Gefährdete Journalisten in Pakistan Drohen, schlagen, entführen

Die Presse- und Meinungsfreiheit in Pakistan schwindet: Journalisten, die das mächtige Militär und seine Einmischung in die Politik kritisieren, werden mehr denn je eingeschüchtert. Die Generäle bestreiten ihren Einfluss.

Militärpräsenz vor der Ausgabe von Wahlunterlagen in Peshawar, Pakistan, im Juli 2018
REUTERS

Militärpräsenz vor der Ausgabe von Wahlunterlagen in Peshawar, Pakistan, im Juli 2018

Aus Islamabad berichtet


Der anonyme Anrufer beim Journalisten eines großen pakistanischen Fernsehsenders lässt es an Deutlichkeit nicht missen: Der Reporter solle "nichts Positives" über den früheren pakistanischen Premierminister Nawaz Sharif berichten, ihn am besten erst "gar nicht erwähnen". Imran Khan, der frühere Cricket-Star, sei doch sowieso "der viel bessere Politiker", den solle man "ins rechte Licht rücken". "Bedenken Sie, dass Sie und Ihre Familie doch weiter in Pakistan leben wollen", sagt die Stimme. Der Angerufene hat das Telefonat geistesgegenwärtig aufgezeichnet.

Wer ist der Anrufer? Der Journalist lacht verbittert. "Wer wohl? Jemand von der Armee oder vom Militärgeheimdienst." Er sei sich sicher, denn die Generäle hassten Sharif und protegierten Khan. "In den vergangenen Monaten habe ich häufiger solche mehr oder weniger offenen Warnungen bekommen", sagt er. Deshalb habe er kürzlich seine Frau und seine Kinder ins Ausland gebracht. Er sehe sie jetzt nur alle paar Wochen. "Wenigstens ihnen soll nichts passieren."

Pakistan war noch nie ein Land mit allzu großer Pressefreiheit, es steht auf der Rangliste von "Reporter ohne Grenzen" auf Platz 139 von 180. Glaubt man den Aussagen vieler erfahrener Journalistinnen und Journalisten, hat sich die Lage in den zurückliegenden zwei Monaten dramatisch verschlechtert. Das habe nicht nur mit den Wahlen am Mittwoch zu tun und dem Versuch, sie zu beeinflussen. Das Militär, sind viele überzeugt, wolle nach zehn Jahren ohne Militärdiktatur schlicht wieder mehr Macht. Da ihr Schützling Khan neuer Premierminister wird, rechnen sie damit, dass auch künftig Kritik an ihm unterdrückt wird.

Das Militär will eine ferngesteuerte Demokratie

Eine Entwicklung wie jetzt habe er noch nie erlebt, sagt Hameed Haroon, Chef des Medienhauses "Dawn", das die älteste englischsprachige Zeitung des Landes herausgibt und einen Nachrichtensender betreibt. "Nicht einmal unter Militärdiktatoren, in Zeiten des Kriegsrechts, war es so schlimm." Die Militärs wollten Einfluss auf Wahlen nehmen, das "nationale Narrativ" bestimmen und die "Presse liquidieren".

Haroon ist bekannt und mutig genug, um sich mit seiner scharfen Kritik an die Öffentlichkeit zu wagen. Die meisten Journalisten wollen lieber nicht genannt werden. "Was das Militär will, ist eine ferngesteuerte Demokratie", sagt einer. "Mit Khan haben sie die perfekte Tarnung: einen demokratisch gewählten Mann, den sie fernsteuern können. Sie müssen nicht mehr wie früher putschen, um an die Macht zu kommen."

Begonnen hat die Zuspitzung des Konflikts bereits vor zwei Jahren. Im Oktober 2016 berichtete der "Dawn"-Journalist Cyril Almeida über einen Zwist zwischen dem damaligen Premierminister Sharif und der Armee, mächtigste Institution des Landes. Sharif habe sich in einem geheimen Treffen mit dem Armeechef beschwert, dass die Generäle ständig dafür sorgten, dass festgenommene Extremisten nach kurzer Zeit in Haft wieder freikämen. Zwischen den Uniformierten und Sharif kam es nach Bekanntwerden der Geschichte zum ersten großen öffentlichen Bruch. Dem Journalisten Almeida wurde derweil Geheimnisverrat vorgeworfen. Er brachte sich zeitweise in New York in Sicherheit.

