Operndorf-Projekt in Afrika: Schlingensiefs Traum erwacht zum Leben

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Die erste Bauphase ist fast abgeschlossen, im Herbst sollen erste Schüler die neue Dorfschule besuchen: In Berlin präsentierten die geistigen Erben Christoph Schlingensiefs die Fortschritte seines "Operndorfs" in Burkina Faso. Und die Zukunft? Ist im Fluss.

Schlingensief-Projekt in Afrika: Das erste Jahr ist finanziert Fotos
Gundula Friese

Berlin - "Man formiert sich. Man zeigt sich. Und sagt, dass es weiter geht." Darum geht es Aino Laberenz, der Witwe des wilden Theatermachers und Visionärs Christoph Schlingensief: die Zweifel auszuräumen. Zweifel daran, dass das Projekt "Operndorf in Afrika" mit seinem Initiator sterben würde. Unsicherheit darüber, ob die Hinterbliebenen ohne den irren Antreiber die Kraft und vor allem das Geld finden würden, seinen letzten großen Traum zu verwirklichen: mitten in Afrika ein Festspielhaus zu errichten, mit einer Schule daneben, mit Wohnhäusern und Geschäften rund herum, ein ganzes Dorf sollte entstehen.

Schlingensief, schon schwer an Lungenkrebs erkrankt, reiste durch den Kontinent, suchte nach geeigneten Orten, fand Burkina Faso und fand dort schließlich einen Ort, an dem seine Vision Wirklichkeit werden sollte: einen Hügel in Laongo, vierzig Kilometer nordöstlich von der Hauptstadt Ouagadougou. Und er fand den Architekten Francis Kéré, der seine Ideen umsetzen sollte. Vor genau einem Jahr wurde der Grundstein gelegt. Ende August ist Schlingensief gestorben. Und am Dienstag haben Laberenz und Kéré ins Foyer des Berliner Theaters "Hebbel am Ufer" geladen, um Fotos der Baufortschritte zu zeigen, um sich selbst zu zeigen, um zu sagen: Es geht weiter.

Wir sind hier. Es geht weiter.

Unterstützt werden Laberenz und Kéré von dem Kunstförderer und Rechtsanwalt Peter Raue, von Amelie Deuflhard, der Intendantin der Kampnagel Fabrik in Hamburg, von der Künstleragentin Claudia Kaloff, von Matthias Lilienthal, dem künstlerischen Leiter des gastgebenden Theaters und von Antje Vollmer, der grünen Politikerin und ehemaligen Vizepräsidentin des Bundestages. Es ist eine Runde von Menschen, die, wie Deuflhard sagt, daran gewöhnt sind, dass sie die Projekte, die sie beginnen, auch erfolgreich zum Abschluss bringen. Und mehr müssten sie, die langjährigen Freunde und Unterstützer von Christoph Schlingensief, eigentlich gar nicht sagen - sie müssen nur anwesend sein und damit beweisen: das Operndorf ist kein Hirngespinst. Es wird gebaut.

Kein Denkmal, eine soziale Plastik

Über die Fortschritte und die ungebrochene Motivation berichten die Witwe und der Architekt. Man habe den ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler als Schirmherren gewinnen können. Laberenz, Geschäftsführerin der gemeinnützigen Operndorf GmbH, fährt fast jeden Monat nach Afrika, um die Bauarbeiten zu begleiten. Sie beschreibt das entstehende Dorf als Organismus, als etwas, das ständig wachsen soll - kein Denkmal für den Verstorbenen, sondern, wie er es wollte, eine soziale Plastik, die gefüllt werden soll mit den Ideen der Menschen, die an ihr arbeiten und in ihr leben.

Nur Materialien aus dem Land werden beim Bau verwendet, nur Firmen aus der Gegend sind mit dem Bau beschäftigt. Die Schule, die schon im Herbst den Betrieb aufnehmen soll, werde eine ganz normale Grundschule sein - aber mit zusätzlichen künstlerischen Angeboten. Laberenz erzählt davon, wie Schlingensief bei einem Besuch afrikanischen Kindern Einwegkameras gegeben habe, damit sollten sie fotografieren, ganz ohne Anleitung, ohne Richtig und Falsch: "Der Mensch orientiert sich an sich selbst", sagt Laberenz. Nicht Mozart solle den Kindern vermittelt, sondern die eigenen Lieder, die eigene Musik als Sprache gefestigt werden. Gerade knüpft sie Kontakte zu Künstlern aus Burkina Faso, die hier unterrichten sollen.

Das erste Jahr ist finanziert

Die erste Bauphase sei fast abgeschlossen, berichtet der Architekt. Im Oktober sollen die Schule, ein Baubüro, Lagerräume, eine Kantine und Wohnhäuser für die Lehrer bereit stehen. 500.000 Euro hat diese erste Phase gekostet, dieses Geld sei vorhanden, betont Rechtsanwalt Raue, und noch genügend übrig, um das erste Betriebsjahr zu finanzieren. Der Großteil des Geldes stammt aus privaten Händen, einige Großspender haben 100.000 Euro gegeben, viele Schlingensief-Anhänger kleinere Beträge. Öffentliches Geld haben die Kulturstiftung des Bundes, das Goethe-Institut und das Auswärtige Amt beigesteuert.

