Umdeutung von Ostern Das neue Fest der Liebe

Eigentlich wissen wir alle, wie wir unser Leben angenehmer gestalten können: mehr Freundlichkeit, mehr Nachsicht. Fangen wir doch gleich zu Ostern an mit der Revolution der guten Laune.

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Eine Kolumne von


So. Ostern. Das Fest mit den Hasen. Das Fest der Liebe. Keine Ahnung, ob man sagt: Ostern, das Fest der Liebe, aber vermutlich hat bei den Christen ja alles irgendwie mit Liebe zu tun, was man feiert. Außer: der Tag der Inquisition, der Tag der Hexenverbrennung, der Tag der Kreuzzüge. Wobei auch sie an die Verbreitung der Liebesbotschaft gemahnen. Eben einfach ein wenig nachdrücklicher. Liebe ist mitunter ein zu aufgeladenes Wort. "Liebe", denkt man, "geht's auch eine Nummer kleiner?" Geht schon. Man kann "erfreulich" oder "freundlich" verwenden, um zu transportieren, was das Leben angenehmer macht.

Hunderttausende vornehmlich kleine Menschen marschierten in Amerika für eine vernünftigere Waffenpolitik. Gegen die seltsame Rechnung: Einkünfte Waffenindustrie versus Kosten der Todesfälle und Verletzungen oder schlicht - Menschenleben.

Kinder hielten Reden, bei denen man dachte: Warum haben Kinder keine Stimme in der Regierung? Ohne Kinder und Jugendliche über Gebühr glorifizieren zu wollen, beherrschen sie eins meist ohne Anstrengung: Sie sind erfreulicher als viele ausgewachsene Menschen. Darum wird die Demonstration dieser reizenden Personen auch nichts bewirken. Denn Revolutionen werden nicht mit Freundlichkeit gemacht.

Schade eigentlich. Denn Freundlichkeit erzeugt eindeutig die bessere Laune. Jeder Mensch, außer bedauernswert Erkrankte, weiß darum, weiß, wie beschwingt man von der eigenen Güte sein kann. Einem Fremden auf der Straße zu helfen. Jemandem, der gefallen ist, aufzuhelfen. Kinderwägen in Trams zu hieven, höflich zu Verkäufern und Kellnern zu sein, jemanden anzulächeln und wieder angelächelt zu werden. Mit einem Unbekannten ein angenehmes minimales Gespräch zu führen. Jemandem Unbekannten mit seinem Wissen zu helfen.

Im Zweifel was mit Gott

All diese kleinen Dinge, die das eigene Belohnungszentrum aktivieren - Dopamin und so weiter -, erzeugen doch eine gute Laune, an der man sich lange erfreut. Sie wissen darum. Ich weiß darum. Aber die meisten wissen ja auch, dass Tiere denken und fühlen, und sie gehen sie im Zoo besichtigen, streicheln Häschen, hätscheln Hunde und essen Ostern Karnickel und Lämmchen.

Die meisten Menschen wissen, wie man sein Leben angenehm verbringen kann und tun es nicht. Wegen Strafe. Für was auch immer. Im Zweifel was mit Gott. So wie Katastrophenmitteilungen scheinbar dazu führen, dass sich Medien besser verkaufen, so wie immer neue Scheißnachrichten einfacher herzustellen sind, als sorgsam zu suchen, womit man Menschen Hoffnung geben könnte, ist Hass das einfacher herzustellende Gefühl, denn er funktioniert ohne jede Interaktion. Man kann nahezu alles hassen - die Sonne, den Wind, Kinder, Alte, Vogelgeräusche, Tiere.

Hm, lecker Tiere, die essen wir doch. Aber die Einfachheit des Gefühls hat seinen Preis. Hass lässt einen schlecht schlafen, macht den Hassenden angespannt, gereizt, feindselig. Er macht verdammt miese Laune. Hass entsteht häufig aus einem Gefühl der Ohnmacht. Die wiederrum resultiert oft aus einer Fehleinschätzung der eigenen Möglichkeiten.

Ich liebe Sie alle

Ob es der politische Gegner ist, in dessen Äußerungen man eintaucht, der Nachbar, der die Bässe zu laut gedreht hat, oder im ganz harten Fall, der junge Mensch, der seine Füße auf einen Sitz legt - schon wird das Atmen schwer, der Herzschlag beschleunigt sich, man wird wütend, angewidert, die Sonne verdunkelt sich, die Mundwinkel ziehen sich nach unten, der Tag ist verdorben.

Der Hass ändert die Welt nicht, er vermiest nur die Laune. Des Hassenden und der Menschen, die ihm begegnen müssen. Freundlich zu sein, ist der Gipfel des Egoismus. Es ist das wirksame Mittel, um sich jenen überlegen zu fühlen, die hassend durch die Gegend eiern. Verzeihen Sie, wenn ich predigend klinge, es ist ein Feiertag. Oder Morgen ist einer - egal. Was ich eigentlich sagen wollte, ich liebe Sie alle, und: Nach dem Fest werde ich nur noch alle zwei Wochen hier erscheinen. Die Pflege meiner Gestüte, Ölplattformen und Tempel, in denen ich Reden halte, fordert meine Aufmerksamkeit über Gebühr.

Ein schönes Fest, Ihre liebe Frau Berg.

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insgesamt 74 Beiträge
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Seite 1
skatesister 31.03.2018
1. Gruss
Ich mag deine Kolumnen, Sybille. Dir auch schöne Feiertage !
ptb29 31.03.2018
2. Endlich ein Artikel
zum Thema Ostern, zu dem auch kommentiert werden darf. Wir diskutieren wochenlang über Islamismus bzw. Religionsfreiheit in Deutschland. Und jetzt wollen uns die Christen vorschreiben, wie wir Ostern zu zelebrieren hätten, ohne Brian und Tanzveranstaltungen. Das Rundfunk- und Fernsehprogramm wird angepasst. Warum müssen die Nichtchristen nach den Regeln einer Religion leben?
lathea 31.03.2018
3. Liebe ist.....
......eine intrinsische Lebenseinstellung, die uns glücklich macht.
spontanistin 31.03.2018
4. Gier nach Macht und Besitz!
Ostern feiern die bigotten westlichen Kulturnationen den Opfertod eines Wunderheilers, der Besitzlosigkeit und ungeteilte Solidarität gepredigt hat, insbesondere angesichts des nahen Weltuntergangs. An letzterem arbeitet man noch eifrig.
fantin-latour 31.03.2018
5.
Kolumnisten und gleich die ersten Foristen kommen wieder mal nicht ohne Religionsbashing aus. Reden von Liebe, aber predigen Hass gegen friedliche Gläubige, die einfach nur in Frieden leben wollen. Wer heutzutage missioniert, diffamiert, desinformiert und am liebsten alles verbieten will, sind die Atheisten, nicht die letzten paar verbliebenen Christen in diesem Land. Wer Religion hasst, soll nach Mekka fahren und dort naseweise Reden schwingen, aber das traut sich keiner, weil es viel behaglicher ist, mit den Wölfen zu heulen im Wolfsgehege SPON, wo einem alle anderen bestätigen, wie klug und wissenschaftlich man doch ist, wenn man Christus lächerlich macht, aber Putin wie einen Gott verehrt
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