Ostalgie Die rot-grüne Koalition

Nach der Wiedervereinigung war es vom Aussterben bedroht. Doch dank Sympathiebekundungen aus der ganzen Republik darf das Ost-Ampelmännchen am 13. Oktober rot und grün strahlend seinen 40. Geburtstag feiern.

Von Daniel Meuren


Ampelmännchen: Seit vier Jahrzehnten strahlt er über ostdeutschen Straßen

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Berlin - Unter den Linden, Ecke Friedrichstraße: Hier leuchten die Ampelmännchen aus Ost und West in grün und rot um die Wette. Bei der Reparatur eines der beiden Verkehrszeichen muss sich in den Jahren seit der Wiedervereinigung ein Wessi in den Osten verirrt haben. Denn sonst sind die Berliner Arbeitswelten der beiden Ampelmännchenvölker noch immer genauso strikt von einander getrennt wie die beiden Leuchtflächen einer Fußgängerampel.

Hier aber hat der Fußgänger die Gelegenheit zum direkten Vergleich und sieht, weshalb das Ost-Ampelmännchen nicht nur hübscher aussieht als sein Kollege aus dem Westen, sondern auch seine verkehrssichernde Aufgabe besser erfüllt.

Ost gegen West: Ist der Ost-Ampelmann mit den ausgebreiteten Armen (links) nicht besser als der Wessi?
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Nicht nur Ästhetik, auch Funktionalität

Denn während der arg auf seine schlanke Linie bedachte, rot leuchtende Kollege aus dem Westen mit diszipliniert angelegten Armen auf das grüne Signal zur Fortbewegung wartet, gebietet das wohlgenährte Ost-Ampelmännchen mit ausgebreiteten Extremitäten und mindestens doppelt so großer Leuchtfläche dem Bewegungsdrang der Großstädter Einhalt. Das 40 Jahre alte Ampelmännchen sozialistischer Prägung verbindet Schönheit mit Effizienz, Charme mit Zweckmäßigkeit, Gemütlichkeit mit Pflichterfüllung.

Im Osten unter Artenschutz

Trotz aller Vorteile hat sich die Population des knuffigen Hutträgers seit 1989 nicht wesentlich vergrößert. Nur dank zahlloser Sympathiebekundungen hat er sich überhaupt seine grün und rot blühenden Landschaften bewahren können. Ursprünglich wollten die vereinigten Verkehrsaufsichtsbehörden die westlichen Leuchtfiguren zur Arbeit in den Osten entsenden. Doch dank des Artenschutzprogramms fristet der Ost-Ampelmann dort noch immer sein Dasein wie in den Jahren, als er die DDR-Bürger vor vorbeiknatternden Trabbis schützen sollte.

Dank des erhöhten Verkehrsaufkommens sind mittlerweile wohl ein paar Ampelanlagen mehr zwischen Rostock und Dresden dazu gekommen. Einige süddeutsche Gemeinden sollen dem Ost-Ampelmännchen zudem eine Anstellung an westdeutschen Ampelanlagen vermittelt haben. Dennoch ist der wohlgenährte Ossi eindeutig in der Minderheit.

Peglau: Der Vater des Ampelmännchens dachte an Kinder, alte Menschen und Farbenblinde
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Ampelmännchens Vater sollte die Verkehrssicherheit erhöhen

Karl Peglau kann das gar nicht verstehen: Der 74 Jahre alte Berliner hat das Ampelmännchen zum Leben erweckt, als er am 13. Oktober 1961 die nötigen Unterlagen beim Verkehrsministerium einreichte. Peglau war als Verkehrspsychologe im medizinischen Dienst des Verkehrswesens der DDR angestellt. In seinen Tätigkeitsbereich fiel die Aufgabe, etwas gegen die bedenklich hohe Zahl an Verkehrstoten zu tun.

"Es gab damals noch keine eigenen Fußgängerampeln. Die Menschen haben sich nach den Signalen für die Autos gerichtet, was einige Gefahren mit sich brachte", sagt Peglau im Rückblick. Eigene Verkehrszeichen für Fußgänger sollten daraufhin die Sicherheit erhöhen.

Die Sekretärin entwarf den Hut

Ergebnisse von Peglaus Überlegungen waren der tapfer die Arme ausstreckende rote Genosse und das zackig von rechts nach links voranschreitende grüne Männchen. Seine Leibesfülle sollte nicht in erster Linie Wohlstandsgefühle und Gemütlichkeit verbreiten, sondern den Lichtfluten eine breitere Fläche auf dem Weg in kleine Kinderaugen ebnen. Der niedliche Hut hingegen war gar nicht zweckgebunden, sondern ein kleiner Gag von Peglaus damaliger Sekretärin Anneliese Wegener, die als begabte Zeichnerin für die Endfassung der Verkehrshelfer verantwortlich war.

Tischlampen und T-Shirts

Die Bewahrer ostdeutscher Geschichte leuchten seit einigen Jahren nicht mehr nur aus zweieinhalb Metern Höhe auf die Straßen herab, sondern auch in so manchem Wohnzimmer der Republik. Der Designer Markus Heckhausen hat sich die Copyrights gesichert und vermarktet die grünen und roten Kameraden heute gemeinsam mit Peglau. Auf einer Geburtstagsausstellung in den Berliner Hackeschen Höfen können Fans noch bis zum 13. Oktober Tischlampen, Korkenzieher oder T-Shirts mit dem Ampelmann-Motiv erstehen.

Jeder verkaufte Merchandising-Artikel steigert den Bekanntheitsgrad des Ost-Ampelmanns und sorgt für dessen Erhalt. Dennoch würde der Vater der rot-grünen Sympathieträger in alter Beamtengewohnheit einen Erlass aus dem Bundesverkehrsministerium bevorzugen: "Es wäre schön, wenn eine Kommission sachlich prüfen würde, welcher Ampelmann besser ist." Nach Ansicht des "Ampelmännchen-Vaters" gibt es am Sieg seiner Schöpfung gar keinen Zweifel. Als Kompromiss könnte Peglau sicherlich mit einer bundesweiten rot-grünen Koalition aus haltgebietendem Ossi und bewegtem Wessi leben. Es wäre dies ein besonderes Symbol der Wiedervereinigung.



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