Platte Polit-Kunst Die Vergartenzwergung des Karl Marx

Ein ganz possierliches Karlchen! Zum 195. Geburtstag von Karl Marx würdigt dessen Heimatstadt Trier den Denker mit 500 Plastikfiguren - und gibt den Philosophen, der den Kapitalismus überwinden wollte, der Lächerlichkeit preis.

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Auch wenn ein Gutteil deutscher Fußgängerzonen eher den Eindruck erweckt, dass die Bevölkerung dort über den Kauf von Schuhen, Nagellack oder Laugengebäck mit Käse nachdenkt - wer sagt, dass Passanten nicht bereit wären, sich bei ihrem Innenstadtbesuch für abstraktere Themen zu interessieren? Für politische Philosophie? Für viel diskutierte, viel kritisierte und ebenso viel bewunderte Weltenentwürfe, wie Karl Marx sie entwickelt hat? Wenn man die denn nur in hinreichend volkstümlicher Form präsentieren würde: in Form eines Gartenzwerges.

Ottmar Hörl, als politisch ambitionierter Kunsthandwerker über die Grenzen seiner Heimatstadt Nürnberg hinaus bekannt geworden, als er 2009 einen Heinzelmann schuf, der den Arm zum Hitlergruß ausstreckte, zeigt sich in Trier nun abermals als Meister einer fast schon marxistisch zu nennenden Dialektik: Der intellektuelle Überbau seines dort gezeigten Werks ist derart reduziert, dass er eigentlich gar nicht mehr vorhanden ist.

Anlässlich des 195. Geburtstages von Karl Marx (1818-1883) ließ Hörl in dessen Geburtsstadt 500 Kunststoff-Figuren aufstellen. Die einen Meter hohen Miniatur-Standbilder zeigen Marx in immer gleicher Pose, aber in vier verschiedenen Rottönen. Das ist allerdings raffiniert. Was könnte es bedeuten?

"Ich möchte Passanten dazu anregen, neu über Karl Marx nachzudenken", erklärte Hörl beim Aufbau der Installation an der Porta Nigra. Marx sei ein wichtiger deutscher Philosoph, der häufig missverstanden werde.

Vielleicht ja sogar von Hörl selbst. Egal, was man von Marx und seiner Geschichtsphilosophie halten mag - reduziert auf ein possierliches Karlchen mit Rauschebart befindet der Vordenker des Kommunismus sich nun in einer Reihe mit anderen drolligen Stadtmöblierungsfiguren wie dem Berliner Bären oder dem Hamburger Hummelmann. Gut geeignet als Fotomotiv für Touristen oder als Gegenstand, der ausgiebig von Kindern betatscht werden kann. Kaum aber, um eine Auseinandersetzung mit Marx' Ideen in Gang zu bringen, die über die dem Kunstwerk innewohnende Plattitüden hinausginge: Rot ist nicht gleich rot, der Marxismus lässt sich auf hunderterlei Arten interpretieren.

So vermitteln Hörls Trierer Marxelmännchen vor allem eine Erkenntnis: Wenn man ihn nur drastisch genug verniedlicht, stört der Denker nicht einmal beim Shopping. Vier verschiedene Rottöne, das gibt es in jedem Nagellackregal. Man hätte den Mann, der einst den Kapitalismus überwinden wollte, kaum mehr der Lächerlichkeit preisgeben können.

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