Omas gegen den Krieg: Die Rache der alten Damen

Von , New York

Eine Gruppe rüstiger Seniorinnen hält die New Yorker Polizei auf Trab. Mit Demonstrationen, Mahnwachen und Sit-Ins protestieren sie gegen den Irak-Krieg. Als sie sich jedoch zum Wehrdienst melden wollten, um ihre Enkel an der Front abzulösen, war Schluss mit Lustig.

Die Sängerin und Songwriterin Joan Wile lebt auf der Upper West Side, im vierten Stock eines großen, von einem Pförtner bewachten Backsteinhauses an der West End Avenue. Ihr Apartment ist relativ bescheiden, klassische Manhattan-Mittelklasse. Von der Eingangstür tritt man direkt in ein einfaches Wohnzimmer, in dem sich ein Sofa, zwei abgewetzte Sessel und ein mit einer ausgebleichten Stoffdecke geschütztes Tagesbett um einen Couchtisch gruppieren. In der Ecke steht ein Arbeitstisch mit einem antiquarischen, klobigen Computer und Stapeln von Papieren. Überall quellen Bücher, Zeitschriften und Kassetten aus den Regalen. Durch eine abgenutzte Kochnische geht es ins Schlafzimmer, das kaum mehr fasst als ein Bett und das faltbare Keyboard, auf dem Wile ihre Musik komponiert, hauptsächlich Protestsongs und sozialkritische Lieder.

Trotz der knappen Platzverhältnisse haben es sich heute Abend elf Ladys fortgeschrittenen Alters im Wohnzimmer gemütlich gemacht. Die jüngste von ihnen ist 57, die älteste 87 Jahre. Gastgeberin Wile selbst ist 74, was man ihr nicht ansieht. Sie ist aufrecht und hochgewachsen, ihre klaren, zwinkernden Augen und die rötlichen Haare geben ihr etwas Freches. Um den Hals hat sie an Silberketten zwei Lesebrillen baumeln. Ihre Lachsalven erschüttern den Raum.

Fröhlich schwatzend sitzen die Frauen zusammen und haben sich auch noch ein paar extra Hocker herangezogen, um so einen Kreis um den Couchtisch zu bilden. Der biegt sich unter Bergen mit Snacks: Kekse, Erdnüsse, Chips, frisches Obst. Es gibt Wasser und Preiselbeersaft.

Doch dies ist kein normaler Kaffeeklatsch.

Dies ist ein Kriegsrat. Besser gesagt: ein Antikriegsrat.

Mit echten Handschellen

"Ich habe gestern einen Brief von Hillary bekommen."

"Wer hat die Stoßstangenaufkleber bestellt?"

"Hillary? Was will die denn jetzt?"

"Kommt ihr am Mittwochabend zur Mahnwache?"

"Sie plant eine Anhörung zur Gesundheitsreform, sollten wir da hin?"

"Ich habe Fotos und Videos von unserem Tag im Knast dabei!"

Da jubeln und lachen sie und klatschen in die Hände, als habe jemand Bilder von den Enkelkindern mitgebracht.

Ach ja, der Tag im Knast. 17. Oktober 2005. Ein Datum, von dem sie alle heute immer noch reden. Da wanderten die alten Damen geschlossen ins Gefängnis, für mehrere Stunden, mit echten Handschellen und allem Drum und Dran.

Ihr Vergehen: Aus Protest gegen den Irak-Krieg hatten sie versucht, sich zum Militärdienst einschreiben zu lassen, und dann, als ihnen das verwehrt wurde, mitten auf dem nachmittäglichen Times Square ein Sit-In abgehalten. "Kein Gefecht für kampfeslustige Großmütter", hatte sich die "New York Times" tags darauf amüsiert.

Gunst der TV-Kameras

Dabei ist ihnen, bei aller Juxerei, durchaus nicht zum Spaßen zumute. Im Gegenteil.

"Uns ist es bitterernst", sagt Beverly Rice, eine adrette, pensionierte Krankenschwester, die einen Button am Revers ihres Kostüms trägt: "Liebt die Truppen, bringt sie heim." Früher hat Rice am Vellevue Hospital Aids-Patienten betreut, nebenher engagierte sie sich schon in den 80er Jahren als Atomgegnerin. Jetzt hat sie eine neue Leidenschaft - wie alle anderen im Raum auch.

Wile, Rice und ihre Freundinnen bilden den Kern einer Aktivistengruppe, die ebenso außergewöhnlich ist wie typisch für New York. Grannies Against War nennen sie sich: Omis gegen den Krieg. Ein Bataillon Großmütter, die sich nicht mit Häkeln und Stricken zufrieden geben wollen.

