Neustart am Schauspiel Stuttgart Psychiatrisch betreutes Morden

Der junge britische Regisseur Robert Icke ist mit einer Wohnzimmer-"Orestie" die Entdeckung beim Premierenwochenende, mit dem der neue Stuttgarter Schauspielchef Burkhard C. Kosminski seine Intendanz eröffnet.

Matthias Horn

Wer opfert heutzutage noch Menschen mit viel Blutgespritze auf irgendeinem steinernen Altar? Viel eleganter ist es, sie in der Sterbeklinik mit Pillen ins Jenseits zu befördern.

Ein kleines blondes Mädchen namens Iphigenie, gespielt von der Kinderdarstellerin Salome Sophie Roller, sitzt in einem schlichten gelben Kleid stumm und staunend mit zwei weiß gekleideten Frauen und ihrem Vater auf einer Klinikbank. Lammfromm lässt sich das Kind erklären, welchen der drei dargebotenen Pappbecher es wann zu leeren hat. Erst den mit der klaren Flüssigkeit, dann den mit der Tablette, dann den mit der Limonade.

Kaum hat das Mädchen seine Aufgabe erledigt, dämmert es auf dem Schoß seines Vaters weg - und Papa flennt. Und natürlich wird auch im Publikum geseufzt, wenn im Stuttgarter Staatsschauspiel der griechische Heerführer Agamemnon seine Tochter Iphigenie opfert, damit er im Krieg gegen die Trojaner triumphiert.

Der 32-jährige Brite Robert Icke (sprich "Eik") stammt aus der Provinzstadt Stockton-on-Tees und wird in London schon eine Weile als tolles Regie- und Dramatikertalent gehandelt. Nun zeigt er erstmals auf einer deutschen Bühne seine Aktualisierungskunst. Die 2500 Jahre alte griechische Dramentrilogie der "Orestie" sieht bei ihm aus wie die Fernsehserie " House of Cards".

Die Bühnenbildnerin Hildegard Bechtler hat dem Regisseur ein Wohnzimmer mit gläserner Rückfront samt Glasschiebetür auf die Bühne des Stuttgarter Theaters gebaut. In dieser von Ziegelmauern umgebenen Wohn- und Arbeitszelle streiten und prügeln sich der Staatschef Agamemnon (Matthias Leja als wieseliger Karrieristentyp) und seine Gattin Klytämnestra (Sylvana Krappatsch als schneidend ehrgeizige First Lady) vor dem Opfermord an ihrer jüngsten Tochter Iphigenie. Als es dann passiert ist, sagt die Mutter: "Ich bewundere sie, die Entscheidung." Und schreit doch gleich darauf: "Er hat meine Tochter getötet!"

Die Tragödie ist bei Icke eine Familienaufstellung

Icke hat das klassische Aischylos-Drama neu geschrieben und für seinen von Ulrike Syha übersetzten Text nicht bloß die Ausmalung des Opfermords am Kind Iphigenie dazuerfunden, sondern auch eine psychiatrische Gutachterin, die Iphigenies ältesten Bruder Orest verhört. "Das ist alles schon mal passiert", heißt es im Dialog zwischen der Ärztin (Marietta Meguid) und ihrem zitternden Klienten (Peer Oscar Musionwski).

Dann nimmt man in dreieinhalb Theaterstunden den Rachemord von Klytämnestra an ihrem Mann und den Rachemord Orests an seiner Mutter durch, im Stil einer akribischen Tatort-Rekonstruktion, mit Digitaluhr-Zeiteinblendungen und Beweismittel-Präsentation ("Ein Messer"). Zwischendurch verkündet die psychiatrische Fachkraft ihre Befunde: "Wir müssen akzeptieren, dass Eltern nur Menschen sind." Und: "Wir werden verletzt, also verletzen wir jemand anderen."

