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Bismarck-Jahr 2015: Der deutsche Traum als Schrecken Europas

Von Volker Weiß

Bismarck-Jahr 2015: Brisantes Jubiläum Fotos
DPA

Ein mächtiger Flächenstaat dominiert den Kontinent: Zum 200. Geburtstag Otto von Bismarcks zeigen sich brisante Parallelen zur Bundesrepublik unter Angela Merkel. Doch die Politik des "Eisernen Kanzlers" mündete in einem Albtraum.

Europa ist in einer historischen Krise, Selbstverständlichkeiten der jüngeren Geschichte stehen infrage. Deutschlands ökonomische Dominanz in der EU verstört andere. Schon aus diesem Grund dürfte Otto von Bismarcks 200. Geburtstag am 1. April 2015 international aufmerksam beobachtet werden. Die Frage, wie die Berliner Republik heute des Reichsgründers gedenkt, wird vieles über ihr Selbstverständnis aussagen.

In Europa wird die Erinnerung an den preußischen Landjunker, der die Grenzen auf dem Kontinent binnen eines Jahrzehnts neu zog, ungute Assoziationen wecken. Als hegemoniale Macht unterwarf Preußen das Deutsche Reich einer strikten "Kanzlerdiktatur", vor allem die südeuropäischen Länder sehen diesen Mechanismus auch in der EU am Werk.

Europafeindliche Rechte in Deutschland fordern indirekt die Rückkehr des preußischen Staatsverständnisses und wünschen eine souveräne Außenpolitik nach den Maßgaben des 19. Jahrhunderts: Weg von Frankreich, hin zu Russland. All das rückt Bismarcks 200. Geburtsjahr in einen brisanten Kontext. Sein Name ist nicht nur untrennbar mit der preußischen Geschichte verbunden, sondern steht auch für einen deutschen Traum, der zum Schrecken Europas wurde.

Isolation Frankreichs

Es gibt in Deutschland die Tendenz, Bismarck aus der Pflicht zu nehmen und das Ende der bürgerlichen Welt allein dem ungestümen Wesen Wilhelms II. anzulasten. Dabei waren es bereits in der Reichsgründung 1871 angelegte Missstände, die das Imperium sowohl 1914/18 als auch 1933/45 zu Fall brachten. Die von Bismarck gestaltete Neuordnung des Kontinents nach dem Sieg über Frankreich 1871, mit einem preußisch-deutschen Machtzentrum im Herzen, war kein Friedensgarant.

Bismarcks außenpolitisches Hauptbestreben, die Isolation Frankreichs, ließ sich nicht lange aufrechterhalten. Seine außenpolitischen Bündnisse stabilisierten nicht wie geplant den Kontinent, sondern führten schnell in einen "Albtraum gegnerischer Konstellationen", wie die französische Presse seiner Zeit kommentierte.

Der Geburtsfehler des Deutschen Reiches, die Annexion Elsass-Lothringens, hielt die Spannungen mit Frankreich am Leben. Als bereits wenige Jahre nach der Reichsgründung ein neuer Krieg mit Frankreich "in Sicht" kam, intervenierten Russland und England. Der aufstrebende Militärstaat in der Mitte Europas war ihnen nicht geheuer.

Ignoranz gegenüber Europa

Nach den Erfahrungen der Gründungskriege hatten viele Staatsmänner stillschweigend ein Fragezeichen hinter Bismarcks Beteuerung gesetzt, keine pangermanischen Ziele zu hegen. Selbst wohlwollende Autoren stellten fest, dass Bismarck diese Sorgen unterschätzte. "Europa", soll er einmal nach der Reichsgründung amüsiert bemerkt haben, werde von ihm "stets in 10 bis 15 Minuten beim ersten Frühstück abgemacht, gekämmt und gebürstet."

Diese Ignoranz sollte sich rächen. International hofft man heute, Deutschland habe begriffen, dass seine Außenpolitik einer europäischen Einbindung bedarf. In den Hauptstädten mit weniger Gewicht, die auf der Strecke von Berlin nach Moskau liegen, beobachtet man das deutsch-russische Verhältnis seit jeher mit Sorge.

