Pakistans Lkw-Maler Kunst an der Karre

Leinwandgöttinnen, Panzer, Raubkatzen: Auf den Straßen Pakistans liefern sich mit bunten Motiven bemalte Lkw einen Schönheitswettbewerb. Mittlerweile ziert die Volkskunst alles vom Koffer bis zum Kühlschrank - jetzt wird sie unter dem Label "Truck Art" zum globalen Exportschlager.

Aus Rawalpindi berichtet


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Pakistan: Wenn Laster sich hübsch machen
Am Ende muss Mister Gul wieder selbst ran. Er sieht das Porträt von dieser Frau, es ist eine berühmte Sängerin, ihre Haut ist viel zu orangefarben. Er schiebt den Maler beiseite, greift selbst zum Pinsel, mischt aus den acht vorhandenen Farben den richtigen Hautton und korrigiert das Bild. "So geht das!", sagt er seinem Angestellten und drückt ihm den Pinsel zurück in die Hand.

Gul heißt einfach nur Gul, jeder nennt ihn so, und er findet, er brauche deshalb keine Unterteilung in Vor- und Nachnamen. Gul ist Inhaber der Firma mit dem um so pompöseren Namen M. Shafi & Sons Superior Painters Rawalpindi. Und wenn man ihn fragt, ob Shafi sein Familienname ist, macht er eine Handbewegung, die signalisiert, dass das völlig egal sei.

Guls Vater hat das Unternehmen Mitte der vierziger Jahre gegründet, der Staat Pakistan existierte da noch nicht und die ersten Lastwagen tauchten auf den staubigen Straßen im kolonialen Indien auf. "Ich bin 1983 bei meinem Vater in die Lehre gegangen", sagt Gul und rechnet im Kopf. "Da muss ich 14 Jahre alt gewesen sein." Heute, sagt er, sei er "ungefähr 41". Sein genaues Geburtsdatum kennt er nicht.

Seit mehr als 25 Jahren also verziert er Lastwagen, Transporter, Pick-ups und Busse, so wie man früher Pferde, Kamele und Elefanten schmückte. "Ein schöner Lastwagen ist der Stolz seines Besitzers, aber auch des Fahrers", sagt Gul. "So wie damals ein prunkvoll dekoriertes Tier der Stolz seines Besitzers und seines Reiters war. Das Ergebnis unserer Arbeit gibt der Welt Farbe. Es zeigt: Hier in Pakistan haben wir trotz allem große Lebensfreude."

Dung, Lack und Curry

Guls Firma ist nur eine von vielen: Auf dem Gelände im Norden von Rawalpindi kümmern sich etwa 30 Betriebe um die Verschönerung von Fahrzeugen. Die Lastwagen sind so dicht nebeneinander geparkt, dass ein Maler gerade noch mit seinem Farbkasten durch die Reihen passt. Auf den wenigen freien Flächen liegen Wasserbüffel und Kühe, die sich in der winterlichen Sonne wärmen, zwischen dem Vieh springen ein paar Straßenhunde herum. Es riecht nach Dung und Lack, außerdem nach Curry, es ist gerade Mittagszeit. Ein Atelier in Berlin oder New York könnte kaum weiter entfernt sein. Die meisten Künstler haben, wenn überhaupt, vier Jahre die Schule besucht, was eine Kunsthochschule ist, wissen sie nicht. Sie haben das Handwerk von ihrem Meister gelernt, der in vielen Fällen der eigene Vater ist. Lastwagenmalerei ist in erster Linie noch immer Familienangelegenheit.