Natürlich kann man im Eindampfen einer griechischen Monumentaltragödie aufs Format einer psychotherapeutisch betreuten Familienaufstellung eine unverschämte Verknappung sehen; die Schrumpfung eines Menschheitsdramas aufs sozialpathologische Normalmaß. Tatsächlich gelingt dem Regisseur Icke aber kluge, temporeiche, höchst unterhaltsame Theaterkunst. Seine Arbeitsmethode erinnert an die Stück-Übermalungen des fast gleichaltrigen australischstämmigen Regisseurs Simon Stone.

Wo Stone sich leidenschaftlich und poetisch einfühlt in historische Stoffe, gibt Icke allerdings eher den eiskalten Analytiker - sein einziges Zugeständnis an das Irrationale besteht darin, dass er in seiner "Orestie" immer wieder die Toten auferstehen lässt, die sich ein ums andere Mal an der Familientafel im Haus der Atriden versammeln.

Der Intendant inszeniert ein gefühliges Lehrstück

Um eine schrecklich nette Familie ging es auch schon in "Vögel", der ersten Premiere an diesem Auftaktwochenende. Sie spielt größtenteils in einem Krankenhaus in Jerusalem. Der neue Stuttgarter Intendant Burkhard C. Kosminski setzt programmatisch auf Stücke von zeitgenössischen Autoren und brachte am Freitagabend die deutschsprachige Erstaufführung von "Vögel" heraus, ein Stück, das der libanesisch-kanadische Autor Waji Mouawad geschrieben hat. In Deutschland wurde Mouawad durch den ebenfalls im Nahen Osten spielenden Stadttheaterhit "Verbrennungen" bekannt.

In seinem neuen Stück verliebt sich ein jüdischer Student aus Berlin beim Studieren in New York in ein arabischstämmiges Mädchen, reist mit ihr nach Israel und landet dort nach einem Terroranschlag bewusstlos (aber körperlich weitgehend heil) in einem Krankenhausbett - weshalb sich bald eine herzlich zerstrittene Verwandtschaft im Hospital versammelt, in deren wüsten Zankereien (jeweils in englischer, hebräischer und deutscher Originalsprache) sich nahezu sämtliche Irrsinnsargumentationen des Nahost-Konflikts widerspiegeln.

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Stuttgarter "Orestie": Menschheitsdrama als Familienaufstellung

Der Regisseur Kosminski ignoriert weitgehend die Komödie, die in Mouawads Figurenkonstellation und allerlei grotesken Wendungen steckt. Stattdessen exekutiert er gemächlich ein gefühliges Lehrstück. Sämtliche Omas und Opas, Mütter und Väter und junge Liebende müssen in blumigen Worten aus dem "Labyrinth" oder wahlweise dem "Abgrund" ihrer Seelen nacheinander ihre Lebenslügen herauskramen. Konkreter gesagt: Praktisch jeder auf der Bühne darf in "Vögel" in schwülstigen Metaphern zagen, brüllen und heulen, als sei die Schauspielerarbeit ein Nervenzusammenbruchswettbewerb.

Ein bisschen erwartbar verkünden der Autor Mouawad und der Regisseur Kosminski am Ende eine Versöhnungsbotschaft, die vom Stuttgarter Publikum jubelnd beklatscht wurde.

Der junge britische Theaterwundermann Robert Icke macht es den Zuschauern da um einiges schwerer. Die klirrend-kühle Bestandsaufnahme der "Orestie", die dem Wesen der menschlichen Mordlust nachgeht, endet in einer Gerichtsverhandlung, die Orest zum Weiterleben verdammt, aber weder ihn noch den Rest der Menschheit von Schuld freispricht. Richter und Seelenärzte kommen bei Robert Icke zum gleichen Schluss wie schon der alte Grieche Aischylos: Lernen heißt leiden. Und Leiden heißt lernen.


"Orestie", Schauspielhaus Stuttgart, nächste Vorstellungen am 25.11. und 1.12.

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