Nawaz Sharif
AP

Nawaz Sharif

"Geschichten über die Korruption der Familie Sharif fanden große Zustimmung der Generäle", sagt ein Chefredakteur. "Wenn wir dazu etwas veröffentlichten, wurden wir gelobt." Den Militärs zu gefallen sei immer wichtiger geworden in den vergangenen Jahren, da immer mehr private Medienunternehmen Industriellen gehörten, die wiederum von staatlichen Aufträgen abhängig seien - und damit von der Armee. Die Sharifs seien "sicher korrupt", aber man spüre, dass die Militärs das Thema nutzten, um eine Jagd auf Sharif zu betreiben, sagt der Chefredakteur. "Die Panama Papers waren für sie ein Geschenk." Im Sommer 2017 musste Sharif wegen Korruptionsvorwürfen gehen.

Aber Sharif schwieg nicht, sondern kritisierte vor einigen Wochen in einem Interview mit der "Dawn" erneut die Streitkräfte. Diesmal warf er ihnen vor, für Terroranschläge in Indien verantwortlich zu sein, darunter den tagelangen Terror in Mumbai vor einem Jahrzehnt. Die Generäle tobten, weil Sharif sie mit Extremisten in Verbindung brachte und ihrer Ansicht nach auch noch "indische Propaganda" übernahm. Sharif wurde daraufhin im Eilverfahren zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt - angeblich auf Druck des Militärs. Die "Dawn"-Ausgabe mit dem Interview war vielerorts nicht mehr erhältlich, Zeitungshändler berichten, sie seien unter Druck gesetzt worden, die Zeitung aus dem Angebot zu streichen.

Selbstzensur hat zugenommen

Ähnlich erging es dem Sender Geo TV: Weil er kritisch über die Armee berichtet hatte und nach Ansicht der Militärs zu freundlich über Sharif, war er in weiten Teilen des Landes plötzlich einige Tage lang nicht mehr zu empfangen.

Im Januar war der Journalist Taha Siddiqui in Islamabad knapp einer Entführung entkommen. Gemeinsam mit seiner Familie flüchtete er nach Paris, wo er bis heute lebt. Er vermutet den Militärgeheimdienst ISI hinter dem Versuch. Anfang Juni war die Journalistin Gul Bukhari vor ihrem Haus in Lahore von Männern in fünf SUVs abgefangen worden. Ihr wurde ein schwarzer Sack über den Kopf gestülpt, sie wurde weggefahren. Erst mehrere Stunden später brachte man sie zurück nach Hause.

Über Details des Vorfalls spricht sie nicht. Wie Siddiqui hatte sie Dinge geschrieben, die dem Militär nicht passten. Seit einigen Tagen erhält die Reporterin Asma Shirazi Drohungen, weil sie Sharif kurz vor seiner Inhaftierung Mitte Juli interviewt hatte und später beklagte, dass ihr Sender das Gespräch nicht veröffentlichte.

"Die Armee beschwert sich sehr nachdrücklich, wenn ihr etwas nicht passt", sagt die Journalistin Mehreen Zahra-Malik, die unter anderem für die "New York Times" schreibt. "Sie versucht, Berichterstattung zu unterdrücken." Das funktioniere ganz ohne Zensurbehörde, denn die Selbstzensur habe zugenommen. "Natürlich sind viele Kolleginnen und Kollegen eingeschüchtert."

Die Armee will zu den Vorwürfen keine Stellung nehmen. Ein Offizier sagt im Hintergrundgespräch lediglich, wer ihr Einflussnahme auf Journalisten vorwerfe, betreibe "bösartige Propaganda". Man schreite lediglich ein, wenn man "anti-pakistanische Aktivitäten" feststelle.

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