Online-Umfrage: Journalisten wollen nichts von Medienkrise wissen

Die Lage der Medienbranche ist nicht eben berauschend. Die Auflagen vieler Zeitungen schrumpfen, Redaktionen werden fusioniert und Gehälter gekürzt. Doch eine Online-Umfrage zeigt: Der Großteil der Journalisten blickt optimistisch in die Zukunft. 

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Kanzlerin Merkel in einer Pressekonferenz: Zu wenig gesellschaftlich relevante Themen?

Hamburg - Es ist nicht unbedingt so, als ginge es allen deutschen Journalisten derzeit blendend. In einigen Medienhäusern werden seit Jahren Etats gestrichen, Redaktionen zusammengelegt und Löhne gekürzt. Man könnte also annehmen, die in vielen Bereichen eher bescheidene Lage müsse sich geradezu zwangsläufig auf die Stimmung von Redakteuren und freien Mitarbeitern auswirken.

Eine latente Depression scheint es in der Branche allerdings nicht zu geben. Zumindest kommt die Online-Umfrage "Journalismus 2020" zu diesem Ergebnis. Zwischen April und Juni 2011 haben sich mehr als 800 Redakteure und freie Mitarbeiter an der Untersuchung beteiligt.

Fast 80 Prozent der Journalisten gaben an, dass sie sich wieder für ihren Beruf entscheiden würden. Nur jeder fünfte würde sich einen anderen Job suchen - wäre er als Berufsanfänger noch einmal vor die Wahl gestellt. Die Gruppe der Frustrierten nennt als häufigste Gründe den gestiegenen Alltagsdruck und die schlechte Bezahlung.

Die Umfrage des Think-Tanks Stiftung Neue Verantwortung und des Ifok-Instituts wollte herausfinden, wie die deutschen Journalisten den aktuellen Zustand und die Perspektiven ihrer Branche einschätzen.

Mehr Umsatz im Internet als mit Print-Produkten

Demnach fürchten 84 Prozent der Teilnehmer, dass zunehmende wirtschaftliche Zwänge vieler Unternehmen die Kreativität und Motivation gefährden. Vor allem den wachsenden Zeitdruck und den zunehmenden Einfluss der Public Relations (PR) beklagen die Journalisten. So zeigen Studien, dass die Anzahl der hauptberuflich tätigen Journalisten seit Jahren zurückgeht, während die Zahl der PR-Mitarbeiter steigt.

Die nicht repräsentative Online-Umfrage liefert keine Indizien dafür, dass sich Journalisten Neuerungen verweigern. Vielmehr üben sie Selbstkritik: So glauben 53 Prozent der Teilnehmer, dass sich die Branche zu sehr mit Banalitäten statt mit gesellschaftlich relevanten Themen beschäftigt und sich allgemein mehr Gedanken über die Risiken als über die Chancen der Zukunft macht.

Ansätze, die Chancen der Branche in den Vordergrund zu stellen, gibt es nach Ansicht der Teilnehmer an der Umfrage genug. Mit 47 Prozent glaubt fast die Hälfte, dass die Verlage Ende dieses Jahrzehnts mehr Umsatz im Internet als mit ihren Print-Produkten machen werden. Vor allem in Bezahl-Apps sehen die Redakteure und freien Mitarbeiter eine Möglichkeit, auch im Netz mit Journalismus gutes Geld zu verdienen. An den Durchbruch von allgemeinen Bezahlschranken und von Online-Abos, wie es unter anderem einige englischsprachige Zeitungen im Internet vormachen, glaubt dagegen nur eine Minderheit.

Facebook und Twitter keine Konkurrenz

Auch anderen Veränderungen gegenüber zeigt sich die Mehrheit der Teilnehmer offen. In sozialen Netzwerken wie Facebook sehen 53 Prozent die Chance für neue Formen von Journalismus. Dass Leser stärker eingebunden werden, finden 60 Prozent gut. Der Erfolg der Enthüllungsplattform WikiLeaks wird ebenfalls von der Mehrheit als Chance für den eigenen Berufsstand betrachtet.

Knapp zwei Drittel der Befragten glaubt allerdings auch, dass professioneller Journalismus "zentraler Themenfilter" bleiben wird - also darüber entscheidet, welche Themen relevant sind und welche nicht. Nur 18 Prozent erwarten, dass Plattformen wie Facebook und Twitter im Jahr 2020 als Informationsquelle wichtiger sind als klassische Nachrichtenagenturen.

Das oft vorhergesagte Sterben großer Medienmarken halten die meisten Journalisten für eine Mär. So glauben 80 Prozent an das Fortbestehen der beiden auflagenstärksten deutschen Qualitätszeitungen "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und "Süddeutsche Zeitung" als Printmarken über das Jahr 2020 hinaus.

Trotzdem sind viele Journalisten überzeugt, dass die Einnahmen aller Medienhäuser in Zukunft nicht ausreichen werden, um die gewohnten Inhalte im bisherigen Umfang zur Verfügung zur stellen. Bei bestimmten Inhalten wie Lokal- und Auslandsjournalismus sind die Umfrage-Teilnehmer deshalb offen für alternative Finanzierungswege und neue Journalismusmodelle. Der nichtkommerzielle, also durch Spendengelder und Stiftungen finanzierte Journalismus, kann nach Meinung der Redakteure und freien Mitarbeiter einen Beitrag leisten, um ein entsprechendes Medienangebot auch in Zukunft zur Verfügung zu stellen.

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