Design-Idee aus der Türkei Hundefutter aus der Flasche

Aus Mitleid mit den Straßenhunden in Istanbul baute Engin Girgin eine Box, in die man Pfandflaschen aus Plastik einwirft - und im Gegenzug dafür Hundefutter bekommt. Mittlerweile verkauft er seine Kästen sogar ins Ausland.

Ein Interview von Vivien Timmler

Türkische Futterbox: oben Flasche rein, unten Futter raus.
Pugedon Ycesan

Türkische Futterbox: oben Flasche rein, unten Futter raus.


Eine zwei Meter große Box mitten in Istanbul: Wirft man oben eine Plastikflasche hinein, kommt unten Hundefutter heraus - für die Straßenhunde, von denen es allein in Istanbul 150.000 gibt. Klingt skurril, ist es vielleicht auch. Aber genau solche überraschenden Ideen suchen SPIEGEL ONLINE und der KulturSPIEGEL momentan in der Ausschreibung zum "Orange Social Design Award" (Lesen Sie mehr dazu bitte hier).

Ein Interview mit dem "Hundefutter-Recycling-Box"-Erfinder Engin Girgin.

KulturSPIEGEL: Herr Girgin, Sie haben mit der Firma "Pugedon" etwas erfunden, das es so noch nie gab. Bitte erklären Sie doch einmal: Wie funktioniert die Futterbox genau?

Engin Girgin: Das ist so: Die Box hat drei Öffnungen. Eine an der Vorderseite etwa auf Kopfhöhe, die zweite darunter auf Bauchhöhe und eine dritte seitlich in Höhe des Schienbeins. In die erste Öffnung sollen Plastikflaschen oder -dosen geworfen werden. Ein Sensor erkennt, ob sie recycelbar sind oder nicht. Wenn die Flasche angenommen wird, fällt aus der seitlichen Öffnung pro Flasche eine bestimmte Menge an Hundefutter in einen Napf. Die dritte Öffnung ist ein praktischer Nebeneffekt: Wenn in der Flasche noch etwas Wasser ist und die Person es nicht mehr will, kann es hineingeschüttet werden und fließt in einen zweiten Napf.

KulturSPIEGEL: Man könnte also sagen, die Box ist ein Hundefutter-Spender?

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"Orange Social Design Award": Die Stadt gehört uns
Girgin: Ganz genau. In der Türkei gibt es unglaublich viele Straßenhunde. Man geht allein in der Stadt Istanbul von mindestens 150.000 aus. Die haben zwar keinen Besitzer, müssen aber natürlich trotzdem irgendwie gefüttert werden, damit sie überleben.

KulturSPIEGEL: Dass gleichzeitig Flaschen recycelt werden, ist also eher Nebeneffekt als Ziel der Box?

Girgin: Mein eigentliches Ziel war es, den Menschen zu zeigen, dass man nicht einmal etwas aus dem eigenen Geldbeutel zahlen muss, damit es den Straßenhunden besser geht. Und ich wollte darauf aufmerksam machen, dass man auch mit Dingen, die man sonst vielleicht wegschmeißen würde, etwas Gutes tun kann. Gleichzeitig weiß ich natürlich, dass wir in der Türkei keine besonders ausgeprägte Recycling-Kultur haben. Die muss unbedingt angekurbelt werden. Von daher habe ich eigentlich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

KulturSPIEGEL: Wie kommt man auf so eine Idee?

Girgin: Ich habe fünf Hunde und liebe Tiere einfach. Nicht nur meine eigenen, sondern auch die, die auf der Straße leben. Aber genau denen muss geholfen werden. Also hab ich mir alles genau überlegt und aufgeschrieben und bin dann damit zu dem Chef der Firma "Yücesan" gegangen, für die ich arbeite. Die stellen eigentlich Hochdruck-Dampfkessel und Tanks her, reparieren Schienenfahrzeuge...

KulturSPIEGEL: Eine Firma, die Kessel herstellt und Schienenfahrzeuge repariert, vertreibt jetzt Hundefutter-Recycling-Boxen?

Girgin: Ja genau. Irgendwie muss ich es geschafft haben, sie für meine Idee zu begeistern. Im Nachhinein klingt es selbst für mich ein bisschen skurril. Aber "Yücesan" ist in der Türkei eine ziemlich große und bekannte Firma, die sich einfach sehr für soziale Projekte engagiert.

KulturSPIEGEL: Und wie funktioniert die Box jetzt im Alltag? Kann ich mir als Privatperson eine davon anschaffen und aufstellen?

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Girgin: Nun, da sie ja im öffentlichen Raum aufgestellt werden, kooperieren wir mit den Stadtverwaltungen selbst. Wenn eine Stadt interessiert ist, muss sie sich Firmen suchen, die bereit sind, für das Projekt Geld zu spenden. Erst dann wird die Box bei uns bestellt. Den Steuerzahler kostet das nichts.

KulturSPIEGEL: Straßenhunde sind ja nicht überall in der Türkei beliebt. Trotzdem kommen die Boxen an?

Girgin: Die erste Box wurde am 17. April in Eskiehir, einer Stadt im Nordwesten der Türkei aufgestellt. Ich habe gehofft, dass die Idee bei vielen Menschen gut ankommen würde. Aber dass es so gut ankommt, wie wir jetzt sehen, hätte ich mir nicht träumen lassen.

