Pannen-TV Videosehen macht Freude

Vorhersehbar, billig und niveaulos: Nach Jahren der Funkstille werden wir im Fernsehen plötzlich wieder von Homevideo-Shows mit Pleiten, Pech und Pannen überrollt. Aber ist der Erfolg von Pannenshows wie "Upps!" (RTL) und "Ätsch!" (Super RTL) wirklich ein Wunder?

Von Peer Schader


Es ist nicht so, daß Dennie Klose keine Erfahrung hätte. Er ist bei der evangelischen Kirchengemeinde Haiger-Sechshelden aufgetreten, bei einer Geburtstagsfeier in Einbeck und beim Comedy Mix zum Tag der Zeitung im Parktheater Iserlohn und ist immerhin mal bei "Star Search" auf Sat.1 im Achtelfinale rausgeflogen. Es ist nur so: Er kann nicht moderieren. Gar nicht. Er macht es trotzdem. Wandert im Fernsehen immerzu von der einen Ecke des Bildschirms in die andere, faltet die Hände wie ein Konfirmand zum Dreieck, und wenn er einen ironisch gemeinten Satz betonen will, schlägt er Kanten in unsichtbare Kissen.

RTL-Moderatoren Göpel, Beerhenke ("Upps! Die Superpannenshow"): Marktanteil von bis zu 30 Prozent
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RTL-Moderatoren Göpel, Beerhenke ("Upps! Die Superpannenshow"): Marktanteil von bis zu 30 Prozent

Beim ersten Mal hält man das für eine Parodie. Aber nur beim ersten Mal. Und doch ist Dennie Klose mitverantwortlich für den vielleicht größten Zuschauererfolg, den der Kinder- und Familiensender Super RTL je hatte.

Rutscht ein Kind vom Dreirad...

Seit vergangenem Jahr moderiert er "Upps! Die Pannenshow", in der Homevideos laufen, die der Papa oder die Tante auf dem Geburtstag vom Opa oder in den Ferien mit den Kleinen aufgenommen hat. Verwackelte, unscharfe Filme, die zusammengeschnitten oft nicht mehr als ein paar Sekunden dauern und in denen Bräute, Kinder, Tiere, Fahrradfahrer und Wasserskiläufer in Miniunfälle verwickelt werden, in denen Schaukeln, Tischdecken, aufblasbare Plantschbecken, Gebisse, Trampoline und Bälle wesentliche Rollen spielen. Die Show sortiert sie in die Rubriken "Menschenskinder", "Volle Panne" und "Es lebe der Sport". Wenn wieder jemand ausgerutscht, hingefallen, weggeschlittert von irgendwas heruntergeplumpst ist, kommt ein Lacher aus der Konserve. Im Trailer zu "Upps!" guckt Klose dann ganz verschmitzt und sagt: "Upps!" Oder: "Autsch!" Oder: "Das tat weh!" Am Anfang der Sendung scherzt er: "Augen auf und losgelacht!" Später verabschiedet er sich mit: "Tschüß und auf Videosehen!"

Eigentlich schien diese Art Sendung ausgestorben zu sein, seit RTL 2 Ende der neunziger Jahre "Bitte lächeln" absetzte und das Erste "Pleiten, Pech und Pannen" und Max Schautzer einmottete. Danach war ein paar Jahre Ruhe. Bis "Upps!" kam. Im Sommer sendete Super RTL zunächst zwei Pilotsendungen. "Ich hab's erst gar nicht geglaubt, als ich morgens ins Büro gekommen bin", erinnert sich Carsten Göttel, Programmdirektor von Super RTL: Die erste Sendung schaffte einen Marktanteil von neun Prozent in der wichtigen Zielgruppe der 14- bis 49jährigen. Die zweite über zwölf Prozent - zur wichtigsten Zeit im deutschen Fernsehen, um 20.15 Uhr! Sonst schafft Super RTL da etwas mehr als zwei Prozent. Seit September kommt "Upps!" jeden Donnerstag und beschert dem Sender durchschnittlich fast zehn Prozent.

