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15. August 2012, 06:37 Uhr

Falt-Künstlerin Yamashita

Frau Merkel hat jetzt einen Schatten

Von Heike Sonnberger

Knick, Knick und etwas Licht - fertig ist das Angela-Merkel-Gesicht! Nur eine Lampe und Papier braucht Kumi Yamashita, um eines ihrer Schattengesichter zu zaubern. Exklusiv für SPIEGEL ONLINE faltete die japanische Allround-Künstlerin die deutsche Kanzlerin zusammen.

"Ich brauche normalerweise eine halbe Stunde, um ein solches Gesicht zu machen. Mit sanftem Druck und sehr vorsichtig biege ich das Papier. Man muss aufpassen, dass man es nicht zu fest anfasst. Die Gesichter sind sehr zerbrechlich. Wenn irgendjemand sie berührt, dann war's das.

Ich habe vor zwölf Jahren damit angefangen und mache es seither immer mal wieder. All die verschiedenen Gesichter sind aus den gleichen, perfekt quadratischen Origami-Bögen entstanden. Das bunte Papier ist also so etwas wie die Essenz, der Ursprung aller Formen. Das fasziniert mich. Doch diesen Gedanken hatte ich erst später. Ich liebe es, schöne Dinge zu erschaffen - über die Bedeutung denke ich erst hinterher nach.

Ich könnte jedes Profil formen, auch wenn manche schwieriger sind als andere. Bärte sind besonders schwer. Die Bundeskanzlerin war einfach, ich habe etwa eine Stunde für sie gebraucht, es hat Spaß gemacht. Für eine Ausstellung in Grand Rapids, Michigan, im September forme ich die Gesichter von hundert Bewohnern der Stadt. Ein Selbstporträt habe ich noch nicht gefaltet. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich gern im Spiegel anschauen.

Mit 16 Jahren bin ich aus Japan weggezogen, um in den USA zur Schule zu gehen. Ich fliege einmal im Jahr im Urlaub zurück in meine alte Heimat, aber dort gelebt habe ich seither nicht mehr. Aber je länger ich weg bin, desto mehr bemerke ich japanische Züge in meiner Arbeit. Mich ziehen zum Beispiel Dinge an, die schlicht und vergänglich sind. Mit den Jahren schätze ich mein eigenes Land immer mehr.

Ich liebe das natürliche Licht, das durch eine Baumkrone auf den Boden fällt. Oder den warmen, orangefarbenen Schein, in dem die Fenster eines Bauernhofs abends leuchten. Oder die letzten Sonnenstrahlen, die sich im Spätsommer auf die Hügel legen.

In Japan und in anderen asiatischen Ländern benutzt man oft kalte, weiße Leuchtstoffröhren. Ich habe dort viele Menschen gefragt, warum sie es so grell mögen. Sie haben geantwortet, dass es sie hoffnungsvoll stimmt. Sie wollen nicht mehr im Dunkeln leben. Außerdem sind sie so aufgewachsen und kennen es nicht anders. In vielen Häusern brennen Leuchtstoffröhren sogar über dem Esstisch. Bei uns zu Hause war das zum Glück nicht so. Ich glaube, dass der Zweite Weltkrieg viel verändert hat. Im Krieg war helles Licht gefährlich, weil man nicht zum Ziel werden wollte. Jetzt ist es ganz normal.

Früher habe ich mit Freunden Musik gemacht, wenn ich nicht in meinem Studio war. Ich wünschte, das würde öfter geschehen. Aber ich denke die ganze Zeit an meine Arbeit, wenn ich abends nach Hause komme, wenn ich morgens aufwache... Ich bin nicht sehr gut darin, eine Grenze zu ziehen."

Aufgezeichnet von Heike Sonnberger

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