Ottfried Fischer im Interview "Der Bayer ist ganz schön schizophren"

Sie lieben Franz Josef Strauß, respektieren Edmund Stoiber, und am Sonntag werden sie ihr Kreuz da machen, wo sie es seit 41 Jahren machen. Aber im Grunde, sagt man, sind sie Anarchisten. Warum sind die Bayern so eigen, fragte SPIEGEL ONLINE einen, der es wissen muss: den Bayern, Kabarettisten und Schauspieler Ottfried Fischer.


SPIEGEL ONLINE:

Bayern hat die schönsten Biergärten, Würste, die das Zwölfuhrläuten nicht hören dürfen, die meisten Feiertage und wird von einer Quasi-Staatspartei regiert. Bayern ist schon was Besonderes, oder?

Fischer: ...und es hat eine lebendige Kabarettszene. Bayern ist natürlich was Besonderes, weil der bayerische Bürger zwar zu 60 Prozent CSU wählt und deren Obere abgöttisch liebt, sich aber trotzdem freut, wenn ihnen ans Bein gepinkelt wird. Der Bayer ist schon ganz schön schizophren.

SPIEGEL ONLINE: Wer verkörpert für Sie Bayern am besten: Edmund Stoiber, Franz Beckenbauer oder Uschi Glas?

"Wir sind schließlich keine Verfolgten": Kabarettist Ottfried Fischer (hier als "Der Bulle von Tölz")
SAT.1

"Wir sind schließlich keine Verfolgten": Kabarettist Ottfried Fischer (hier als "Der Bulle von Tölz")

Fischer: Da finde ich aber andere wichtiger: Gerhard Polt zum Beispiel, oder Gustl Bayrhammer. Aber natürlich gehört auch ein Beckenbauer mit seiner Laviererei dazu. Der Bayer sagt zum Beispiel, wenn er sich in der Politik getäuscht hat, nicht "Ich war ein Trottel, jetzt werde ich mich ändern", sondern: "Wer hätt' sich denn des denkt?" Aber die meisten Klischees über Bayern stimmen nicht.

SPIEGEL ONLINE: Stören Sie diese Klischees?

Fischer: Ach, eigentlich leben wir ganz gut von ihnen, weil sie den Tourismus fördern.

SPIEGEL ONLINE: Dem Klischee nach sind auch Bayern und CSU untrennbar miteinander verbunden.

Fischer: Viele würden gern was anderes wählen als die CSU, aber die CSU macht es einem sehr schwer: Wenn die merken, dass das Volk hinter einer grünen Idee steht, dann lehnen sie einen Grünen-Antrag im Landtag ab und nach einer gewissen Schamfrist bringen sie ihn leicht abgewandelt selbst ein.

SPIEGEL ONLINE: Die CSU ist also gar nicht so erzkonservativ, wie sie manchmal wahrgenommen wird?

"Eigentlich leben wir ganz gut von den Klischees": Bayerische Trachtler
DPA

"Eigentlich leben wir ganz gut von den Klischees": Bayerische Trachtler

Fischer: Sie ist eine Volkspartei im klassischen Sinne. Wenn's sein muss, ist sie erzkonservativ, wenn's aber anders besser in den Kram passt, ist sie eben mal gar nicht konservativ.

SPIEGEL ONLINE: Am 21. September sind Wahlen. Am Sieg der CSU hegt niemand Zweifel. Warum? Was hat die CSU, was andere Parteien nicht haben?

Fischer: Solange Bayern und CSU in den Augen der Leute einfach gleichgesetzt werden, bleiben die Sozialdemokraten die vaterlandslosen Gesellen. Da können sie tun, was sie wollen. Die CSU schafft es, alles, was bayerisch ist, zu besetzen. Die schaffen es sogar, aus dem Stoiber einen Bayern zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Ist er denn in den Augen des bayerischen Volkes keiner? Nur weil er nicht die Statur eines Franz Josef Strauß hat und Mineralwasser trinkt?

Fischer: Doch, die meisten akzeptieren ihn natürlich schon als Bayern. Mich wundert das ja selbst. Ich wäre damals eine Wette eingegangen, dass er das erste Mal, wenn er einen Trachtenanzug anzieht, darin ertrinkt. Die Bayern akzeptieren aber die Hingabe, mit der er für Bayern arbeitet. Und außerdem ist er ja auch in der CSU. Da Chef geworden zu sein adelt ihn natürlich in den Augen des Volkes. Deshalb ernennt es ihn zum Bayern. Und er tut ja auch einiges für sein Image - damit die Bayern ihn lieben können. Er hat ein Reihenhaus in Wolfratshausen, trägt Trachtenanzüge, ist beim FC Bayern im Beirat...

SPIEGEL ONLINE: Aber beim FC Bayern gibt's doch kaum noch Bayern.

Fischer: Doch, den Stoiber!