Die anfänglich wohlwollende Neutralität Bismarcks gegenüber Russland, die heute wieder idealisiert wird, folgte bereits im 19. Jahrhundert fragwürdigen Motiven. Bismarcks Versuche, sich mit Russland zu arrangieren, waren nicht der Friedensliebe geschuldet. Das Zarenreich galt seit Napoleon als Rückversicherung gegen republikanische Zumutungen. Dieses Denken, in Russland ein Bollwerk des Konservatismus zur Rettung des Abendlandes zu sehen, hat heute wieder Hochkonjunktur.

Kurswechsel von hochkonservativ zu liberal

Dabei bot selbst das ultrakonservative Russland keine dauerhaften Garantien. Im europäischen Konkurrenzkampf war sich jeder selbst der Nächste. Mit der russisch-französischen Allianz 1894, nur vier Jahre nach Bismarcks Entlassung, war die Ruhe schließlich dahin. Allerdings war Deutschland nicht "eingekreist" worden, wie es die nationale Paranoia noch jahrzehntelang glauben machen wollte. Vielmehr hatte sich das Reich außenpolitisch in gehörigem Maße selbst "ausgekreist".

Bismarcks "Spiel der Macht" sollte aus der Unsicherheit der Partner Stärke gewinnen. Die Orchestrierung der verschiedenen europäischen Interessen konnte jedoch nur funktionieren, solange alle die Rolle des preußisch-deutschen Dirigenten akzeptierten. Das war jedoch nie der Fall. Bismarcks innen- wie außenpolitische Eigenart, sich radikal neu zu orientieren, schuf nur scheinbare Handlungsfreiheit. Der wechselnde Flirt mit England und Russland verhinderte eine stabile außenpolitische Koalition.

Auch innenpolitisch entwickelte sein Reich wenig Stabilität, nicht zuletzt aufgrund des ständigen Kampfes zwischen dem mächtigen Flächenstaat Preußen und den restlichen deutschen Bundesstaaten. Bismarcks Kurswechsel von hochkonservativ zu liberal und zurück blockierte die institutionelle Festigung des Landes. Zudem war es durch seinen Gründer gründlich gegen jede Demokratisierung imprägniert worden. Mit seiner Kanzlerschaft ohne eine Reichsregierung, Minister oder andere unterstützende Institutionen außer dem Militär, prägte Bismarck den autoritären Staat.

Fatale deutsche Führersehnsucht

Vor allem der von ihm noch im Ruhestand beförderte Kult um seine Person als "Kanzler ohne Amt" bestärkte bei zunehmender Schwäche der Monarchie die fatale deutsche Führererwartung. Das in seiner Ära gezüchtete blinde Vertrauen der Untertanen in die Autoritäten führte die Deutschen im 20. Jahrhundert gleich zweimal in die Katastrophe.

Die Installation des Obrigkeitsstaats war auch der Motor für die von Bismarck vorangetriebene Modernisierung. Er beherrschte die Kunst, selbst Reformen vorabzutreiben, die er seinen Gegnern niemals gestattet hätte. Seine viel gelobte Sozialpolitik ist aus dieser Perspektive zu betrachten. Ebenso war sein Laizismus ein zweischneidiges Schwert.

Die Auseinandersetzung mit den Ultramontanen - so der damalige Begriff für die Gefolgsleute päpstlicher Politik - zielte auch auf die polnische Minderheit im Osten des Reiches sowie das katholische Elsass-Lothringen. Die daraus resultierenden tiefen Feindschaften sind ein Beispiel dafür, wie der Kampf gegen religiösen Fundamentalismus mit dem gegen Minderheiten verwechselt wird.

Völkisch-antisemitische Reserve

Entgegen seinem Image als "Eiserner Kanzler" erwies sich Bismarck übrigens ausgerechnet dort als Opportunist, wo Willensstärke tatsächlich hätte Schaden vermeiden können. Seine Losung von der territorialen "Saturiertheit" des Reiches gab er auf Druck der Wirtschaft für koloniale Abenteuer auf. Ein historischer Fehler, der die ohnehin zugespitzte Konkurrenz zwischen den europäischen Imperien weiter forcierte.