Mitte Dezember lief "Upps!" plötzlich auch als "Upps! Die Superpannenshow" bei RTL. Nicht mit Dennie Klose, aber mit Andrea Göpel (RTL-Fachfrau für die Sonntagnachmittag-Show "Mein Garten") und Oliver Beerhenke (ebenfalls Ex-"Star Search"), die Klose an Moderationstalentlosigkeit in nichts nachstehen. Und das auf einem der aktuell profiliertesten RTL-Sendeplätze: am Samstag um 22.45 Uhr, gleich nach "Deutschland sucht den Superstar", direkt vor der Entscheidungsshow - und vorige Woche mit einem unfaßbaren Marktanteil von beinahe dreißig Prozent. Fast jeder dritte 14- bis 49jährige, der zu dieser Zeit vor dem Fernseher saß, hat sich angesehen, wie Kinder von ihren Dreirädern plumpsten, Tanzpaare mit zuviel Schwung aufs Parkett krachten und Männer jeglichen Alters sich mit verschiedensten Hilfsmitteln dort verletzten, wo es am meisten weh tut. Unglaublich, oder?

Eigentlich nicht, findet Super-RTL-Programmchef Göttel: "Je schwerer die Zeiten sind, desto mehr einfache Unterhaltung wollen die Zuschauer." RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger sagt: "Die Zuschauer wollen einfach nur eine Stunde lachen. Das ist klassisches ,Light Entertainment'."

Verliert eine Oma ihr Gebiß...

Und so passiert, was immer passiert: Seit Anfang Januar sendet auch RTL 2 wieder eine Pannenshow: "Bitte lachen", montags bis freitags um 17 Uhr, moderiert von Gerlinde Jänicke, die für RTL 2 vor Jahren mal irgendeine Komoderation gemacht hat. Kabel 1 zeigt seit vergangener Woche jeden Werktag um 19.45 Uhr die "ClipCharts" mit einem animierten Eisbären namens Eddie Cool. Gegen "Upps!" sendet Kabel 1 am Donnerstagabend die neue Homevideo-Show "Mitgelacht!", in der mit Ex-"taff"-Moderatorin Miriam Pielhau ausnahmsweise mal jemand moderiert, der was davon versteht (jedoch versucht, es sich nicht immer anmerken zu lassen). Dazu kommen ungezählte Formate wie "Ätsch! Die Kamerafalle" (Super RTL) und eine inflationäre Zahl von Sendungen, in denen "lustigste" Werbespots gezeigt werden.

"Es ist meistens so, daß einstmals beliebte Formate, die länger nicht ausgestrahlt wurden, nach einiger Zeit beim Publikum wieder ankommen", erklärt Kabel-1-Programmchef Thilo Proff den Hype. Barbara Schüßler, Geschäftsführerin vom "Upps!"-Produzenten Straßenfeger, sagt, worauf es ankomme: "Die Clips müssen leicht verständlich sein. Gleich nach dem Einstieg soll der Zuschauer wissen: Wo bin ich, und was passiert gleich? Außerdem ist es wichtig, das Tempo zu halten." Und woher wissen die Produzenten, was die Zuschauer lustig finden? Einfach: "Man schaut sich die Clips an, und wenn alle lachen, kommt es in die Show", sagt Schüßler. Na ja: fast alles. Die Regel in der Branche lautet: Jeder, der hinfällt, muß auch wieder aufstehen.

