Online-Soap "Pietshow" Slapstick für Schlauberger

Serien müssen nicht unbedingt im Fernsehen laufen, dachten sich die Macher der "Pietshow" und drehten eine Kurz-Soap exklusiv für die Onlineplattform StudiVZ. Ein interessantes Experiment mit einer riesigen Zielgruppe - dahinter steht ein großer Medienkonzern.

Von Christian Bartels


In harten Filmen knallt man gegen die Wand. In heiteren schon mal durch sie hindurch. Beim Pogo auf der Einweihungsparty springt Piet (Marian Meder) so heftig herum, dass er die dünne Mauer durchbricht und in der Nachbarwohnung landet. Mit diesem Knalleffekt startet die Internet-Serie "Pietshow", die von Dienstag an auf StudiVZ zu sehen ist.

Die Fernsehsoap-Fabrik Grundy Ufa hat für das größte deutsche Online-Netzwerk 15 rund vierminütige Folgen produziert. Zwei neue Episoden pro Woche sollen die Nutzer bis Mitte Dezember zum Klicken animieren. Grundzug der Handlung: Filmstudent Piet bildet fortan mit Mitbewohner Nick (Henning Heup) und den Studentinnen von nebenan (Marylu Saskia Poolman, Lotte Letschert) eine Quasi-WG und filmt deren Alltag. Mit charmant zerrockter Visage schaut er durch oder in seine Kamera, dann stellt er das Gefilmte online.

In Wahrheit wurde unter dem Arbeitstitel "Durchgeknallt" an vier Drehtagen im September gedreht. In einer Wohnung in Berlin-Neukölln wurde zunächst eine Mauer eingezogen und darin das handlungsstiftende, großzügig mit Isolierwatte garnierte Loch erzeugt. "Da fließt das ganze Know-how der Ufa rein", hieß es am Set. Folgerichtig hängen bei Filmfreak Piet nicht nur "Pulp Fiction"-Plakate an der Wand, sondern auch welche mit "Dr. Mabuse" und Pola Negri als "Carmen" - beides Klassiker der Vorkriegs-Ufa, als sie noch großes Ausstattungs-Kino drehte.

Jetzt, für den kleinen Player auf Computermonitoren, musste mit möglichst kleinem Team gedreht werden. Producer Jan Marquardt spricht von "Querschnittsaufgaben": Regisseur, Kamera- und Tonmann sowie ein Assistent für alle bilden das Team. Die Schauspieler bringen ihre Kostüme selbst mit. In der Maske werden sie lediglich gepudert, um nicht speckig zu glänzen. Das ist nichts im Vergleich zu dem Aufwand, der für Hochglanzsoaps wie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" sonst betrieben wird, denjenigen Serien also, die die Grundy Ufa sonst herstellt.

Regisseur und Co-Autor Manuel Meimberg freut die relative Authentizität seines Internet-Werkes. Er ist im Hauptberuf Chefautor von "Alles was zählt" - jener RTL-Soap, die am Vorabend gerade die Sat.1-Telenovela "Anna und die Liebe" auf einen früheren Sendeplatz verdrängt hat. Die "Pietshow" sei keine Soap, sondern spiele nur mit Soap-Klischees und richte sich an eine aufgeklärtere Zielgruppe: "Die machen kein Essen beim Fernsehen, die gucken genau hin und sind es gewohnt, gefordert zu sein", meint Meimberg. "Man muss ihnen mehr liefern".

Studenten im WWW - radikal anders

Dass Studenten intelligenter seien als die Zielgruppen, denen das Vorabendprogramm des Fernsehens gilt, will so ausdrücklich niemand bestätigen. StudiVZ-Nutzer seien den ganzen Tag online und haben ein "radikal anderes Mediennutzungsverhalten", sagt StudiVZ-Kommunikationschef Dirk Hensen.

