"Orpheus" im Hamburger Thalia Theater Die größte Frauenliebe aller Zeiten

Der Regisseur Antú Romero Nunes zeigt zur Eröffnung der neuen Theatersaison im Hamburger Thalia Theater das Popmärchen "Orpheus" - und lässt Lisa Hagmeister die Titelrolle spielen.

Armin Smailovic

Auf der Bühne sieht man die rührendste Liebesgeschichte der griechischen Sagenwelt in zwei verschiedenen Versionen schiefgehen. In beiden Fällen passiert es, als Orpheus und Eurydike es fast geschafft haben, im Gänsemarsch aus dem Reich der Toten herauszuspazieren und - anders als jedes andere Paar - die Grenze zwischen Leben und Tod zu überwinden.

In der ersten Version, die am Freitagabend im Hamburger Thalia Theater vorgeführt wird, ist ein verbotener Blick zurück schuld, ganz wie er in den Büchern steht: Von der Theaterrampe aus guckt Orpheus über die eigene Schulter zur im Hintergrund harrenden Eurydike hin, sogleich verfällt die Welt in Höllendunkel. In der zweiten Version dann legen die Liebenden einfach nicht das gleiche Tempo vor: Während Orpheus auf der Theater-Drehscheibe munter vorwärtsstampft, fällt die Geliebte zurück und verschwindet fix im Hades-Dämmerlicht.

"Orpheus. Eine musische Bastardtragödie" heißt die Aufführung, mit der man in Hamburg die neue Theatersaison beginnt. Sie zeigt zwei liebende Frauen. Orpheus wird gespielt von der zartknochig-nervösen Schauspielerin Lisa Hagmeister, die keine Lyra zupft, sondern zu harten Beats auf einem Klavier herumturnt, als handle es sich um ein DJ-Pult. Die Schauspielerin Marie Löcker spielt eine kraftstrotzende, aufgekratzte Eurydike mit rotem Wuschelhaar, die sich per Zeichensprache mit ihrer Gefährtin verständigt.

Eurydike ist taubstumm und kann Orpheus' Stimme, den angeblich schönsten Gesang, der je auf Erden erklang, gar nicht hören. Möglicherweise ist das kein Verlust. Wir Theaterzuschauer nämlich vernehmen diesen Gesang sehr wohl: Orpheus trällert mit wackeliger Stimme französischsprachige Popsongs in der Tradition von Françoise Hardy und Jane Birkin.

Tiefschürfender Essay über das Wesen der Schönheit

Dieser "Orpheus" will ein schwelgerisches Zauberstück und zugleich eine philosophische Denkaufgabe sein. Der Regisseur Antú Romero Nunes lässt eine wunderhübsch mit weißer Paste und Glitzerzeug geschminkte Götterschar auftreten, als deren Star man den großartig fleischigen Amor bezeichnen kann, den der Schauspieler Björn Meyer verkörpert.

Ein Ensemble aus Live-Musikern spielt leicht ölige Pop-Elegien, die sich das Komponistenduo Anna Bauer und Johannes Hofmann ausgedacht haben. Zwischendurch wummern Tanzklub-Bässe, während im Suchscheinwerferlicht Affenmenschen und Götterboten sonderbar altmodische Choreografien vorführen.

Im Zentrum des Geschehens aber knutschen und vögeln und verlieren sich die beiden großen Liebenden: Während Hagmeisters Orpheus gerade mit Mikro in der Hand einen großen Auftritt in einem Berghain-Ambiente absolviert, wird Löckers Eurydike vom eitlen Zeus (Pascal Houdus) blutig geschlagen, missbraucht und totgetrampelt; später wird einer von Zeus' Helfern sie ein zweites Mal meucheln.

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"Orpheus" am Hamburger Thalia Theater: Klavier statt Lyra, Frau statt Mann

In der ersten Hälfte der eineinhalb Stunden langen Inszenierung wird auf der Bühne nicht gesprochen, nur gesungen. In der zweiten Hälfte verkünden die Figuren viele hochtrabende Merksätze von Friedrich Schiller, Friedrich Nietzsche, E. M. Cioran und anderen. "Wer spricht, hat kein Geheimnis", sagen sie zum Beispiel.

Von der Liebe als "einzigem Zauber, der imstande ist, uns hinters Licht zu führen", ist die Rede. Vom Gegensatz zwischen dem apollinischen und dem dionysischen Prinzip. Und davon, dass die "Mysterien der Antike" uns Nachgeborenen leider "keinerlei Erkenntis" zu bescheren hätten.

Plötzlich merkt der Zuschauer: Es mag aussehen wie ein verfrühtes Weihnachtsmärchen, was der Regisseur Nunes da auf der Thalia-Bühne angerichtet hat - in Wahrheit ist es gedacht als tiefschürfender Essay über das Wesen der Schönheit, die Unabwendbarkeit des Todes und die Liebessucht des Menschen.

"Das Theater ist ein Entspannungsraum"

Der Theatermacher Nunes ist 34 Jahre alt und ein Fachmann fürs Zirzensische, für die Aufhebung der Schwerkraft im deutschspachigen Theater. Nunes verwandelt die kompliziertesten Stoffe in heitere Spielerei, in Akrobatik, Pantomime, Clownsnummern und Seifenblasenzauber.

In einer seiner früheren Arbeiten hat der Regisseur beispielsweise aus dem kolossalen Männerroman "Moby Dick" ein furioses Spektakel aus Wassergespritze und maskuliner Naturüberwindungs-Protzerei gemacht. Hier verkündet Nunes schon im Programmheft: "Das Theater ist ein Entspannungsraum." Wie Orpheus fasziniere ihn die "Möglichkeit, sich die Welt selbst zu erschaffen und bunt anzumalen".

Tatsächlich ist die "Orpheus"-Aufführung ein farbenfrohes Vergnügen, in dem Schauspielerkunststücke und Regieeinfälle munter um sich selbst kreisen. Die herbeizitierte Weltverzweiflung und Todesnähe allerdings wirken merkwürdig aufgepappt in diesem körperbetonten Spiel-Arrangement.

Wirklich bei sich ist diese Inszenierung über Glück und Elend der Liebe nur dann, wenn keine klugen Denkersätze aufgesagt werden, sondern sich der Regisseur ganz auf die eigenen Bildideen verlässt. In dem Moment zum Beispiel, als Hagmeisters Orpheus gerade erst entdeckt hat, dass die schöne Eurydike ermordet worden ist. Da wird die Tote unter einer durchsichtigen Plasikfolie begraben - und als Eurydike sich in dieser Jenseitswelt wieder aufrichtet, pressen die beiden Ex-Partnerinnen, getrennt nur noch von ein paar Millimetern Plastik, ihre Leiber aneinander.

Bei aller Nähe haben sie sich für immer verloren. Das Projekt ihrer gemeinsamen Flucht aus dem Totenreich ist ein Traumgespinst, das niemals Wirklichkeit werden kann.

"Orpheus". Thalia Theater Hamburg. Nächste Vorstellungen am 9., 14., 19. Und 28.9., www.thalia-theater.de

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