"Onkel Baracks Hütte" Empörung über provokanten "taz"-Titel

Umstrittene Headline: Die Berliner "tageszeitung" nennt das Weiße Haus auf ihrer Titelseite "Onkel Baracks Hütte". "Das ist rassistisch", empören sich Schwarze und Exil-Amerikaner in der Hauptstadt. Die "taz"-Redaktion wehrt sich: Sie wollte nur zum Nachdenken anregen.

Von David Gordon Smith


Die Berliner "Tageszeitung" gilt als Hort der political correctness. Das Blatt wurde 1978 als linksliberale Alternative zu den deutschen Massenmedien gegründet, von denen es sich durch seine kritischen Positionen zu Globalisierung, Umwelt und Fremdenfeindlichkeit unterscheiden will.

"tageszeitung"-Titelblatt: Rassistische Überschrift?

"tageszeitung"-Titelblatt: Rassistische Überschrift?

Umso überraschender ist daher die Titelseite vom heutigen Donnerstag: Dort prangt ein Foto des Weißen Hauses mit der Überschrift "Onkel Baracks Hütte". Am unteren Bildrand steht in kleineren Buchstaben: "Das Weiße Haus in Washington: Wird Barack Obama der erste schwarze Präsident, der dort einzieht?"

Die Überschrift spielt auf den Roman "Onkel Toms Hütte" von Harriet Beecher Stowe an. Stowe schrieb das Buch 1852 als Schrift gegen die Sklaverei - doch das Buch gilt als vorurteilsbeladen und umstritten. Inzwischen ist "Onkel Tom" eine Beleidigung für Schwarze, da der Begriff mit unterwürfigen Afroamerikanern assoziiert wird.

Der Titel habe ihn "sprachlos" gemacht, sagt der Geschäftsführer der American Academy in Berlin, einem privaten Institut für transatlantischen Austausch. Für Gary Smith ist klar, dass "Onkel Tom" eine rassistische Beleidigung ist. "Die 'taz' Redakteure haben offensichtlich ihre Prinzipien über Bord geworfen, um einen Witz zu reißen", sagt er SPIEGEL ONLINE und ruft zu mehr Selbstreflexion auf: "Journalisten, die darauf pochen, vorurteilsfrei zu sein, müssen stärker über ihre eigene Rolle in der Verbreitung von Vorurteilen nachdenken." Es gebe unzählige Möglichkeiten, das Thema Rasse im Wahlkampf intelligenter zu behandeln.

"Als Satire gemeint"

Die "taz"-Redakteure stehen zu ihrem Titel. "Die Überschrift ist als Satire gemeint", erklärt Vize-Chefredakteur Reiner Metzger SPIEGEL ONLINE. Onkel Toms Hütte sei allen Deutschen bekannt, und damit auch die Diskussion um rassistische Elemente in dem Buch. "Die Überschrift soll die Leute dazu anregen, über Vorurteile nachzudenken", erklärt er.

Laut Metzger ist Rasse in Obamas Wahlkampf ein Thema, das totgeschwiegen wird. "Die Tatsache, dass er ein Afroamerikaner ist, spielt permanent eine Rolle in der Kampagne, aber niemand redet darüber", sagt Metzger, "und damit kann man spielen."

Laut Metzger ist die "taz" für ihre ironischen Überschriften bekannt. "Ich bin sicher, dass 99 Prozent unserer Leser das richtig verstehen. Die anderen haben Pech gehabt. Man kann es nicht allen recht machen."

"Heftiger Rassismus in der linken Szene"

Eine Meinung, die nicht alle teilen. Der "taz"-Titel sei "sehr problematisch", findet Yonis Ayeh, der im Vorsitz der Initiative für Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) sitzt und die Interessen der rund 500.000 Afrodeutschen vertritt. "Die Zeitung vergleicht Obama mit Onkel Tom, einem unterwürfigem Sklaven", sagt Ayeh, "ich bin sicher, dass sich Obama selbst nicht so sieht."

Der Begriff verbreite ein Bild von Schwarzen als unterwürfig und ungebildet "und das ist einfach nicht wahr", sagt Ayeh. Dass ausgerechnet eine linksliberale Zeitung eine solche Überschrift bringt, habe ihn jedoch nicht überrascht. "In der linken Szene gibt es einen heftigen Rassismus", sagt er, "und die 'taz' trägt dazu bei, wenn sie sich solche Pannen leistet."

Es ist nicht das erste Mal, dass die "taz" eine Anspielung auf "Onkel Tom" macht. Als Condoleezza Rice vor vier Jahren zur US-Außenministerin ernannt wurde, titelte die Zeitung "Onkel Toms Rice". Mit seiner respektlosen Art hat das Blatt schon zuvor für Aufruhr in diplomatischen Kreisen gesorgt. Die Fotomontage der Kaczynski-Zwillinge als Kartoffeln im Jahr 2006 war Anlass für einen Krach zwischen Polen und Deutschland.

Obwohl "Onkel Toms Hütte" in Deutschland sehr bekannt ist, wissen viele Deutsche nicht, wie umstritten das Buch ist. Touristen, die nach Berlin reisen, sind oft überrascht, wenn sie feststellen, dass es in der Hauptstadt eine U-Bahn Station und ein Stadtviertel in Gedenken an das Buch gibt.



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