"Wir wollen, dass unsere Kinder und Enkelkinder aus dem Krieg heimkommen, und darum wollen wir uns zum Dienst melden, um ihren Platz einzunehmen, denn wir sind alt und wir haben nicht mehr viel zu verlieren", sagt Molly Klopot, eine weißhaarige Ex-Sozialarbeiterin, die in ihrem schwarzen Rolli etwas aussieht wie eine Pariser Existenzialistin aus den sechziger Jahren.

Das mit dem Kriegsdienst ist natürlich nur ein Gag - aber einer, der ihnen am Times Square die Gunst der TV-Kameras sicherte, wenn auch nur kurz, für die größere Sache, um die es ihnen geht.

Seidenschals und Hermès-Tücher

"Heutzutage muss man dramatische Statements machen, wenn man gehört werden will. Wir sind sehr, sehr kreativ." Molly Klopot grinst, wie ein gewiefter Marketing-Profi.

Ja, mit ihnen ist nicht zu scherzen. Dabei sind sie ja eigentlich auch heute noch nur ein paar ältere Ladys aus den verschiedensten Kreisen und den verschiedensten Stadtteilen New York Citys, die sich vor einiger Zeit nicht mal kannten und selbst politisch wenig miteinander zu tun hatten. Eine Zeichnerin, eine Rechtsanwältin, eine Karriereberaterin, eine UN-Dolmetscherin, eine Schauspielerin, eine Telefonistin, eine Psychotherapeutin.

Doch in einer Stadt, die von der Regierung seit fast fünf Jahren zum Angelpunkt eines Krieges instrumentalisiert wird, führten ihre Wege unweigerlich aufeinander zu. Bis sie sich schließlich kreuzten, hier oben auf der traditionell liberalen Upper West Side, in der kleinen Wohnung einer rothaarigen Songwriterin, zu deren Werken das Film-Musical "The Happy Hooker" (Die fröhliche Hure) von 1975 gehört.

Und so begann auch diese Geschichte, wie so viele in New York, am 11. September 2001.

Judy Lear zum Beispiel, eine Fundraising-Beraterin, die kurz vorher erst zugezogen war. Lear ist eine stets perfekt geschminkte Lady, die, anders als ihre alternativ angehauchten Mitstreiterinnen, meist elegante Couture bevorzugt, vor allem Seidenschals und Hermès-Tücher.

"Wir trafen uns im Knast"

Lear befand sich an jenem Vormittag gerade als Vertreterin der Seniorenorganisation Graue Panther, deren Bezirkschefin sie ist, auf einer Konferenz in der Uno-Zentrale. Dort erlebte sie die Anschläge auf den TV-Monitoren live mit, die dort überall auf den Linoleumfluren hängen. Als die Uno dann evakuiert wurde, lud Lear "acht weitere Damen, die ich gerade erst kennen gelernt hatte", zu sich auf die Upper East Side ein. Sie bestellten sich chinesisches Essen ins Haus, verbrachten den Rest des Tages entsetzt vor dem Fernseher und erlebten etwas, was in jenen Tagen so viele New Yorker erlebten und die Stadt bis heute verändert hat: Völlig Fremde fanden plötzlich zueinander.

Dann kam der Krieg. Afghanistan, Irak. Am anderen Ende New Yorks saßen Joan Wile und ihre Freundin Judith Cartisano, eine Anwältin und Tierschützerin, beisammen und rauften sich die Haare.

"Wir konnten nicht ertragen, was da geschah", sagt Wile. "Die immer höheren Todeszahlen. Die schrecklichen Fotos dieser Kinder, verstümmelt und verkrüppelt."

Nach und nach stießen die anderen dazu. Viele kamen von weiteren Splittergruppen, zum Beispiel Raging Grannies, Elders for Peace, Justice for the Next Seven Generations.

Molly Klopot kam "direkt aus der Friedensbewegung", inspiriert von kanadischen Protest-Omas. Die Psychotherapeutin Jenny Heinz - die Nichte des ehemaligen DDR-Intendanten und Schauspielers Wolfgang Heinz - hatte in den Tagen nach dem 11. September als freiwillige Betreuerin an Ground Zero gearbeitet; heute trägt sie einen Button an der Bluse: "Bush War Criminal." Sie und die Illustratorin Ann Shirazi, die schon an den großen Gewerkschaftsdemonstrationen in Detroit teilgenommen hatten und für die "an 9/11 alles zusammenkam", lernten sich unterdessen an einem etwas konspirativeren Ort kennen, wie Jenny kichernd reminisziert: "Wir trafen uns im Knast."

"Es war wie eine Macht der Natur", lacht Vinie Burrows, eine schwarze Broadway-Schauspielerin mit der Aura einer Soul-Diva, und wirft die Hände hoch.