KulturSPIEGEL: Und was sagen Anwohner zu den Boxen?

Girgin: Natürlich waren am Anfang einige skeptisch. Sie haben gedacht, sobald die Box in der Nähe ihres Hauses steht, kommen die Hunde in Scharen. Aber so ist das nicht. Jeder Hund hat seinen Bereich. Den wird er selbst für Futter nicht dauerhaft verlassen. In der Gegend einer Box wird es vier oder fünf Hunde geben, die anderen aus der Umgebung kommen vielleicht ab und an zum Fressen. Das habe ich den Leuten erklärt. Und mittlerweile sehen sie, dass ich damit Recht hatte.

KulturSPIEGEL: Gibt es aus dem Ausland mittlerweile Interessenten?

Girgin: Wir haben von 61 Ländern Anfragen bezüglich der Boxen bekommen. In 20 Städte außerhalb der Türkei werden wir die ersten in den kommenden Wochen liefern.

KulturSPIEGEL: Aber funktioniert die Box nicht nur in Regionen, wo es auch viele Straßenhunde gibt?

Girgin: Die Annahme ist naheliegend, aber nein, das stimmt nicht ganz. Ein Beispiel: Demnächst schicken wir drei Boxen nach Paris. Dort gibt es keine Straßenhunde, jedenfalls nicht in großen Mengen. Aber es gibt große Parks, in denen viele Menschen mit ihren Hunden spazieren gehen. Und andere, die einfach so eine Runde gehen oder joggen und dabei vielleicht eine Flasche Wasser dabeihaben.

KulturSPIEGEL: Ihr Projekt ist ein Paradebeispiel für "Social Design". Nach genau solchen Ideen sucht momentan auch der KulturSPIEGEL im Rahmen des "Orange Social Design Award". Gibt es in der Türkei viele Projekte dieser Art und viele Menschen, die etwas verändern wollen?

Girgin: Menschen, die etwas verändern wollen, gibt es einige. Aber oft bleibt es dann bei dem Willen, und es folgt nichts Konkretes. Im Vergleich mit dem Rest der Welt ist unser Land relativ abgeschlagen, was "Social Design" angeht. Das muss sich ändern. Ich arbeite daran. Denn schließlich können wir nur gemeinsam etwas erreichen.

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insgesamt 14 Beiträge
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spon-facebook-10000212181 18.08.2014
1. Ich find das toll.
Bestimmt gibt es wieder Meckerer, die irgendwas daran auszusetzen haben, aber es ist eine gute Idee, Recycling mit Hilfe für hungrige Tiere zu verbinden. Außerdem: Nicht alles muss in jeder Hinsicht nur vernünftig sein.
Muddern 18.08.2014
2. Eine nette Geste.
Vielleicht sollte es das auch für Straßenkatzen geben. Leider ist so etwas in Deutschland wegen des Dosen-/Einwegpfands wahrscheinlich weniger erfolgreich - außer, es käme außer dem Hundefutter auch ein einlösbarer Pfandbon heraus... Was den Wasserablauf angeht, wäre ich jedoch in Sorge, dass da irgendwelche weniger nette Menschen gammlige Saft-, Softdrink- oder sogar Alkoholreste reinkippen könnten...
at@at 18.08.2014
3. Die Istanbuler Hunde
die ich getroffen habe, die wollten gar kein Fertigfutter essen, jedenfalls nicht das, welches eine Freundin extra für sie gekauft hatte. Die Hunde wurde reichlich gefüttert, meist mit frischem Fisch, der irgendwo übrig geblieben ist - manche Hunde sind regelrecht von Geschäft zu Geschäft gezogen und haben überall was abgestaubt. Die Katzen haben es genauso gemacht. Zum Pariser Beispiel: Ich persönlich würde meinen Hund auch nicht mit irgendwas aus dem Automaten füttern und schon gar nicht irgendwann unterwegs, der bekommt morgens und abends seine Portion frisches Fleisch oder Fisch oder Knochen plus Gemüse, das muss reichen.
alafesh 18.08.2014
4.
Zitat von sysopPugedon YcesanAus Mitleid mit den Straßenhunden in Istanbul baute Engin Girgin eine Box, in die man Pfandflaschen aus Plastik einwirft - und im Gegenzug dafür Hundefutter bekommt. Mittlerweile verkauft er seine Kästen sogar ins Ausland. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/orange-social-design-award-engin-girgin-baut-futterbox-in-istanbul-a-986375.html
Systematische Kastration/Sterilisation wäre eine bessere Lösung. Straßenkatzen und -Hunde sind eine Gefahr für alle möglichen Kleintiere und Bodenbrüter, laufen mit unbehandelten Krankheiten herum uvm. Ich finde es unverantwortlich, die Tiere gedankenlos durchzufüttern. Dann muß man sich auch um den Nachwuchs kümmern, also noch mehr durchfüttern?
thememleser 18.08.2014
5. Straßenhunde
Wenn es ein Problem mit zu vielen Straßenhunden gibt, löst man dies sicherlich nicht, indem man sie durchfüttert.
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