Olympia-Eröffnung im Fernsehen "Mao fehlt völlig"

Der wohl wichtigste Wettkampf der Olympischen Spiele in Peking ist eröffnet: Westliche Medien gegen chinesische Partei-Propaganda. Bei der prunkvollen Eröffnungsfeier war das kritische Gewissen der ARD-Kommentatoren stets präsent - ein absurder Spagat zwischen Staunen und Skepsis.

Von Matthias Matussek


Genauer ist da wohl selten hingeschaut worden bei einer olympischen Eröffnungszeremonie: Was bringen sie, was lassen sie aus, wie steht es um die Menschenrechte in der Farbgebung, und welche Rückschlüsse lassen die Feuerwerke auf die Tibetfrage zu?

Einmarsch der chinesischen Delegation ins Pekinger Olympia-Stadion: Marschierende Menschenblöcke
AFP

Einmarsch der chinesischen Delegation ins Pekinger Olympia-Stadion: Marschierende Menschenblöcke

Antwort: Alles wie immer, nur wuchtiger. Olympische Eröffnungszeremonien zeigen nun einmal marschierende Menschenblöcke, und die chinesische zeigte ein paar mehr. Viele mehr. Tatsächlich, man muss es schon sagen: Die Malerei mit Menschenmassen können sie einfach, die Diktaturen, da sitzt jeder Kampfschrei, jede Wellenchoreographie, jeder Freudenausbruch, vom ersten Trommelschlag bis zum letzten bunten Ringelreihen.

Doch alle Seiten wissen, was auf dem Spiel steht, die chinesische Führung genauso wie das kritische Gewissen. Die Führung sagt: Wir kriegen euch, das kritische Gewissen sagt: nie. Das kritische Gewissen vor Ort wird verkörpert von Sandra Maischberger und Ralf Scholt, dem neuen Sportchef des Hessischen Rundfunks. So wurde auch bereits der erste, vielleicht wichtigste Wettkampf eröffnet. Möge der Bessere gewinnen.

Unter den Augen des chinesischen Staatschefs - "noch ein wenig verkrampft", kommentiert Scholt nicht unhöhnisch - hauen 2008 Trommler auf die Felle, sie brüllen, sie reißen die Arme empor, sie lassen sie niederfahren, martialisch mit roten Striemen auf der Stirn, mit roten Bändern um die Hüften.

Sie rufen ein Gedicht von Konfuzius. Es klingt wie Mobilmachung, sagt sich der politisch aufgeschreckte Olympia-Zuschauer zu Hause. Gegen die möchte man nicht im Krieg stehen. Gegen die möchte man noch nicht mal Mikado spielen. Konfuzius, hm? Man ist misstrauisch geworden in den vergangenen Wochen und Monaten.

"Kein Zufall, das es 2008 sind", kommentiert Sandra Maischberger, und das ist natürlich Öl ins Feuer und eine weitere Botschaft für die kritische Öffentlichkeit zu Hause: Die Herrscher im Reich der Mitte überlassen auch diesmal nichts dem Zufall, selbst in unserer Kalenderrechnung sind sie bewandert.

Gewinnen können sie uns und Sandra Maischberger nicht, das müssen sie sich gesagt haben, die roten Machthaber, also wollen sie uns überwältigen. Was dann aber auch in der Logik bisher aller Olympischen Spiele liegt und als solches keine Regelverletzung darstellt. Die Gastgeberländer präsentieren sich und ihre Geschichte im besten Licht, sie machen Marken, brands, aus sich - im globalen Taumel präsentieren sie nationalen Stolz, und am schönsten blüht der, wenn die Show der Vorgänger überboten werden kann.

Und hier muss man sagen: Peking hat gewonnen. Und damit ist Peking gemeint, denn die ganze Stadt wurde in dieser knapp vierstündigen Eröffnungsnummer bespielt. Quer durch den urbanen Moloch wurden Riesen-Fußstapfen in den Stadthimmel gezündet, rumms-rumms-rumms, liefen die Feuerwerke auf das Stadion zu, und da hatte natürlich der kritische Zuschauer zu Hause wieder kurz Angst, dass sie weiterliefen, durchs Land, durchs ganze Riesenreich, und irgendwann hier vor der Haustür stehen.

Tausende von Leibern malten in durchaus bewegenden Bildern die Erfindung des Papiers, des Pinsels, der Seefahrerei ins Schwalbenneststadion, und plötzlich sitzt da Superstar Lang-Lang am weißen Flügel und verkörpert das moderne China.

Moment, fehlte da nicht was?

"Die haben hundert Jahre einfach weggelassen", kommentiert Ralf Scholt empört. Die Gründung des modernen China! "Mao fehlt völlig!". Das müsste Punktabzüge geben. Tatsächlich: Keine roten Frauenbataillone, keine Bilder vom langen Marsch, keine lustigen Fensterstürze aus der Kulturrevolution – da wurde ganz bedenklich überschminkt, weiß jetzt das kritische Gewissen.

