Picasso-Museum in Paris Ein Palast für Pablo

Personal-Querelen, Baufehler, Budget-Überschreitungen: Das Pariser Picasso-Museum feiert Wiedereröffnung - mit dreijähriger Verspätung.

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Von , Paris


"Gebt mir ein Museum, ich werde es füllen": 41 Jahre nach dem Tod des Spaniers ist dessen Wunsch endlich wieder Realität geworden. Nach fünfjährigen Bau- und Restaurierungsarbeiten öffnet das "Nationalmuseum Picasso-Paris" am Wochenende seine Pforten einer lange ausgesperrten Öffentlichkeit. "Lebendig, zugänglich und resolut gegenwärtig", so beschreibt Museumspräsident Laurent Le Bon das Resultat. Die Tageszeitung "Le Parisien" sagt es genauso treffend: "Picasso - noch mal viel größer."

Denn das Hotel Salé, das eine der weltweit umfangreichsten Picasso-Sammlungen beherbergt, hat durch den Umbau vor allem an Quadratmetern gewonnen. Rundum erneuert mit Fahrstühlen, Klimaanlage und einem Dach-Café, Technik und Verwaltung ausgelagert, ist der Bau für den erwarteten Millionenansturm von Besuchern gewappnet.

Das Museum erstrahlt als "weißer Raum", hell, aseptisch, verschachtelt. Bei Treppen, Türgriffen und Lampen fallen einem durchweg Design- oder Architektur-Superlative ein. Zugleich hat eines der schönsten Stadtpalais des Marais viel von seinem früheren intimen Charme verloren. Der Reiz der Vergangenheit wurde wegsaniert.

Picasso hinterließ 70.000 Objekte

Vorausgegangen war jahrelanger Hader um das museale Konzept, um stillose Erweiterungen oder unrechtmäßig errichtete Anbauten. Während die Kosten von 22 Millionen auf astronomische 52 Millionen Euro stiegen, verzögerten sich die Arbeiten - aus zwei Jahren Renovierung wurden fünf.

Derweil blieb die Sammlung für Besucher geschlossen, nur ein Mustersortiment ging auf weltweite Ausstellungstournee, um einen Teil der überbordenden Ausgaben wieder einzuspielen. Während Zeitplan und Kosten aus dem Ruder liefen, spitzte sich der Zwist um den autoritären Management-Stil von Direktorin Anne Baldassari zu. Eine umstrittene Mega-Show im Grand Palais ("Picasso und die Alten Meister") erhöhte den Druck - im Mai wurde Baldassari entlassen.

Der anerkannten Expertin gelang es indes, dank der Hilfe von Picassos Sohn Claude, die Regie der Eröffnungsausstellung zu übernehmen. Sie habe ein "moralisches und intellektuelles Recht", die Gestaltung zu übernehmen, so Baldassari. Bedienen konnte sie sich dazu aus dem üppigen Fundus des Museums: Denn Picasso, ebenso genial wie produktiv, hinterließ Gemälde, Zeichnungen, Drucke, Keramiken, Skizzenhefte und Notizblöcke mit Gedichten und Fotografien - insgesamt rund 70.000 Objekte.

Nach heftigen familiären Dauerstreitigkeiten um den Nachlass ging der wichtigste Teil dieser Sammlung in den Besitz des französischen Staates über - anstelle der fälligen Erbschaftssteuer. Untergebracht sind die 5000 Arbeiten und das zugehörige Archiv mit rund 200.000 Objekten seit 1985 im Hotel Salé.

Vom gepflasterten Hof des Palais aus dem 17.Jahrhundert führt der Weg zu den erweiterten Ausstellungsräumen: Zwischen Kellergewölbe und Dachgeschoss hat Baldassari fast 400 Exponate untergebracht, mehr als doppelt so viel wie früher. Doch der "Meister-Parcours", eine "neuartige Hängung von großer Modernität" (Claude Picasso), erweist sich als sperrig oder irritierend.

In der Menge der Exponate verliert sich manches

"Wir folgen einer Chronologie, aber nicht in strikter Art", erklärt die Kuratorin ihr Konzept. "Es gibt keine dichten Zonen zwischen den verschiedenen 'Stilen', sondern eine tiefe Kontinuität im gesamten Werk." Die Museografie bietet dazu indessen wenig Hilfe. Mal chronologisch, mal thematisch gehängt, fehlen die nötigen Erklärungen. An die Hand bekommt der Besucher lediglich einen Gratis-Führer in Miniformat.

Natürlich, die Meisterwerke aus allen Schaffensepochen sind beispielhaft versammelt: Von Picassos "La Fillette aux pieds nus", gemalt im Alter von 14 Jahren, über die "blaue" und "rosa Periode" bis zu den Gemälden und Zeichnungen verdrehter Körper - Vorarbeiten für "Les Demoiselles d'Avignon", Picassos revolutionärem Wechsel in die kubistische Phase.

Reich dokumentiert sind seine surrealistischen Werke. Die zentrale Freitreppe, dekoriert mit Karyatiden und steinernen Früchtekörben, führt zur ersten Collage in der Geschichte der Kunst ("Nature morte à la chaise cannée", 1912). Hier wird die dreidimensionale nagelstarrende Gitarre ("Guitare") aus demselben Jahr gezeigt oder das schockierende Gemälde "Zwei rennende Frauen am Strand" ("La Course", 1922).

In der Menge der Exponate verlieren sich bisweilen manche Stücke. Der Stierkopf ("Tête de taureau", 1942), eine verblüffende Komposition aus der deutschen Besatzungszeit, montiert aus Trouvaillen wie Fahrradlenker und -sattel, hängt zu hoch, um dessen makabere Ironie zu erkennen; der Totenschädel ("Tête de mort", 1943) liegt einsam auf einem ausladenden weißen Sockel, der den verformten Schrecken in die Ferne rückt. Und die größte Skulptur, Picassos "Mann mit Lamm" ("Homme au mouton", 1943), bleibt versteckt in einem holzgetäfelten Gelass im ersten Stock, eingesargt in einen früheren Büroraum, der keinen Abstand zulässt.

Picasso als Kunstsammler

Die eigentliche Entdeckung der Neuordnung bietet das Dachgeschoss. Unter dem alten Gebälk sind erstmals umfängliche Teile aus dem privaten Besitz Picassos zu sehen: Sie belegen, dass der begnadete Künstler zugleich ein besessener Kunstsammler war. Degas, Cézanne, Henri Rousseau, Matisse, afrikanische Masken und rituelle Gegenstände - das Panoptikum der persönlichen Effekte zeigt, welche Werke Picasso inspirierten oder beeinflussten.

Die Eröffnungsausstellung, zeitlich abgestimmt auf den Geburtstag Picassos am 25.Oktober, bleibt damit ohne inhaltlichen Paukenschlag. Und schon binnen eines Jahres, so Präsident Le Bon, wird die Werkfolge schrittweise "auf einen mehr thematischen Parcours" umgestellt.

"Die Wiedereröffnung des Picasso-Museums hat also nichts Revolutionäres", resümiert Didier Rykner, Herausgeber des Internetdienstes "Tribune d'Art". "Immerhin hat sie den Verdienst, Paris einen der schönsten Bauten zurückzugeben", so der Kunstkritiker, "und damit eine absolut unentbehrliche Sammlung unermesslicher Meisterwerke."


Musée Picasso Paris, ab 25. Oktober 2014



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