Operetten-Historie Das Bordell tanzt

Schlüpfrig, albern und grotesk: Als die Operette Mitte des 19. Jahrhunderts entstand, war sie durch und durch unseriös. Ein Bildband erinnert nun an die pornografische Vergangenheit des Genres - und an seine Darstellerinnen: die It-Girls des Kaiserreichs.

Brandstätter Verlag

Von Sophia Ebert


Die Operette ist ein harmloses Vergnügen und ziemlich angestaubt dazu. Ohrwurm-Musik im Dreivierteltakt, mhtata mhtata, sentimental und süffig: "Lippen schweigen, 's flüstern Geigen." Neue Operetten werden längst nicht mehr geschrieben, die alten in historisierenden Endlos-Wiederholungen zu Tode gedudelt - rührselige Restbestände einer vergangenen Epoche: "Im Feuerstrom der Reben, trala, la la la la la la, sprüht ein himmlisch Leben, trala, la la la la!"

Das war nicht immer so. Als die Operette Mitte des 19. Jahrhunderts in Frankreich entstand, hätten ihre heutigen Fans sie wohl kaum gemocht, die André-Rieu-Rentner, die Kulturkleinbürger auf Kaffeefahrt nach Wien, München, Dresden. Schlüpfrig war die Operette, albern und grotesk.

Ihre Darstellerinnen waren die It-Girls des Kaiserreichs unter Napoleon III. Sie zeigten sich nackt auf der Bühne, untermalten ihre Darbietungen mit anzüglichen Gesten und führten auch außerhalb des Theaters ein freizügiges Liebesleben, das die Klatschspalten der Zeitungen füllte. Ihr Publikum waren adelige Lebemänner, die in den Operettenhäusern mit den Damen der Demimonde anbandelten, nach sexueller, aber auch nach intellektueller Stimulation suchten. Heutige vermeintlich "historisch informierte" Aufführungspraxis hat damit nur wenig zu tun.

In der Operette trafen sich Hochadel und Halbwelt

Das Österreichische Theatermuseum bereitet zurzeit eine Ausstellung über die Welt der Operette vor, die die scheintoteste aller Theaterformen als das lebendige und überdrehte Amüsiermedium wiederentdecken soll, das sie lange Zeit war. Erst Anfang Februar 2012 wird die Ausstellung in Wien eröffnet, Mitte Oktober zieht sie weiter nach München, der begleitende Sammelband jedoch ist schon jetzt erhältlich.

In 16 Aufsätzen zeichnet er die Geschichte der Operette nach, bestückt mit großartigen Bildern, die eine Ahnung vom einstigen Glanz des Genres geben. So wie das Porträt der Pariser Primadonna Hortense Schneider, das sie im Kostüm der Großherzogin von Gerolstein aus Jacques Offenbachs gleichnamiger Operette zeigt. Nach den Vorstellungen empfing sie, heißt es, in dieser Verkleidung ehrwürdige Staatsmänner: den Prince of Wales, den Zaren von Russland und den Vizekönig Ägyptens. "Prinzenpassage" wurde Schneiders Boudoir deshalb ironisch genannt. Ein Schulterschluss zwischen Hochadel und Halbwelt gegen den gemeinsamen Feind, das Spießbürgertum.

Ein "singendes und tanzendes Edelbordell" sei die Operette auch noch zu ihrer Hochzeit in Wien Ende des 19. Jahrhunderts gewesen, schreibt Kevin Clarke, einer der Herausgeber des Bands. Auch die Wiener Operette hatte ihre umschwärmten Soubretten, ihr mondänes Publikum und ihre Starkomponisten, die die anspielungsreichen Libretti vertonten. Eine "Feuchtwarzen-Schnell-Polka" zum Beispiel und eine "Fummel-Schwitz-Polonaise" kündigte der Wiener Walzerkönig Johann Strauss (Sohn) seinem Verleger Carl Haslinger in einem Brief an.

Anfang des 20. Jahrhunderts wandelte sich die Operette vom Unterhaltungsspektakel der High Society zum modernen Massenmedium. Jazz- und Marschrhythmen lösten den Wiener Walzer ab, Berlin wurde von vielen Komponisten als Uraufführungsort entdeckt. Die Operette wurde braver, um einem breiteren Publikum gerecht zu werden, ihre grundsätzlich satirisch-politische Ausrichtung und ihr erotischer Anspielungsreichtum jedoch blieben bestehen. Selbstbewusst und verführerisch sang die Berliner Operettendiva Fritzi Massary noch 1932 "Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?" Der Titel von Oscar Straus' Operette: "Eine Frau, die weiß, was sie will".

