Pädophilie bei "Bloch" Mensch und Monstrum

Hinschauen statt wegschließen: In der "Bloch"-Folge "Der Kinderfreund" (heute Abend in der ARD) muss der Zuschauer auf Tuchfühlung mit einem Pädophilen gehen. Ein riskantes Unterfangen, das durch den Schauspieler Fabian Hinrichs zum großen psychologischen Kino wird.

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Kinderschänder gehen immer. Wenn den Autoren deutscher Fernsehkrimis mal nichts einfällt, kramen sie gerne die Figur des Pädophilen heraus. Ein billiger Trick, um zum dramaturgischen Nulltarif die schwärzesten Alpträume und innigsten Rachegelüste des Publikums zu befeuern. Man folgt da auch beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen gerne der Logik des Boulevards, wo man das Thema ausbeutet, ohne sich ernsthaft mit ihm zu beschäftigen. Als wollte man sich auf ewig den Kindesmissbrauch als absolute Manifestation des Bösen bewahren. Wie aber kann man ein Verbrechen bekämpfen, wenn man sich weigert, seine Ursachen zu erforschen?

Die stille und unaufgeregte Episode der Reihe "Bloch", die heute zur Prime Time im Ersten läuft, stellt so gesehen einen Tabubruch dar. Hinschauen statt wegschließen: "Der Kinderfreund", so der Titel der Folge, ist die detailgenaue, durchaus auch emotionale Annäherung an einen Pädophilen. Es geht um seine Verzweiflung, seine Einsamkeit, seine Sehnsucht. Manchmal hat man sogar ein bisschen Mitleid mit dem Mann. Ein riskanter Akt. Doch Regisseur Killian Riedhof und Autor Marco Wiersch arbeiten präzise; der schmale Grat vom Verständnis zur Verharmlosung wird niemals überschritten.

Keine falsche Illusionen

Es ist hier die kleine Geste, in der sich die Möglichkeit eines monströsen Verbrechens ankündigt: Als Bloch (Dieter Pfaff) seinen Stiefsohn aus der Schule abholt, sieht er wie Lehrer Liebknecht (Fabian Hinrichs) im ansonsten leeren Klassenzimmer die Schülerin Marlene (Chantel Brathwaite) zärtlich über die Schultern streicht. Der Therapeut weist den anderen ob dieser ungebührlichen Vertraulichkeit zurecht, der Lehrer wiegelt ab. Am nächsten Tag sitzt Liebknecht dann ganz unverhofft in Blochs Praxis. Beinahe glücklich wirkt er jetzt, da er die Last des schauerlichen Geheimnisses mit jemandem teilen kann. Ja, er fühle sich zu Kindern hingezogen. Ja, er fände sich selbst ekelhaft. Ja, er wolle geheilt werden.

Heilung klingt gut, aber wie soll das gehen? Die Macher dieses ungeschönten Krankenberichts geben sich da keinen falschen Illusionen hin. "Ein sexuelles Verlangen kann man nicht heilen", erklärt Bloch an einer Stelle. Man kann nur damit umgehen, auf dass niemand zu schaden komme. Pillen würden da nur partiell helfen. Die rigorose Selbsterkundung ist ebenso unvermeidlich wie die Einsicht, die destruktive Libido bis ans Lebensende im Zaum halten zu müssen. "Ich bin ein Monster", sagt der Patient einmal, der bislang noch nicht zum Täter geworden ist. "Ich finde, Sie sind auf einem guten Weg", antwortet trocken sein Therapeut.

Triebtäter, Triebopfer

Der Mensch als Spielball seiner eigenen Triebe – dieses Thema hat im deutschen Film eine lange Tradition: von Fritz Langs Krimi "M – eine Stadt sucht einen Mörder" über Romuald Karmakars stoisch nachgestelltem Verhörprotokoll "Der Totmacher" bis zu Matthias Glasners quasi-dokumentarischer Vergewaltiger-Studie "Der freie Wille" aus dem letzten Jahr. Anders als die berühmten fatalistischen Vorgänger gibt sich dieser "Bloch" allerdings bei aller pathologischen Schärfe gedrosselt hoffnungsfroh. Er bietet Aufklärungsfernsehen im besten Sinne des Wortes.

Was auch daran liegt, dass Regisseur Riedhof keinen Augenblick lang in eine billige Therapeuten-Soap abgleitet. Er begeht nicht den Fehler, die Figur komplett durchleuchten und Gründe für sein Handeln in seiner Entwicklung finden zu wollen. Dem Pädophilen wird somit der psychoanalytische Persilschein für das eigene Handeln verweigert, stattdessen konfrontiert man ihn durch ein Rollenspiel mit der eigenen zerstörerischen Kraft.

Das fiktive Szenario zeichnet an dieser Stelle dramaturgisch konsequent die realen Behandlungsmethoden eines Forschungsprojekts an der Berliner Charité nach: In einer Sitzung muss der Patient die Perspektive des begehrten Kindes einnehmen und beschreiben, wie die phantasierten Handlungen auf das schutzlose Opfer wirken. Darsteller Hinrichs ("Sophie Scholl – Die letzten Tage"), der im deutschen Fernsehen sein beängstigendes Talent bislang noch nicht ausspielen durfte, verzichtet dabei auf jeden Anflug von Melodramatik. Die Spiegelung der verheerenden Lust erfolgt fast tonlos, als habe der Selbstekel ihm den Atem geraubt.

So zeichnet dieses außergewöhnliche TV-Drama einen Prozess nach, an dessen Ende kein absolutes Happy End, sondern nur Waffenstillstand mit dem eigenen Trieb steht. Die Erkenntnis, dass die schmerzhafte Therapie mehr pädophil motivierte Gewalt zu verhindern vermag als all die vollmundig geforderten Verwahrforderungen, bedarf eines extrem mündigen Zuschauers.

Wer billige Lösungen bevorzugt, braucht ja nur auf den nächsten revanchistischen Kinderschänderkrimi warten. Der kommt bestimmt.



"Bloch: Der Kinderfreund", 20.15 Uhr, ARD



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