Palast der Republik Gipfel der Kreativität

Schwimmen im Bergsee, Frühstück im Bikini - auf dem Schlossplatz machen Berliner alpinen Urlaub in der Stadt. Oder sie besteigen einen künstlichen Berg im Palast der Republik und schlafen im Gasthof Bergkristall. Kurz vor dem Abriss wird die Ruine noch einmal zum Abenteuer-Spielplatz.

Von Antonia Götsch


"Der Berg"-Installation: Gipfeltreffen mit Humor
David Baltzer

"Der Berg"-Installation: Gipfeltreffen mit Humor

Berlin - Schon von weitem ist der Mann in der Badehose zu sehen. Er steht auf einer Plattform vor dem Palast der Republik und duscht. Ein Bild zum zweimal Hinsehen und Lächeln. Mitten in Berlin, zwischen den historischen Gebäuden der Museumsinsel und dem Verkehrsknoten rund um den Alexanderplatz, ein halber Nackedei, der in den Bergsee springt.

Das Wasserbecken ist ein mit Folie ausgekleideter Müllcontainer und gehört zum Gasthof Bergkristall. Strahlend weiß steht die kleine Pension vor dem großen bronzefarbenen Palast, durch dessen Dach ein 44 Meter hoher Berg aus Gerüst und eisweißer Plastikfolie stößt. "Der Berg" ist das letzte Projekt der Zwischennutzungsinitiative "Volkspalast", bevor das Gebäude am Jahresende abgerissen wird.

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Berliner Berg-Werk: Ein Spaß für Aufsteiger

Fast majestätisch erhebt er sich im Palastinneren, auch wenn er an seiner Südseite in Betonschrift frech behauptet: "Ceci n'est pas une montagne" - dies ist kein Berg. Blau beleuchtet strahlt das tausendkantige Massiv aus 7000 Quadratmetern Folie, die auf 80 Tonnen Stahlgerüst geklebt ist. Ein heller Kontrast zum freigeklopften, rostigen Stahlskelett des Volkspalasts und den blinden Fenstern, die mit einem milchigen Film überzogen sind. Der Südhang ergießt sich auf die Ränge des großen Saales. Hier gab es Konzerte, hier fanden die Parteitage der SED, FDJ-Veranstaltungen und Kongresse statt.

Auf einer Stahlbrücke schwebt der Besucher vier Meter über den hölzernen Bankreihen, auf die einst 4800 Sitze geschraubt waren. Irgendwo zwischen Berggipfel und Schluchten ruft jemand "Hallo". Aus einer anderen Richtung ist Regine Hildebrandt zu hören. Die Lautsprecher an der Decke fallen zwischen den Überresten der abmontierten technischen Anlagen zunächst gar nicht auf. Die Volkskammer erklärt auf Tonband noch einmal den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich der BRD, eine Tonmontage, die von 15 Jahren Geschichte im Palast der Republik erzählt. Eingeklemmt zwischen den Holzrängen und dem 30 Meter hohen Dach unterstreicht der Berg die räumliche Größe, die faszinierende Monströsität der Ruine.

Holzkisten mit Panoramablick

Der Gasthof vor der Tür sieht aus, wie aus dem Massiv heraus gebrochen, ein weißer, stacheliger Bergkristall. Jedes der vier Zimmer ist anders geschnitten, verwinkelte Schlafgrotten, die der Gast wie ein Höhlenforscher bezieht. Der "Palast-Raum" wirkt zunächst wie eine Gletscherspalte, über zwei Matratzen nur eine Armlänge Platz. Das Zimmer ist kaum breiter als das provisorische Bett. Ist man am Fußende jedoch erst einmal vorbei gekrochen, öffnet sich der Raum nach oben wie eine Kapelle, die durch ein Deckenfenster mit Licht geflutet wird. In der rechten Fensterecke ist ein Stück Palast zu sehen. Die verputzten Wände und die weiß gestrichene Tür machen fast vergessen, dass es sich lediglich um eine Holzkiste handelt.

Zwei Architekten vom Raumlabor Berlin und 15 Studenten haben das provisorische Minihotel in zwei Wochen errichtet. Zuerst das Baugerüst, dann die Holzkisten-Zimmer mit Fenstern aus Plastik oder Moskitonetz. Die weißen Planen über dem Rohbau verkleiden den Gasthof als Kristall.

Volker Kohles hat die Nacht im "Panorama-Zimmer" zum Geburtstag bekommen. Der ganze Raum ist auf das 1,50 Meter breite und 60 Zentimeter hohe Fenster ausgerichtet, hinter dem Parkplatz erhebt sich Berlins historische Innenstadt: das Zeughaus, die Alte Nationalgalerie, der Berliner Dom und das Kronprinzessinnenpalais. "Wahnsinns-Aussicht", sagt Kohles, "das wird eine Nacht, an die ich mich bestimmt erinnern werde."

Übernachten als Teil der Inszenierung

"Ich und der Palast" - mit diesem individuellen Bild sollen die Gäste nach Hause gehen, erklärt Markus Bader vom Raumlabor. "Die Schlafgäste werden Teil einer Inszenierung, ganz ohne Führung." Sie sollen den Raum mitten in der Stadt einnehmen. So wie der Mann, der am Freitagabend einfach nur zum Grillen vorbeikommt. Mit Gurkensalat und Schaschlik will sich der 42-jährige Simon Frank "die Stadt ein Stück zurückerobern". Oder wie die Bewohner des "Schinkel-Zimmers", die nach einem ausgiebigen Bad im Bergsee in Badehose und Bikini auf dem Schlossplatz sitzen.