Hillary Clintons Büro belagert

Ihre erste ordentliche Demonstration veranstalteten sie im November 2003 im Riverside Park am Hudson River, nur wenige Schritte von Wiles Haus entfernt, unter der grübelnden Statue der früheren First Lady und Emanzipations-Ikone Eleanor Roosevelt. Mehrere Dutzend Leute kamen, um zu sehen, was Sache war. Die Antikriegs-Omis waren geboren.

Sie protestierten in East Harlem gegen ein neues Rekrutierungszentrum, das die Armee direkt an einer Schule eröffnen wollte. Sie begannen wöchentliche Mahnwachen am Rockefeller Center, direkt gegenüber vom Nobelkaufhaus Saks. Sie marschierten mit Spruchbändern durch die Mall in Washington. Sie stürzten sich anlässlich des republikanischen Wahlparteitags im Madison Square Garden im August 2005 ins Demonstrationschaos. Sie belagerten Hillary Clintons Büro auf der East Side. Und sie führten in einem kleinen Downtown-Theater einen selbstkomponierten Protestsong auf:

Grandmas, get offa your tush/
We've got to get rid of Bush/
Let's go after that lying louse/
And kick him out of our White House.

Omas, rafft euch auf/
Wir müssen Bush loswerden/
Knöpfen wir uns diese lügende Laus vor/
Und schmeißen ihn aus unsrem Weißen Haus.

Am 17. Oktober 2005 trafen sich neunzehn von ihnen am Times Square vor dem Toys'R'Us. "Fanden wir angemessen - Großmütter vor einem Spielzeugladen", erinnert sich die pensionierte Karriereberaterin Carol Husten.

Von dort marschierten sie hinüber zur Verkehrsinsel zwischen dem Broadway und der Seventh Avenue, wo sich in einem kleinen Häuschen die Rekrutierzentrale der Armee befindet, geschmückt mit dem obligatorischen Poster von Uncle Sam: "I Want You!"

"Unterwegs in den Irak"

Die Soldaten dort, stramme, blutjunge Jungs in scharf gebügelten Uniformen, wussten allerdings längst, dass die Omis kamen. Schließlich hatten die vorab eine Pressemitteilung an alle lokalen TV-Sender rausgeschickt.

Die verschreckten Soldaten schlossen die Tür ab. Von innen.

"Die krochen unter ihre Schreibtische", sagt Burrows verächtlich und die ganze Runde bricht in schenkelschlagendes Gelächter aus.

Die Grannies hämmerten gegen das Glas. "We insist, we enlist!", skandierten sie zur Belustigung der immer größer werdenden Menge aus Touristen und Schaulustigen: "Wir bestehen darauf, uns einzuschreiben!"

"Macht schon, los hier", rief Mary Runyon, mit 90 Jahren damals die Älteste in der Runde, fast blind und auf zwei Gehstöcken heranstürmend. "Wir wollen uns für den Krieg melden. Was ist los mit euch? Seid ihr schwerhörig?"

Etwas abseits stand der Bürgerrechtsanwalt Norman Siegel, der die Damen betreut, mit leicht verstörter Miene. "Eine von ihnen hat mich gefragt: Was passiert, wenn sie uns tatsächlich nehmen? Ich habe ihr gesagt: Dann seid ihr unterwegs in den Irak."

"Sehr ordentliche" Verhaftung

Dazu kam es nicht. Stattdessen hockten sich die Damen zum Sitzstreik aufs Trottoir. Die Polizei kam und forderte sie auf, "den öffentlichen Platz zu räumen".

Die Damen rückten enger zusammen.

Also legten ihnen die Cops Handschellen an, ganz vorsichtig und, so räumt Burrows ein, "sehr höflich". Die jungen Polizisten, die ihre Söhne oder Enkel hätten sein können, "waren sehr, sehr freundlich, sehr aufmerksam".

Die Verhaftung, sagt Carol Husten amüsiert, sei alles in allem "sehr ordentlich" abgelaufen. Die Cops brachten 18 der Ladys zum Kriminalgericht Midtown an der West 54th Street, wo ihnen Fingerabdrücke abgenommen wurden und sie bis zu elf Stunden lang in winzigen Zweierzellen saßen, mit je einer Metallbank, einer Stahltoilette und einem Waschbecken. "Ein Polizist brachte uns sogar Wasser", sagt Husten. "Wir sangen Lieder."

Nachtrag: Die 18 verhafteten Grannies wurden wegen "öffentlicher Ruhestörung und Blockade einer militärischen Einrichtung" angeklagt. Ihr Prozess dauerte sechs Tage. Ende April sprach sie das Gericht ausnahmslos frei.

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