Daß die Moderatoren der Pannenshows keine Profis sind, halten die Macher für verschmerzbar. "Der Moderator kann auch unbekannt sein", sagt Göttel. "In der ,Upps!'-Neujahrssendung haben wir Zuschauer moderieren lassen. Das hat prima funktioniert." Der Moderator gebe den Zuschauern bloß Orientierung und müsse halt zur Sendung passen. Die "Upps!"- Macher legen statt dessen Wert auf den Witz der Voice-Over-Kommentare. Dafür ist Sprecher Monty Arnold zuständig. Zu einem Clip, in dem ein Fisch aus dem Wasser direkt auf den Teller eines Anglers springt, sagt Arnold: "Je länger ich diese Sendung mache, desto weniger verstehe ich die Fische." Ein amerikanischer Junge, der vom Baum fällt, wird kurzerhand "Werner" getauft. Und die Hüpfparade eines von Urlaubern gefilmten Känguruhs kommentiert Arnold mit den Worten: "Dieser Staubsaugerbeutelvertreter macht eben die A7 bei Ottental unsicher."

Acht Redakteure und Cutter arbeiten bei Straßenfeger an "Upps!". 540 Clips kommen in jeder neuen Folge vor, schätzt Schüßler und erklärt: "Im Durchschnitt ist nur jeder zwanzigste, den wir uns ansehen, auch verwertbar." Das Material stammt derzeit ausschließlich von der Disney-Tochter Buenavista, die unzählige solcher Pannen archiviert hat, die in den Vereinigten Staaten im Dauerbrenner "Americas Funniest Home Videos" zu sehen sind. Disney wiederum ist Gesellschafter bei Super RTL - der Erfolg bleibt also in der Familie. Andere Sender kaufen Clip-Pakete aus Rußland, Skandinavien oder England - oft mit uralten Clips, in denen unten am Bildrand die Aufnahmedaten zu lesen sind: "21.12.1991", "Nov 20 1994", "Dec 3097". Dazu fordern die Sender ihre Zuschauer auf, eigene Clips einzuschicken. Ausgestrahlte Pannen werden mit 50 bis 200 Euro belohnt.

Fällt ein Mann von der Leiter...

Wer nun hofft, sich bei der nächsten Silberhochzeit im Familienkreis mit der Kamera ein kleines Zubrot verdienen zu können, sollte allerdings genau auf das Kleingedruckte achten. Bei RTL müssen Einsender zweieinhalbseitige "Allgemeine Bedingungen" unterschreiben, mit denen dem Sender das "unwiderrufliche Recht" eingeräumt wird, Videos "zeitlich, örtlich und inhaltlich uneingeschränkt" zu nutzen und zu verbreiten, per DVD genauso wie per UMTS. Dazu soll der Einsender "garantieren", "daß die an den Aufnahmen Beteiligten auch zu einem späteren Zeitpunkt mit der Veröffentlichung der komischen (verspottenden) Situation einverstanden sind." Dafür gibt es eine "pauschale Vergütung in Höhe von Euro 200,00". RTL-Unterhaltungschef Sänger sagt dazu: "Wenn die Leute schon soviel Spaß daran hatten, eine Panne auf Video aufzunehmen, und das vielleicht auch im Familienkreis öfter gezeigt haben, wäre es ja schade, wenn es anderen vorenthalten bliebe." Und was zählt schon der Familienfriede im Vergleich zur Chance, eine ewige Dauerschleife im Fernsehen zu werden?

Und doch bleibt er ein Rätsel, dieser gewaltige Erfolg, so vorhersehbar, billig, niveaulos, wie diese Clips daherkommen. Okay, bis auf diesen irre lustigen Film, in dem Leute sich selbst beim Schreikrampf in der Achterbahn gefilmt haben. Ach, und die Oma, der beim Kerzenausblasen das Gebiß gleich zweimal in die Torte fällt! Hey, und natürlich der kleine Junge in der Singstunde, dem zentimeterlang die Rotze aus der Nase läuft. Und diese Wahnsinnsszene, in der...


SPIEGEL ONLINE hat den Text mit freundlicher Genehmigung der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" übernommen. Die von der "FAS" gepflegte alte Rechtschreibung haben wir beibehalten.



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