Sogar Hitler lobte eine Jazz-Revue

Erst im Nationalsozialismus wich die freche und frivole Seite der Operette ganz jener biederen Unterhaltungsgemütlichkeit, die der Gattung langsam aber sicher den Garaus machte. Jüdische Künstler wurden vertrieben, ihre Stücke von den Spielplänen verbannt. Die ursprünglich internationale Operette, die sich in den zwanziger Jahren mehr und mehr am US-amerikanischen Revue-Theater orientiert hatte, wandelte sich zum nationalistischen Singspiel, an die Stelle von Groteske und Erotik traten Innigkeit, Sauberkeit, Heimatverbundenheit.

Daran änderte auch ein Lob Hitlers nichts, das so gar nicht dieser nationalsozialistischen Kulturdoktrin entsprach: Als Fritz Fischer 1938 Hitlers Lieblingsoperette "Die lustige Witwe" als Jazz-Revue inszenierte, überschüttete der Führer ihn mit Lob. "Hitler hat mich nach einer Aufführung an beiden Schultern geschüttelt und zu Goebbels gesagt: 'Sehen Sie, Doktor, so muss man Operette machen'", berichtete Fischer später. Hitler sei noch siebenmal ins Theater gekommen.

Die entpolitisierte und entsexualisierte Ästhetik, die sich ab 1933 im deutschsprachigen Raum durchsetzte, beherrscht seitdem das Image der Operette. Jugendfrei ist sie nun, aber die Jugend geht lieber ins Musical.

"Das gibt's nur einmal, das kommt nicht wieder", sang Lilian Harvey in dem berühmten Operettenfilm "Der Kongress tanzt". Aber vielleicht ja doch? Sammelband und Ausstellung über die wilde Welt der Operette sind immerhin ein Anfang.


Ausstellung vom 2. Februar bis 24. September 2012 im Österreichischen Theatermuseum Wien, vom 17. Oktober 2012 an im Deutschen Theatermuseum München.



insgesamt 4 Beiträge
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TE87 21.12.2011
1. Etwas in die Fläche schauen,...
schön recherchierter Bericht,.. aber etwas über den Tellerrand der großen Kulturredaktionen geschaut, und mensch findet intelligente Operetteninszenierungen,... z. B. die der Kammeroper Köln. Viele Musiktheateraufführungen jenseits der "großen" Opernhäuser sind übrigens ganz anders als das, was der Kulturredakteur so kennen mag... Viel Spass beim Besuch!
montaxx 21.12.2011
2. Stimmt nicht....
Zitat von sysopSchlüpfrig, albern und grotesk: Als die Operette Mitte des 19. Jahrhunderts entstand, war sie durch und durch unseriös. Ein Bildband erinnert nun an die pornografische Vergangenheit des Genres - und an seine Darstellerinnen: die It-Girls des Kaiserreichs. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,804900,00.html
Es stimmt doch nicht,dass keine neuen Operetten geschrieben werden.Sie haben nur einen anderen Namen,nennen sich heute "Musicals" und sind in der Regel nicht mehr deutsch-österreichischer,sondern angelsächsischer Herkunft.
HenryJune 21.12.2011
3. Bezugsquelle?
Zitat von sysopSchlüpfrig, albern und grotesk: Als die Operette Mitte des 19. Jahrhunderts entstand, war sie durch und durch unseriös. Ein Bildband erinnert nun an die pornografische Vergangenheit des Genres - und an seine Darstellerinnen: die It-Girls des Kaiserreichs. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,804900,00.html
Wo kann man diesen Band kaufen? Obwohl noch nicht alt und grau, bin ich ein großer Operetten-Fan. Gerade in letzter Zeit gab es immer wieder sehr schöne Inszenierungen, die auch einen jüngeren Publikum gefallen.
Majanade 22.12.2011
4.
Zitat von HenryJuneWo kann man diesen Band kaufen? Obwohl noch nicht alt und grau, bin ich ein großer Operetten-Fan. Gerade in letzter Zeit gab es immer wieder sehr schöne Inszenierungen, die auch einen jüngeren Publikum gefallen.
Man kann ihn zum Beispiel online auf Amazon kaufen um 39,90€: Die Welt der Operette - Frivol, erotisch und modern: Glamour, Stars und Showbusiness: Kevin Clarke, Marie-Theres Arnbom, Thomas Trabitsch (Hrsg.): 9783850335812: Bücher (http://www.amazon.de/Die-Welt-Operette-erotisch-Showbusiness/dp/385033581X/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1324549317&sr=8-1)
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