Sajid, 15, hat deshalb Glück gehabt: Er ist der erste Lastwagenmaler in seiner Familie. Ein Bekannter hat Gul empfohlen, den talentierten Jungen mal probeweise anzustellen. Seit einem halben Jahr arbeitet Sajid nun für Gul und lernt die drei verschiedenen Techniken: die Königsdisziplin, das Malen, das Verzieren mit bunten Klebebandornamenten und das Bekleben mit Metall- und Plexiglasteilen. "In drei Jahren ist er fertig mit der Ausbildung - vorausgesetzt, er ist ganz richtig im Kopf", sagt Gul und tickt sich an den Schädel. Sajid grinst. Man könnte meinen, mit seiner tief ins Gesicht gezogenen Wollmütze und den Farbschmierern auf dem Pullover versuche er, wie ein New Yorker Straßenkünstler auszusehen. "Bis jetzt macht er seine Sache ganz gut", sagt Gul und klopft seinem Schützling auf die Schulter.

Was gemalt wird, dürfen die Auftraggeber nur begrenzt bestimmen. "Wir wollen künstlerische Freiheit", sagt Gul. Häufigstes Motiv ist ein Pfau, oft andere Tiere, darunter Schmetterlinge, Pferde, Tiger. Aber auch Blumen und Traumlandschaften mögen die Maler. "Natürlich hören wir uns die Vorlieben unserer Kunden an", sagt Gul. Wenn jemand äußere, er möge eine bestimmte Schauspielerin oder Sängerin besonders gern, finde sich bestimmt ein Plätzchen für ein Porträt. Gelegentlich verlangen die Spediteure auch ein politisches Statement auf ihrem Fahrzeug: ein Porträt der ermordeten Politikerin Benazir Bhutto zum Beispiel. Auch Kampfflugzeuge, Panzer und Gewehre seien häufige Wünsche. "Beliebt ist auch ein Auge, das sozusagen über den Fahrer wacht und das Böse abhält."

Glöckchen an der Stoßstange

Je nach Auftragslage beschäftigt Gul zehn bis zwölf Männer. Fünf bis sieben Tage dauert es, einen Lastwagen vollständig zu bemalen. Klebearbeiten und das Ankleben von Zierteilen können sogar bis zu drei Monate in Anspruch nehmen. Unter die Stoßstangen werden Ketten und Glöckchen befestigt, damit die Wagen beim Anfahren ordentlich Krach machen. "Glückscharms" nennen sie diesen Schmuck, der böse Geister vertreiben soll.

"Die meisten wollen aber einfach nur schöne Bilder", sagt Gul. Dafür zahlen die Transportunternehmer, je nach Aufwand, bis zu 60.000 Rupien, umgerechnet knapp 500 Euro - viel Geld für pakistanische Verhältnisse, wo das Monatseinkommen eines Verkäufers bei unter 150 Euro liegt. "In der Regel muss ein Lastwagen alle fünf Jahre neu bemalt werden, denn dann sind die Farben nicht mehr frisch und viele Bilder durch Witterung und Staub kaum noch erkennbar."

Bunte Lastwagen sind also nicht nur ein Zeichen von Lebensfreude, sondern ein Symbol finanzieller Potenz. Auf pakistanischen Autobahnen wird man zwangsläufig Zuschauer eines Schönheitswettbewerbs, man könnte sagen: eines Kampfes, denn die Felgen der Transporter sind mit bemalten Metallteilen geschmückt, die aussehen wie Messerklingen an römischen Streitwagen. Solchen Gefährten sollte man nicht zu nahe kommen.

Aus der folkloristischen Straßenkunst soll nun mehr werden: echte Kunst, die Liebhaber in aller Welt begeistert. Anjum Rana hat dazu das Label "Tribal Truck Art" gegründet und die Lastwagenmaler angeregt, doch auch andere Gegenstände zu verschönern. "Ich liebe diese Kunst, und ich wollte, dass sie Eingang in den Lebensalltag der Menschen findet und sich nicht nur auf pakistanischen Straßen abspielt", sagt die Geschäftsfrau aus Karatschi, die ursprünglich aus der Nordwestgrenzprovinz stammt, wo überwiegend Paschtunen leben. Die meisten Lastwagenmaler sind Paschtunen. Schon als Kind kam sie deshalb mit dieser Straßenkultur in Berührung. Als ihr jemand vor ein paar Jahren eine verzierte Metallbox schenkte, hatte sie die Idee, alltägliche Gegenstände von traditionellen Lastwagenmalern bemalen zu lassen. "Inzwischen ist selbst mein Kühlschrank Zuhause ganz bunt", sagt Anjum Rana.

