Outernet Die Welt wird zur Website

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DIE MAUER BRÖCKELT SCHON - und wird im neuen Jahrzehnt endgültig fallen: Virtuelle und physische Welt vereinen sich. Das Schlagwort dazu heißt "Augmented Reality", erweiterte Realität. Oder auch "Outernet", ein Begriff, den der Diplom-Kaufmann Torsten Rehder oft und gern benutzt, einer der Trendforscher bei TrendONE. "Das Internet springt auf die Straße", sagt er, "die ganze Welt wird zur Website." In dieser Welt ist jeder Gegenstand ein Hyperlink, der sich anklicken lässt: jedes Haus, jedes Auto, jedes Buch. Das Smartphone entwickelt sich zum Weltscanner.

Schon heute ist es möglich, mit einem Android-Handy zum Beispiel Weinflaschen oder Markenlogos zu fotografieren und sich von der Software "Google Goggles" automatisch die entsprechenden Internetsuchergebnisse anzeigen zu lassen. Und mehr noch: Wer auf der Straße schöne Schuhe sieht, kann sie knipsen und schon unterwegs über die iPhone-Applikation "Amazon Mobile" den Online-Shop nach dem günstigsten Anbieter durchsuchen. Noch sind die Programme, zu denen auch der Bilderkennungsdienst Kooaba gehört, nicht perfekt, aber der Weg ist klar: Die Dinge lernen sprechen. Und: Sie liegen permanent im Schaufenster, können immer und überall gekauft werden. Die ganze Welt wird zum Einkaufszentrum.

Handy-Reiseführer wie "Wikitude" und "Cyclopedia" zeigen dank GPS-Ortung und digitalem Kompass in Echtzeit an, auf welche Sehenswürdigkeiten man gerade blickt; die Infos erscheinen direkt im Display, im Foto der Umgebung. Trendforscher Rehder rechnet sogar damit, dass sich Handy-Nutzer künftig Filter einrichten, um die Informationsflut zu ordnen - und ihre Umwelt zu personalisieren: Der Klassikfan bewegt sich im Mozart-Modus durch Wien, der Popfan im Falco-Modus; der italophile Tourist lässt sich Pizzerien in der Umgebung empfehlen, aber auf keinen Fall griechische Restaurants. Auch das Marketing werde individueller, glaubt Rehder: Handy-Besitzer erhalten künftig den richtigen Tipp zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Folge all dieser Innovationen: Das Handy weiß, wer wir sind. Umso größer wird die Gefahr des Missbrauchs. "Ich rechne mit einer neuen Datenschutz-Diskussion", sagt Rehder. Die entscheidende Frage: Wen wählen die Menschen als sogenannten Trusted Partner, wem also vertrauen sie all ihre Daten an: privaten Kommunikationskonzernen wie der Telekom? Oder eher einer übergeordneten, staatlichen Behörde?

2. Dritte-Welt-Avantgarde

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© KulturSPIEGEL 1/2010
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