nachhaltigkeit des Gebäudes. Architekturzeitschriften sind voller Gebäude mit sagenhaften Formen und unglaublichen technischen Raffinessen. Das ist zunächst verführerisch, aber es ist meist sehr schwer zu verstehen, welche Philosophie dahinter steckt.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Velodrom hat auch eine sagenhafte Form.

Taylor: Das Velodrom ist zufällig auch ein skulpturelles Statement, aber es hat seine eigene Logik. Das Gebäude ist um die Sitze gewickelt, die Sitze sind um die Rennbahn gewickelt, und die Bahn selbst ist ein skulpturähnliches Objekt. Es gibt eine physische und visuelle Verbindung zwischen der Form und der Aktivität im Inneren. Die Welt ist bereit für eine progressive, aber bescheidene Architektur, die auf individuelle Orte und Personen eingeht und weniger Material und Energie verbraucht. Architektur kann gut aussehen und sich gut anfühlen, aber sie muss auch eine Verbindung zum Nutzer haben.

Das Interview führte Carsten Volkery



insgesamt 6 Beiträge
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dunnhaupt 16.10.2011
1. Architekten erwünscht
Zitat von sysopGrün, abbaubar, innovativ - der Londoner Olympia-Park ist der Gegenentwurf zum Größenwahn von Peking. Im Interview spricht Architekt Mike Taylor über sein preisgekröntes Velodrom, die neue Londoner Skyline und die Verbrechen westlicher Architekten in China. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,790848,00.html
Gibt es eigentlich heute noch große deutsche Architekten von internationalem Rang, oder sind die seit der Vertreibung des Bauhauses durch Hitler ausgestorben? Selbst die Berliner Reichstagskuppel und der Berliner Schlossneubau stammen von Ausländern.
systemfeind 16.10.2011
2. ja , Speer , der baut aber in China
Zitat von dunnhauptGibt es eigentlich heute noch große deutsche Architekten von internationalem Rang, oder sind die seit der Vertreibung des Bauhauses durch Hitler ausgestorben? Selbst die Berliner Reichstagskuppel und der Berliner Schlossneubau stammen von Ausländern.
moderne Architektur vergeht - Muschelkalk bleibt .
at.engel 16.10.2011
3. Irgendwie öde
Elegant ist es ja, aber Foto 1 sieht ungefähr so öde und langweilig wie die Windows-Wiese (XP) aus. Und Foto 5 zeigt, wie Urbanisten und Architekten die letzten 60 Jahre ganze Stadtbereiche in Beton-Wüsten verwandelt haben. Einfach unheimlich, wenn man sieht, wie Menschen hier hausen.
albert schulz 16.10.2011
4. nicht schlecht
Immerhin hat er gesagt, daß Funktion und Form etwas miteinander zu tun haben. Das ist absolut revolutionär im Business (der ein Vorwand sprich Ersatzargument). Die Photos erlauben natürlich kein Urteil. Und daß da ein Armenviertel Impulse erhalten könnte ist wohl wieder mal Architektenspeech, also belanglos bis zum Exzeß.
sverris 16.10.2011
5. qwer
Zitat von dunnhauptGibt es eigentlich heute noch große deutsche Architekten von internationalem Rang, oder sind die seit der Vertreibung des Bauhauses durch Hitler ausgestorben? Selbst die Berliner Reichstagskuppel und der Berliner Schlossneubau stammen von Ausländern.
"Internationaler Rang": im ökonomischen Sinne gibts ein paar, mit Großbüros, im 'künstlerischen Sinne keine. Aber interessante Architektur spielt sich heute im kleinen Maßstab ab!
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