Fassade des Palasts der Republik: Faszinierendes Monstrum
David Baltzer

Fassade des Palasts der Republik: Faszinierendes Monstrum

Cornelis Hähnel und Sebastian Schemann haben kein Zimmer mehr bekommen. Sie haben Schlafsäcke mitgebracht und wollen im Bergcamp übernachten, einem Zeltplatz gleich neben dem Gasthof. Wie auf einer Openair-Bühne, drei Meter hoch, stehen Iglu-Zelte auf einem Gerüst. Eine Etage darunter, knapp über dem Boden, reihen sich noch einmal acht Iglus aneinander. Hähnel wohnt gerade mal einen Kilometer entfernt, im Junge-Leute-Stadtteil Prenzlauer Berg. "Ist doch verrückt, einfach mal auf einem Platz mitten in der Stadt zu schlafen, schön verrückt", erklärt er seinen Ausflug. Mit einer Freundin haben sich Hähnel und Schemann um zehn Uhr für einen Aufstieg am Berg verabredet.

Rosa Kuchenbecker wartet an der Talstation im Palast allerdings vergeblich auf ihre Freunde. Die haben vergessen, früh genug ihre Eintrittskarten für den Aufstieg zu kaufen. Egal, am Berg findet sie schnell neue Bekannte. "Stellt euch einander schon mal vor", weist eine Reiseleiterin von "Josef Ziege Reisen" die Klettergäste an.

Drei Wanderwege stehen zur Auswahl: Der Philosophenweg, der schweigend begangen wird und mit einem philosophischem Erfahrungsaustausch bei einem Glas Tee endet. Der Pilgerweg, der religiöse Erleuchtung durch "Chips of Peace" verheißt, selbst gemachten Pommes, die während einer Segnungs-Zeremonie frittiert werden. Kuchenbecker entscheidet sich für die dritte Tour - den Bergsteigerweg. Schließlich soll hier echt alpine Stimmung aufkommen; acht Architektenbüros haben die Stationen des Wanderweges entworfen.

"Alles einsteigen, bitte!" Ein Bus fährt die Bergsteiger zum Hochplateau. Kurve für Kurve schraubt er sich nach oben. Plötzlich knallt ein Fantasie-Monster - ein Wolfs-Ziegenbock - durch die Frontscheibe. "Ich habe doch gesagt, dass so eine Tour gefährlich wird", mault der Busfahrer. Durch die Dachluke verlassen die erschrockenen Fahrgäste den kaputten Bus, der eigentlich eine Bretterbude ist, mit Holzbänken und einer Windschutzscheibe aus Pergamentpapier.

Zelte vor dem Palast: "Schön verrückt"
David Baltzer

Zelte vor dem Palast: "Schön verrückt"

"Oanseilen", befielt die Bergführerin in Tirolerdeutsch. "Alles höart auf mein Kommando." Im Gänsemarsch erklimmt die Seilschaft den Steilhang über Treppen, eine hölzerne Felsspalte und ein Klettergerüst. Knapp über der Baumgrenze, die im Palast bei etwa 15 Metern liegt, gibt es eine Rast und Alufolie für die Nasen - die Sonne knallt in diesen Höhen. Noch vor dem ersten Pass, verabschiedet sich die Bergführerin plötzlich: "Ihr seid's deitsch, ihr braucht's jetzt koanen Führer mehr."

Immerhin hinterlässt sie eine Wanderkarte, und gemeinsam ist der Weg schnell gefunden. Es geht vorbei an einem Poster-Panorama, das augenzwinkernd verkündet: "Das Bergsteigen wird durch die Existenz von Bergen sehr erschwert."

Toben im Gerippe einer Diktatur

Dafür ist der Ausblick vom Gipfel atemberaubend: Glitzernder Schnee, auf einem Berg gegenüber tanzt Michael Jackson. Im Tal sitzen Wanderer vor einer Pizzabude. Die Kraxler oben müssen noch eine gruppendynamische Aufgabe erledigen: Mit zusammengebundenen Füßen schlurfen sie so schnell es geht durch einen Stofftunnel mit welligem Boden und weißen Ikea-Kinderparadies-Bällen. 50 Sekunden liegen weit über dem Rekord. Trotzdem trennt sich die Seilschaft gut gelaunt und herzlich, schließlich schweißt so eine Extremtour zusammen.

Die Schnitzeljagd am Plastikberg ist kein tiefschürfendes Kunsterlebnis, aber ein unterhaltsamer Spaß. Erwachsene spielen in der riesigen Ruine des Palasts der Republik, toben im stählernen Gerippe einer Diktatur, in den Resten von Erichs protzigem Lampenladen.

"Es gibt keine Debatten, keine Alternativen und keine Fassadengestaltungsprojektionssehnsüchte mehr. Hier steht der Berg als Antwort auf eine Frage, die ohnehin nie gestellt worden ist", schreiben die Initiatoren in ihrem Programm. In jedem Fall ist ihr Berg mächtig. Noch ruft er. Bald ist er Schnee von gestern.



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