Stattdessen die unbedenklicheren Terrakotta-Krieger und zwischendurch immer wieder Kinder, und "natürlich die Friedenstaube" (Sandra Maischberger), und dann wieder Kinder, die jubeln und vor der Zerstörung des Planeten warnen, und andere, die das Zeichen für "Harmonie" ins Stadion pixeln.

Wir erfahren von den Inszenatoren des Spektakels, allen voran der international renommierte Filmregisseur Zhang Yimou: Auch die chinesische Philosophie kennt den Naturschutz, schätzt den Einklang zwischen Mensch und Schöpfung als höchstes Lebensziel. Man wäre ihnen fast auf den Leim gegangen, wenn nicht die kritische Öffentlichkeit – Sandra Maischberger - im letzten Moment dazwischengegrätscht wäre: "Von dieser Einheit war in den letzten Jahren nichts zu spüren." Uff.

Für das kritische Gewissen am Fernseher ist diese Show wie ein Besuch beim Zahnarzt: Es lässt sich gerne narkotisieren durch Kinderkitsch und Kampfsport, durch Schlager und Raumfahrt-Simulationen und stürzende Wasserfälle, aber es wird wachgehalten durch Schwester Maischberger, die immer wieder sagt: Gleich tut's weh.

Da dreht sich also am Ende der Show der bunte Reigen der chinesischen Völkerfamilie, ein Tanz aus lächelnden Gesichtern und Kostümen, man schlummert da so hinein, aber Gott sei Dank gibt es die kritische Berichterstattung der ARD. "Wir wissen natürlich, dass unter diesen Kostümen auch Tibeter und Uiguren stecken, denen alles andere als zum Tanzen zumute ist", sagt Maischberger. Verdammt, Fast hätte man sich wieder einlullen lassen!

Der Machtapparat Chinas zeigte sich an diesem Abend im Pekinger Vogelnest erschütterungsfrei – die Athleten marschierten lachend ein, statt zu demonstrieren, die chinesischen Zuschauer jubelten, die Begrüßungsworte waren mahnend freundlich. Und das olympische Feuer? Nun, der Fackellauf wurde noch einmal zitiert, ungerührt, selbstverständlich in der störungsfreien, der überarbeiteten, der gewinnenden Version: Ein älterer Herr lief durch den Himmel und entzündete das gewaltige Feuer.

Und das kritische Gewissen? Knirscht erst mal mit den Zähnen und applaudiert - falls man all das als Gewissen überhaupt kann.

Fazit: China präsentierte sich als Weltmacht, das kritische Gewissen punktete. Ein eindeutiger Gewinner lässt sich nach dieser Show nicht ausmachen. Wird Zeit, dass die Wettkämpfe beginnen. Zeig was du drauf hast, Zentralkomitee!



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
Nachtschwester Ingeborg 08.08.2008
1. Wo war Mao?
Zitat von sysopDer wohl wichtigste Wettkampf der olympischen Spiele in Peking ist eröffnet: Westliche Medien gegen chinesische Partei-Propaganda. Bei der prunkvollen Eröffnungsfeier war das kritische Gewissen der ARD-Kommentatoren stets präsent - ein absurder Spagat zwischen Staunen und Skepsis. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,570943,00.html
Nee, nee, Mao war schon da, man hat ihn nur nicht gesehen.
kurzundknapp, 08.08.2008
2. schnell....
So schnell ist der Matussek mit dem Artikel draußen? Der wird doch nicht schon vorher? Es war die gewohnte, süffisante Spiegel-Häme, der Artikel, nicht die Olympiaeröffnung....
Walter Sobchak 08.08.2008
3. Peinlich fuer die ard
in jedem anderen Land waere es eine perfekt synchrone Darbietung von talentierten Menschen gewesen. In China eben eine beaengstigende zur Schau Stellung von marschgetreuen, parteitreuen Soldaten. So einfach ist die Welt der Maischberger und der ard. Auch die voellig ueberfluessige Anspielung auf die "sogenannten Freiwilligen". Was soll das denn bitte bedeuten und dem Zuschauer suggerieren? Eine erstklassige Vorstellung der Chinesen und eine armselige der ard - technisch wie menschlich - in beiden Faellen.
keoki, 08.08.2008
4. Beckmann
Viel schlimmer ist Beckmann danach !!! Da könnte das Zentralkomitee mal was unternehmen.
MonaM 08.08.2008
5. Wie denn sonst?
Zitat von sysopDer wohl wichtigste Wettkampf der olympischen Spiele in Peking ist eröffnet: Westliche Medien gegen chinesische Partei-Propaganda. Bei der prunkvollen Eröffnungsfeier war das kritische Gewissen der ARD-Kommentatoren stets präsent - ein absurder Spagat zwischen Staunen und Skepsis. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,570943,00.html
Wie hätte denn Herr Matussek kommentiert? Im ungetrübten Friede-Freude-Eierkuchen-Stil? Ich finde, die beiden Kommentatoren haben den Spagat ganz gut hingekriegt, nämlich glaubwürdig als den Zwiespalt, den sie so präsentieren mussten, wie er nun einmal ist. Was denn sonst?
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