Bestellungen aus Dänemark und Dubai

Seit die Unesco ihr Bemühen für die Förderung dieser Malerei auszeichnete und sie nun bis 2012 bei der Organisation von Ausstellungen unterstützt, interessieren sich Galerien in den Kunstmetropolen in aller Welt für die Öllampen, Teekannen, Blechdosen, Koffer, Schubkarren aus den Malstätten von Karatschi, Lahore und Rawalpindi. "Wir hatten Ausstellungen in London, in den USA und in Indien, demnächst in Paris", sagt Anjum Rana. Von einem Boom mag sie nicht sprechen, dazu sei diese Kunst noch zu wenig verbreitet und zu wenig bekannt. "Aber ich freue mich, wenn ich Bestellungen aus Dänemark oder aus Dubai bekomme. Dorthin sende ich regelmäßig Objekte." Die Kommerzialisierung ist durchaus gewollt.

Zehn Maler in Karatschi arbeiten derzeit für Anjum Rana auf Honorarbasis. Auf "etwa 50 Prozent" beziffert sie ihre künstlerische Freiheit. "Ich weiß inzwischen, was die Menschen mögen - und das sind keine Tiger mit blutiger Beute und keine Waffenbilder oder anderes gruseliges Zeug." Daher gebe sie den Künstlern weitreichende Anweisungen für die Motive. "Ansonsten würden sie Dinge malen, die kein Mensch kaufen will. Wie sie die Vorgaben dann umsetzen, ist ihre Sache."

Für die Maler ist es eine Chance, von zu Hause aus zu arbeiten: Tassen und Töpfe lassen sich auch im eigenen Garten bemalen. Problematisch ist nur, dass manche Künstler mit dieser neu gewonnenen Freiheit nicht umgehen können. "Manche Maler arbeiten nur für ein paar Monate und verschwinden dann einfach. Einige sind zum Beispiel Ende November zum islamischen Fest Id zu ihren Familien in weit entfernte Dörfer gereist und bis heute nicht zurückgekehrt", sagt Anjum Rana. Gelegentlich verschwinde mit den Künstlern auch der Gegenstand, den sie ihnen zum Bemalen gebe.

Auch Maler Gul aus Rawalpindi hat die Alltagstauglichkeit seiner Kunst entdeckt. "Sajid, hol mal die Tassen her!", ruft er seinem Lehrling zu. Der kramt aus einem Pappkarton voller Schrottteile zwei Becher hervor, der eine versehen mit einem weinenden Auge, der andere mit einer Unterwasserlandschaft. Vor einem Jahr, sagt Gul, sei ein Deutscher mit seinem Mercedes-Bus bis nach Rawalpindi gefahren, um den Wagen von ihm bemalen zu lassen. Vielleicht, sagt Gul und steht da zwischen Lastwagen und Kühen, werde er irgendwann ja doch mal ein berühmter Maler.



insgesamt 3 Beiträge
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shatreng 18.01.2010
1. Anmalen!
Die Motive sind jetzt nicht so ganz mein Geschmack, aber bunt ist immer gut =) Für mehr Farbe, auch auf deutschen Straßen!
Beno, 18.01.2010
2. Pakistans Strassen
Auf Pakistans Strassen brennen wieder Flaggen http://www.20min.ch/news/ausland/story/Nun-geht-es-los-mit-den-Anti-Schweiz-Demos-10767611
digital-transducer 18.01.2010
3. ja
schöne volkskunst, und interessant. es gibt verschiedene formen von kunst, dekorativ ist gut, auch wenn das malen auf leinwand anderster ist, ist die bemalung von einem lkw interessant.
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