Organhandel-Thriller "Fleisch": Haste mal 'ne Niere?

Von Peter Luley

Operation mit Aderlass: ProSieben hat den Organhandel-Klassiker "Fleisch" aus dem Jahr 1979 in die TV-Gegenwart verpflanzt. Das schmerzt ein wenig, denn dem soliden Remake fehlt die visionäre Aura des Originals.

Das Motel "Honeymoon Inn" am Rande der Stadt Las Cruces im US-Bundesstaat New Mexico ist kein einladender Ort für Verliebte. Eine heruntergekommene Anlage, die sinistre Betreiberin stellt neugierige Fragen. Nur wegen des Spottpreises von 7,50 Dollar pro Zimmer beschließt das frisch vermählte Studentenpaar, für eine Nacht zu bleiben. Eine fatale Entscheidung. Denn die Absteige erweist sich als Falle; alsbald nähert sich mit martialischem Geheul ein vermeintlicher Ambulanzwagen, dessen Besatzung versucht, die beiden zu kidnappen. Während der Mann mittels Betäubungsspritze außer Gefecht gesetzt und abtransportiert wird, vermag die Frau zu fliehen - um dann in einer albtraumartigen Odyssee das Schicksal ihres Gatten zu ergründen.

Szene aus "Fleisch": Respektables Remake
ProSieben

Szene aus "Fleisch": Respektables Remake

Mit dieser unheimlichen Exposition beginnt der ZDF-Thriller "Fleisch" von 1979 - ein Klassiker des gesellschaftskritischen Fernsehfilms jener Jahre und Meilenstein im Werk des großen Katastrophen-Propheten Rainer Erler. Der Autor und Regisseur ("Das schöne Ende dieser Welt"), der sich in zahlreichen Science-Thrillern mit Themen wie Umweltrisiken und entgleitender Wissenschaft auseinandersetzte, entwarf hier das Szenario einer Organhändler-Mafia, die gesunde junge Menschen entführt, um sie gemäß den Bedürfnissen zahlungskräftiger älterer Kunden "auszuschlachten".

Vor diesem fernsehgeschichtlichen Hintergrund erscheint es als durchaus kühnes Unterfangen, den Stoff noch einmal aufzubereiten - die Messlatte liegt ziemlich hoch. Visionär an "Fleisch" war schließlich nicht nur das inzwischen von der Realität eingeholte Sujet, sondern auch die Inszenierung: Perfekt vermittelt der falsche Krankenwagen die unbegreiflich-anonyme Bedrohung; die Verlorenheit der Protagonistin korrespondiert trefflich mit der Weite des von Highways und Interstates durchschnittenen Landes. Und in den Hauptrollen brillieren die heute vor allem als biedere Komödienstars bekannten Jutta Speidel und Herbert Herrmann; die Bilder der damals 25-jährigen Speidel, die im weißen Unterhemd vor ihren Häschern flieht und bei einem Trucker Zuflucht findet, entfalten noch immer ihre Wirkung.

Regisseur Oliver Schmitz (Grimme-Preis für "Türkisch für Anfänger") und sein Drehbuchautor Thomas Gaschler haben die Gefahren des Direktvergleichs offenkundig erkannt - und die Handlung des Remakes kurzerhand nach Südafrika verlegt: Für 300 Euro bucht Sportstudent Frank (Sebastian Ströbel) im Reisebüro einen All-inclusive-Trip ins Land am Kap; da kann selbst seine sparsame Angetraute Marisa (Theresa Scholze) nicht nein sagen.

Die Safari-Lounge indes, die die beiden am Zielort erwartet, steht dem amerikanischen Horror-Motel in nichts nach. Von dezenten Zuspitzungen abgesehen, läuft das Kidnapping des Mannes genauso ab wie in der Urfassung. Die Flucht der Frau allerdings führt statt im Truck über die Interstate per VW-Bulli mitten in ein Township. Atemlose Hektik im Slum statt gedämpfter Highway-Romantik. Das ist keine schlechte Idee: Der Mythos Amerika hätte sich heute kaum mehr in derselben Weise feiern lassen wie 1979. Und der Schauplatz Südafrika reichert die Story um spannende neue Komponenten an: die verbrechensbegünstigende Armut etwa und die immer noch existierende Rassendiskriminierung.

Die augenfälligsten Veränderungen neben dem Ortswechsel und einer leichten Temposteigerung liegen in der Ausmerzung alles Vagen, Ungefähren: Während im Original die Motivation des aufopferungsvoll helfenden Truckers lediglich auf dessen eigene Einsamkeit zurückzuführen ist, hat Marisas schwarzer Gefährte Biko ein handfestes persönliches Interesse an dem Fall. Während in der Vorlage auch das Handeln einer maßgeblichen Figur des Verbrechersyndikats zumindest Fragen aufwirft, wird es hier klar hergeleitet. Und die ein wenig angeklebt wirkende, gleichwohl kultige New-York-Sequenz des 79er-Films, in der Erler den Moloch Großstadt zelebriert und Jutta Speidel entkräftet im Central Park zusammenbrechen lässt, findet in der Neuauflage überhaupt keine Entsprechung.

All diese Maßnahmen kann man als rational und zeitgemäß vertreten - wie auch den Verzicht auf den seinerzeit gern mal erhobenen Zeigefinger. Sie verbinden sich zum Gesamteindruck eines respektabel in die TV-Gegenwart verpflanzten Klassikers, eines Remakes, das ordentliches Thriller-Handwerk bietet. Dass das "Fleisch" des Jahres 2008 nicht mehr die eigenwillig-visionäre Aura des Originals verströmt, ist angesichts des Schwierigkeitsgrads der Operation wohl ein verschmerzbarer Aderlass. Hauptdarstellerin Theresa Scholze empfiehlt sich mit ihrer Leistung für größere Aufgaben - und sogar der heute 74-jährige Erler, schon länger nicht mehr selbst aktiv, hat dem Film laut ProSieben seinen Segen erteilt.

Bleibt nur noch die Reaktion der jungen Zielgruppe abzuwarten. Fällt sie positiv aus, könnte dem Science-Thriller klassischer Prägung womöglich eine Renaissance bevorstehen: Bereits am Dienstag greift Schwestersender Sat.1 in dem Katastrophenfilm "Die Hitzewelle" das Thema Klimawandel auf.


"Fleisch": Heute Abend, 20.15 Uhr, Pro Sieben

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