"Ich wäre eine Wette eingegangen, dass er darin ertrinkt": Stoiber im Trachtenanzug
AP

"Ich wäre eine Wette eingegangen, dass er darin ertrinkt": Stoiber im Trachtenanzug

SPIEGEL ONLINE: Hm, klingt nach Valentin'scher Logik. Aber Bayer hin, Bayer her: Stoiber wird neuerdings immer öfter mit Strauß verglichen. Beide wollten Kanzler werden, beide hatten sich eine unangefochtene Machtstellung in der CSU erkämpft. Ist Stoiber ein zweiter Strauß?

Fischer: Nein, überhaupt nicht. Mich erstaunt es, dass der überhaupt so viel Erfolg hat. Eine Verehrung und Unterwürfigkeit, wie die Bayern sie dem Strauß entgegengebracht haben, die ist bei ihm nicht da. Auf der anderen Seite wäre auch keiner auf die Idee gekommen, eine "Stoppt Stoiber"-Plakette zu tragen. Der ist einfach zu dünn dazu.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt einen alten Spruch, wonach die Bayern Anarchisten sind, aber gern einen starken Anarchen an ihrer Spitze haben. Trifft es das?

Fischer: Das ist nicht ganz falsch. So wie man sich ideell nach dem König sehnt, so sehnt man sich auch immer noch ein bisschen nach dem Strauß, der einfach Politik aus der Hosentasche gemacht hat. Der hat seine persönliche Anarchie ein bisschen gepflegt, aber sie zum Wohle der Bayern eingesetzt. Zumindest glauben das die Leute. Und das wird auch der CSU insgesamt unterstellt.

SPIEGEL ONLINE: Gleichzeitig freut sich Bayern stets, wenn die "Großkopferten" eins auf den Deckel bekommen...

Merkel- und Stoiber-Parodie auf dem Nockherberg: "Da lassen die sich in einer masochistischen Freude derblecken"
DDP

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Fischer: Freilich. Das geht schon beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg los: Das ist quasi das Staatskabarett. Da lassen sich die Politiker in einer masochistischen Freude "derblecken" und sind nur sauer, wenn sie nicht drankommen.

SPIEGEL ONLINE: Gut, die CSU hält sich Hofnarren. Aber wie reagiert der Bayer auf wirklich Andersdenkende? Wie steht es um die viel beschworene liberalitas bavariae?

Fischer: Die liberalitas bavariae war ja ursprünglich lediglich Freigebigkeit der Herrscher, die die Künste gefördert haben. Allerdings gibt es in Bayern auch ein gewisses Leben-und-leben-Lassen. Sonst würde ich mich hier nicht wohl fühlen. Wir so genannten Linken oder kritischen Kräfte in Bayern sind schließlich keine Verfolgten.

SPIEGEL ONLINE: Andererseits gehört es eben auch zur "bayerischen Art", dass die Polizei etwas "härter hinlangt", wie das ein früherer Ministerpräsident formulierte; auch mit fremdenfeindlichen Parolen punktet die CSU immer wieder.

Fischer: Sicher, das ist auch Bayern. Ich glaube zwar, dass es inzwischen weniger schlimm ist, aber die CSU ist natürlich immer wieder für eine Überraschung gut. Wenn's sein muss, kehren sie den starken Mann raus. Für ein paar Wählerstimmen tun die alles.

SPIEGEL ONLINE: Bei der Bundestagswahl hat die CSU ein Traumergebnis eingefahren...

"Die CSU schafft es, alles, was bayerisch ist, zu besetzen": Bedienung auf dem Oktoberfest
AFP

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Fischer: Da mussten wir der Welt beweisen, dass wir hinter unserem Mann stehen. Damals war auch das Auszählverhalten der Bayern symptomatisch: "Jetzt zählma ganz schnell nach, damit der Stoiber Edmund ganz schnell weiß, wie gut dass er war." Das hat dann dazu geführt, dass er eine halbe Stunde lang gemeint hat, er sei Kanzler.

SPIEGEL ONLINE: Aber wollen die Bayern eigentlich wirklich einen der ihren in Berlin? Dann können sie ja gar nicht mehr gegen die Bundesregierung stänkern.

Fischer: Ja, das überlegt sich der Bayer natürlich vorher nicht. Wenn's dann später so kommt, dann sagt er: "Wer hätt' sich denn des denkt?"

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt eigentlich dieses ständige Imponiergehabe, dieses "Mir san mir"? Haben die Bayern einen Minderwertigkeitskomplex?

Fischer: Genau. Und die Bayern sind so lange für die Deppen der Nation gehalten worden, dass dieser Komplex auch verständlich ist. Irgendwo steckt es im Bayern einfach drin, dass er sich nicht ernst genommen fühlt. Mein Onkel hat mir mal eine Geschichte erzählt: Der war in einer Fernfahrerkneipe, und da saß ein Bayer und hat einen Ostfriesenwitz nach dem anderen erzählt, zum großen Gaudium der Anwesenden. Dann hat einer es gewagt, einen Bayernwitz zu erzählen - dem hat er eine runtergehaut.

Das Gespräch führte Dominik Baur



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