Opern-Absetzung: "Etappensieg für Islamisten"

Die Absetzung der Mozart-Oper "Idomeneo" kommt einer Selbstzensur gleich. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE setzt sich die deutsch-persische Journalistin und Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur, 35, dafür ein, gegenüber Islamisten nicht kampflos einzuknicken und fordert deren Anpassung an einen universellen Wertekanon.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich die Intendantin der Berliner Oper mit ihrer Entscheidung, die umstrittene Inszenierung der Mozart-Oper "Idomeneo" abzusetzen, in Ihren Augen richtig verhalten?

Islamwissenschaftlerin Amirpur: "Komplett voreilige Reaktion"
Herder Verlag

Islamwissenschaftlerin Amirpur: "Komplett voreilige Reaktion"

Katajun Amirpur: Nein. Ich stimme jenen Kritikern zu, die das vorauseilenden Gehorsam genannt haben. Man darf sich auf keinen Fall dem Diktat radikaler Muslime unterwerfen. Die Kunstfreiheit muss, ebenso wie die Meinungsfreiheit, an erster Stelle stehen. Außerdem lagen ja offenbar gar keine Drohungen vor.

SPIEGEL ONLINE: Die Behörden sprachen von "unkalkulierbaren Risiken" im Falle einer Aufführung. Halten Sie diese Risiken für reell?

Amirpur: Jetzt, nachdem der Inhalt der Inszenierung publik geworden ist, auf alle Fälle. Vorher nicht, schließlich gab es auch nach der Premiere 2003 keine Terrordrohungen. Der Durchschnittsislamist sucht bestimmt nicht jede Woche die Spielpläne von Opern und Theatern nach eventuell beleidigenden Inszenierungen ab.

SPIEGEL ONLINE: Woraus resultiert Ihrer Meinung nach dieser vorauseilende Gehorsam?

Amirpur: Die Debatte ist in den letzten Monaten vor allem durch den Karrikaturenstreit und die umstrittene Papstrede extrem angeheizt worden. Dadurch kommt es jetzt zu komplett voreiligen Reaktionen wie dieser.

SPIEGEL ONLINE: Ist Kritik am Islam hierzulande bald nicht mehr möglich?

Amirpur: Man darf Islamisten das Feld nicht kampflos überlassen. Einen Vorgang wie die Absetzung der "Idomeneo"-Inszenierung wird von ihrer Seite als Etappensieg gewertet. Es kann nicht sein, dass die Freiheit der Kunst so weit eingeschränkt wird. Sie ist eine der wichtigsten Errungenschaften unseres demokratischen Staates.

SPIEGEL ONLINE: Welche Gefühle haben Sie als Islamwissenschaftlerin und Muslimin gegenüber diesem Klima der Angst?

Amirpur: Insgesamt kann ich die Entstehung dieses bedrohlichen Klimas verstehen, obwohl ich mich als Muslimin weigere, den Islam mit Terror gleichzusetzen. Natürlich sind nicht alle Muslime Terroristen, doch umgekehrt sind leider immer mehr Terroristen Muslime. Deswegen noch einmal: Man darf ihnen gegenüber nicht einknicken.

SPIEGEL ONLINE: Warum scheint das Empörungs- und letztlich auch das Gewaltpotential vieler Muslime höher zu sein, als das von Anhängern anderer Glaubensgemeinschaften?

Amirpur: Es ist wichtig, das nicht pauschal abzutun mit dem Satz: Immer sind es die Muslime, die sich so aufregen. Dass sie es tun, ist das Resultat eines Gefühls von kollektiver Demütigung. Man sollte sich die vielfältigen Gründe dafür vor Augen führen, um die heftigen Reaktionen nachvollziehen zu können: Kolonialisierung, Guantanamo, Abu Ghreib, der Israel-Palästina-Konflikt. Natürlich rechtfertigt all das Gewalt in keiner Weise, das möchte ich ausdrücklich betonen.

SPIEGEL ONLINE: Der Vorsitzende des Islamrats, Ali Kizilkaya, begrüßte die Absetzung der Oper mit dem Argument, es gehe nicht um die Freiheit der Kunst, sondern um Respekt vor dem Anderen. Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen diesen beiden Polen?

Amirpur: Ich halte dieses Argument für nicht stichhaltig. Das Demonstrieren von Respekt kann nicht in der Absetzung einer Oper liegen. Es ist viel wichtiger, ein Klima zu schaffen, in dem über solche Dinge offen diskutiert werden kann. Außerdem richtet sich die Inszenierung ja gar nicht speziell gegen den Islam.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich in Zeitungsartikeln offen dafür ausgesprochen, dass diejenigen, die nicht bereit sind, sich an den hiesigen Wertekanon anzupassen, gehen sollen.

Amirpur: Das war vielleicht ein bisschen flapsig formuliert, aber im Prinzip ist das immer noch meine Meinung. Muslime, die hier leben, haben hier viele Freiheiten, die sie in ihren Heimatländern nicht haben. Da müssen sie damit rechnen, dass manche Vorgänge ihre religiösen Gefühle verletzen.

Das Interview führte Jenny Hoch

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