Gibt das Anlass zur Hoffnung auf cleverere Erzählweisen als diejenigen, die der deutsche Fernsehbetrieb gestattet? Zumindest seien sowohl die einzelnen Filmchen als auch der große Erzählbogen, zu dem sie sich zusammenfügen sollen, besonders "dicht erzählt", so Marquardt. Das heißt, neben der WG-Handlung gibt es eine rätselhafte "Metaebene". Da erkennt Piet etwa in herumliegenden Papieren Drehbuchseiten, auf denen just die Sätze stehen, die ein Mitbewohner in Kürze zu ihm sagen wird. Ob solcher Vorkommnisse schwant ihm, ungewollt Teil einer inszenierten Soap zu sein. Ein bisschen "Truman-Show"-Paranoia, "Stromberg"-haftes In-die-Kamera-Reden - solche Mätzchen sollen die medienkompetenten Studenten bei der Stange halten.

Allerdings wirkt die Metaebene etwas aufgepropft, und die Partydialoge, in denen die Studis zwischen zwei Zügen aus der Bierflasche über Bakterien sinnieren, die sich an angespeichelten Flaschenhälsen sammeln, beim Zuschauer das Gefühl hinterlassen, dass vier Minuten für eine Serienfolge ziemlich lang sind.

Kleine Soap - große Konzerne

Ob die Zielgruppe mehr über all das wissen will, ob also eine Fernsehserie ohne Fernsehen genügend Online-Aufmerksamkeit erzeugt, ist allerdings ein spannendes Experiment. Im Sommer machte die Websoap "Candy Girls" auf dem deutschen MySpace-Ableger eher wenig Furore. Die "Pietshow" will "auf der Plattform und mit der Plattform erzählen". Damit meint Producer Marquardt nicht, dass die Dialoge Werbung für GZSZ und StudiVZ ("5,6 Millionen Mitglieder!" - "Echt? Wow") enthalten, sondern das Zusammenwirken der Filmchen mit noch kürzeren Videos und Texten auf den von Online-Redakteuren angelegten Profilseiten der Charaktere.

Hinter dem kurzen Film, dessen Folgen sich zu einer Gesamtspieldauer von gut einer Stunde addieren, stehen große Konzerne. Die Verlagsgruppe Holtzbrinck ("Die Zeit", "Handelsblatt") hat StudiVZ 2007 für geschätzte 85 Millionen Euro gekauft. Zwar handelt es sich um eine der meistgeklickten Webseiten Deutschlands, ob und wann sich die Investition rentiert, gilt allerdings als ungewiss. Am vergangenen Mittwoch verließ Marcus Riecke, einer der Geschäftsführer, überraschend das Unternehmen.

Die Ufa wiederum gehört zum größten deutschen Medienkonzern Bertelsmann und ist im Internet nicht besonders stark aufgestellt. Nun will sie "auf neuen Plattformen entertainen", wie Grundy-Geschäftsführer Rainer Wemcken sagt. Beide Konzerne erproben gemeinsam, ob und wie sich serielle Videos, etwa durch Werbung, refinanzieren lassen. Die Kosten des Films lägen deutlich unter dem sechsstelligen Euro-Bereich, heißt es. Über Geld möchte aber niemand reden.

Producer Marquardt meint: "Jetzt, in der Phase der Etablierung von Bewegtbildern im Internet, hat man große Freiheiten." Streng genommen handelt es sich um die Freiheiten, die das Netz jedem, egal ob freakigem Studenten oder großem Konzern, bietet: Jeder kann tun, was er will. Unklar ist lediglich, ob und wie er dafür bezahlt werden wird.

Eine andere Ufa-Tochter hat in der Vergangenheit schon mal 30 Folgen eines Handy-Films gedreht, die aber nie zu sehen waren - ganz einfach weil sich Handy-TV bisher nicht durchgesetzt hat.

Vorerst gehen 15 Folgen der "Pietshow" online. Für die rätselhafte Metaebene verspricht Regisseur Meimberg einen "sehr konsequenten seasons' cliff" am Ende. Für den Erfolgsfall ist also vorgesorgt: Die zweite Staffel soll mit mehr "echter Interaktivität" aufwarten.



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