Nach dem Attentat auf Wilhelm I. 1878 hätte er die antisemitischen Organisationen zerschlagen können, denen einer der Attentäter entstammte. Er entschloss sich stattdessen, sich der Sozialdemokratie zu entledigen, zu der es keinerlei Verbindungen gab. Statt die völkisch-antisemitische Bewegung so im Keim zu ersticken, sah er in ihr eine innenpolitische Reserve für seine Zwecke.

In all diesen mit Bismarcks Namen verbundenen Fragen zeichneten sich bereits die politischen Hypotheken des 20. Jahrhunderts ab. Im Ausland weiß man das. Sicher, es führte kein gerader Weg von Bismarck zu Hitler, Geschichte ist nie determiniert - oder mit Merkel statt Hegel: "alternativlos".

Doch Bismarck, schreibt sein Biograf Lothar Gall, hielt fest an dem Glauben, ein Reich könne nur durch die Mittel zusammengehalten werden, mit denen es begründet wurde. Diese waren strikt autoritär. Damit lässt sich heute kein Staat mehr machen - und auch kein Europa.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 182 Beiträge
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1. Das ist uralter 68er Historien-Quatsch
spon-facebook-10000119413 03.02.2015
sorry SPIEGEL, aber die Politik des eisernen Kanzlers, die so gar nichts mit dem Führer zu tun hat, hätte uns sowohl den ersten wie auch den zweiten WK erspart - den anderen Europäern vielleicht auch. Das ist der durchaus aktuelle Stand der Forschung. Einfach mal ein paar Bücher lesen. Der obige Artikel hingegen wiederholt zum x-fachen Male die falschen Thesen der 70ger und 80ger Jahre und ist von der typisch deutschen Verzweiflung an sich selbst geprägt. Kommt doch einfach einmal in diesem Jhdt.( es ist übrigens das 21.) an, bevor Euch überhaupt niemand mehr liest.....
2. hans werner sinn
blaacki 03.02.2015
hatte solche parallelen schon vor langer zeit aufgezeigt. so oft gescholten bei spiegel online, erwähnt in allem was mit.ihm nix zu tun hat, ubd hier wäre ein verweis angebracht gewesen....
3. Och nä!
dwg 03.02.2015
Geht es nicht noch 'ne Nummer dicker? Demnächst werden bestimmt auch überall "Merkeltürme" errichtet.
4. sehr einseitig dargestellt
d.hauskrett 03.02.2015
Man kommt nicht umhin, den negativen Unterton des Artikels festzustellen. Bismarck war für mich dennoch ein großer Staatsmann, der sicher Fehler hatte und machte - man schaue sich zum Vergleich jedoch andere Politiker seiner Zeit an! Dass Deutschland sich politisch (nicht die privat von Vereinen geschaffen Kolonien) als satuiert ansah (auch gegen den Willen des Kaisers) und wir uns aus dem größten Imperialmist herausgehalten haben, ist sein Verdienst. Ebenso wies er Napoleon III. in die Schranken, welcher ganz andere (wahnsinnigere) Ideen von seiner Territorialmacht in Europa hatte. Hier wurde auch nur das Schlechte (Annexion von Elsass-Lothringen) herausgestellt - zugegeben einer seiner größten Fehler. Ich empfehle jedem, der sich einen (ausführlichen) Überblick verschaffen will, die Lektüre von Christopher Clarks "Iron Kingdom". Ein unverzerrtes Bild eines britischen renommierten Historikers.
5. Setzen, sechs
Faldor17 03.02.2015
Mit dem Beitrag wäre ich aus dem historischen Seminar meiner Uni achtkant rausgeflogen. Ich darf dem Autor wärmstens empfehlen, erst einmal die Standardwerke zu der Epoche und auch zu Bismarck zu lesen und vor allem zu verstehen, bevor er einen vor Fehlinterpretationen und Halbwahrheiten strotzenden Artikel verfasst. Da nützt auch ein völlig aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat des hoch zu verehrenden Lothar Gall nichts mehr. Bismarcks An- und Absichten haben, genauso wie die Ursachen des ersten Weltkriegs, überhaupt nichts mit dem gemeinsam was der Autor hier schreibt.
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