In der zweiten Phase sollen Gästehäuser entstehen, ein Sportfeld und ein Restaurant, in der dritten schließlich das Festspielhaus. "Wir reden hier immer von der Schule, was wird denn aus der Oper?", will ein Journalist wissen. Als Antwort erzählt Laberenz von Schlingensiefs erweitertem Opernbegriff, es sei ja auch eine Krankenstation mit Geburtshilfe geplant, und wenn dort ein Kind geboren würde, dann sei das doch die schönste Opernmelodie. Und selbstverständlich: das Festspielhaus wird auch noch gebaut.

Wann ist die Oper fertig? Falsche Frage.

Wann? Mit welchem Geld? Darauf gibt es noch keine Antworten, jedenfalls keine, die Zahlenhuber befriedigen würden. Wahrscheinlich sind das auch die falschen Fragen. Einmal sei Laberenz mit Schlingensief in Burkina Faso zum Abendessen eingeladen gewesen, Schlingensief habe das Gastgeschenk gleich an der Tür dem Gastgeber überreichen wollen. Doch der habe ihn zur Geduld gemahnt: "Wer sein Geschenk schnell übergibt, kann gleich wieder gehen." Das Operndorf soll ein fortdauerndes Geschenk an die Menschen in Burkina Faso sein, kein hingeklotztes Entwicklungshilfeprojekt, das nach Fertigstellung sich selbst überlassen wird. Es wird sich entwickeln, ohne jemals ganz fertig zu sein. Ein Teil davon wird immer Traum bleiben, damit ein Ziel bleibt.

"Es geht nicht darum, Christoph Schlingensief zu ersetzen, sondern ihn zu bewahren in diesem Projekt.", sagt Aino Laberenz. Es scheint tatsächlich so, als könnte das gelingen.

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insgesamt 6 Beiträge
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1. .
takeo_ischi 08.02.2011
Zitat von sysopDie erste Bauphase ist fast abgeschlossen, im Herbst sollen erste Schüler die neue Dorfschule besuchen: In Berlin präsentierten die geistigen Erben Christoph Schlingensiefs die Fortschritte seines "Operndorfs" in Burkina Faso. Und die Zukunft? Ist im Fluss. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,744359,00.html
Ein schönes Projekt. Hilfe zur Selbsthilfe. Hier übrigends der Link zum Spenden. (https://www.operndorf-afrika.com/de/jetzt-spenden.html)
2. Slums
ex_africa 08.02.2011
Alles was Herrn Schlingensiefs Nachfolger bewirken werden, ist den Einwohnern der Gegen einen Grund zu geben, einen oder mehrere Slums um das Operndorf zu gruenden. Nach vierzig Jahren Afrikaerfahrung kann ich Euch dass - so traurig es ist - garantieren. Gibt es ueberhaupt irgendeine Stadt in Schwarzafrika, die nicht von Slums umringt ist? Was fuer eine daemliche Idee...
3. Burkina Faso ?
marypastor 08.02.2011
Zitat von sysopDie erste Bauphase ist fast abgeschlossen, im Herbst sollen erste Schüler die neue Dorfschule besuchen: In Berlin präsentierten die geistigen Erben Christoph Schlingensiefs die Fortschritte seines "Operndorfs" in Burkina Faso. Und die Zukunft? Ist im Fluss. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,744359,00.html
Du meine Guete. Das kann nicht gutgehen. Wer will denn das auf diese Entfernung, vor allen Dingen finanziell, kontrollieren ?
4. Unvernunft
enfield 08.02.2011
Was ist so verwerflich daran, zu versuchen Träume zu verwirklichen? Geht es hier wirklich um relevante "Steuergelder" oder eigentlich nur um Peanuts? Warum soll labern, zaudern, vermeintlich vernünftiges Abwägen so viel besser sein, als einfach mal was zu tun, was im Zweifelfall " nur" 3-15 Menschen das Leben zum Positiven verändert. Wieviel "Steuergeld" würden Sie pro Mensch veranschlagen? Und was ändert es, wenn man das Experiment oder Heinz-Günther nennt? Traum oder Projekt - ich erkenne erstmal keine Nachteile für Sie und mich - nur evtl. Vorteile für Andere. ich erwarte nicht, dass Sie hier mit Steuergeldern, die Sie sich vom Munde absparen müssen, ankommen... oh oh - ich bin zwar nicht wirklich "geschichtsfest" aber die Bedingungen in China, Indien und Afrika sind und waren doch eindeutig sehr verschieden - das muss man wohl nicht diskutieren. Ich weiss nicht, ob Sie oder ich darüber urteilen können - bzw. weiss ich dass ich nicht urteilen kann, solange ich kein irgendwie vergleichbares Engagement gezeigt habe.
5. .
takeo_ischi 09.02.2011
Es wird Wissen und Geld zur Verfügung gestellt, den Rest machen komplett lokale Firmen und Arbeiter. Wer sich heuer nicht zu schade ist noch von 'Gutmenschen' zu fabulieren sollte erstmal das überdenken. So kategorisch ist das sicher falsch.
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