"Paparazzi!"-Schau Das große Gaffen und Bluffen

George Bush ballert auf ein Putin-Plakat, die Queen liest auf dem Klo, und David Beckham brät Fischstäbchen in Unterhose? Die gestellten Fotos von Alison Jackson sind jetzt in Deutschland zu sehen - dazu echte Paparazzi-Bilder echter Promis.


Prinzessin Di scheint ihren Mann Charles beim Geturtel mit Camilla zu ertappen. George Bush verzweifelt über der vertrackten Logik eines Zauberwürfels. Und die Queen verrichtet mit heruntergezogenem Höschen ihr Geschäft, dabei ein Hochglanzmagazin durchblätternd.

Der Blick in die Privatsphäre der Promis entstammt der Fantasie der britischen Künstlerin Alison Jackson, 44. Wie in ihren anderen Arbeiten auch hat sie sich Promi-Doppelgänger vor die Kamera geholt.

Einige von Jacksons Paraphrasen sind ab Freitag in der Ausstellung "Paparazzi!" in der Frankfurter Schirn zu sehen, bei der es nicht nur um die professionellen Promibild-Jäger geht. Sondern auch um das, was Paparazzi in der Kunst auslösen. Jackson verpasst ihren Bildern zwar manchmal die Ästhetik dubios erhaschter Schnappschüsse, immer aber sind es aufwendig im Studio konstruierte Fiktionen.

So hat Jackson etwa auch die Beckhams inszeniert: David und Victoria allein zu Haus. Auf dem Küchen-Fernseher läuft Fußball. Sie kokettiert in High Heels am Spültresen. Er trägt nichts als seine Tattoos, einen weißen Slip, Ofenhandschuhe in Pink - und ein Blech voller Fischstäbchen.

Ihre Celebrity-Phantasmen sind mitunter dreist, zielen aber nicht darauf, die Promis ins Lächerliche zu ziehen. Abgesehen hat es Jackson eher auf normale Leute. "In meinen Arbeiten", sagte die Künstlerin SPIEGEL ONLINE, "geht es darum, dass wir diese Menschen auf intime Weise zu kennen meinen. In Wirklichkeit aber kennen wir nur Bilder von ihnen und Geschichten, die ausgedacht und konstruiert sein können: von Agenten, den Medien oder den Prominenten selbst."

Jemand wie David Beckham könne ja jederzeit ins Fotostudio gehen und dort acht verschiedene Storys über sich konstruieren lassen: "als großartiger Vater, als Schwulenikone oder als Fußballer, der stylish wie ein Model quer durch Brasilien gondelt. Und in Wirklichkeit wissen wir überhaupt nicht, wie sein Alltag aussieht."

Der Tod von Diana als Karrierebeginn

Jackson, aufgewachsen in einer reichen Landbesitzerfamilie in Gloucestershire, spricht leicht versnobt wirkendes Oxford-Englisch. Was sie aber sagt, ist offen und unprätentiös. So erzählt sie, dass es der Tod von Prinzessin Diana war, der ihre künstlerische Arbeit voranbrachte. Sie hatte am Londoner Chelsea College of Arts Bildhauerei studiert und sich bereits damit beschäftigt, wie Fotografien Menschen in Objekte verwandeln, als sie 1997 von der ungeheuren öffentlichen Trauer, die London lahmlegte, überrascht wurde.

"Ich wusste nicht sehr viel über Di, und doch war die Geschichte tief in meine Psyche eingesickert. Wir alle waren so gebannt von dem Bild, das wir von ihr hatten, dass ich dachte: Wenn ich jetzt ein Foto mache mit einem Diana-Double, würde es überhaupt jemand merken, dass es nicht sie ist?"

So produzierte sie ein Bild mit Doppelgängern von Di, Dodi und einem Baby, das ihr gemeinsames hätte sein können. "Waren sie verliebt? Hätten sie geheiratet? War sie schwanger und wurde sie deshalb umgebracht? Das ging durch die Köpfe der Leute. Und genau das wollte ich mit meinem Bild ausdrücken."

Das Bild machte Furore, seither ist Jacksons fiktiver Fotoklatsch in Galerien und Museen gefragt. Anfangs heuchelten gerade jene Medien Empörung, die sonst gern von indiskreten Bildern profitieren. Heute sind nahezu alle einverstanden mit ihren Direktbelichtungen der kollektiven Imaginationen.

Wie aber reagieren die unfreiwillig Gedoubelten? "Keine Ahnung", sagt Jackson. "Mich interessieren ja nur die Bilder, die wir von ihnen haben, nicht die Promis selbst." Manche seien vielleicht verärgert. "Aber ich bin noch nie verklagt worden und werde es hoffentlich auch nie."

Mehr Gedanken macht sich Jackson über das Casting der Doppelgänger. Für das Shooting, bei dem etwa das Bild der Queen entstand, die andächtig die Windeln von Baby George inspiziert, musste sie acht ähnlich aussehende Babys buchen. Schließlich schreien sie lieber, denn als Hoffnungsträger der Monarchie zu posieren.

Neuerdings kombiniert Jackson auch reale Prominente mit falschen: so etwa Elton John mit einer Doppelgängerin der Queen. Auf dem Foto, erzählt Jackson, sah Elizabeth II. täuschend echt aus, während der Popstar, den sie nicht im richtigen Winkel erwischt hatte, kaum zu erkennen war.

Nebenbei sucht Jackson übrigens auch nach einem Doppelgänger für sich selbst. Einige Kandidaten hat sie schon getroffen: "Die sind allerdings manchmal viel hübscher und schlauer als man selbst, und das ist ziemlich erschreckend."

Gerne aber wäre sie vermutlich von einem Lookalike vertreten gewesen, als sie auf der Straße einen Doppelgänger von Nicolas Cage entdeckte. Sie ging auf den Mann zu und machte ihm Komplemente. Er sei ein großartiges Double. Doch der Mann wurde immer ärgerlicher, war genervt von Jackson. Der Mann war kein Lookalike, es war Cage selbst.


Paparazzi! Fotografen, Stars und Künstler. Vom 27. Juni bis 12. Oktober in der Schirn Kunsthalle.

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