Jugendwerke von Künstlern Papa in Pink

Erkennt man Talent schon in Zeichnungen von Kindern? Dieser Frage geht die Ausstellung "Paperworlds" mit Kinder- und Jugendzeichnungen zeitgenössischer, heute bekannter Künstler in der Berliner Sammlung "me" nach.


Man kann darüber streiten, ob es Symptom für elterlichen Narzissmus ist oder lediglich Dokumentation der Entwicklung eines Kindes, wenn die Zeichnungen der Sprösslinge von den Eltern sorgfältig archiviert werden. Nicht jedes Kind hat ein großes künstlerisches Talent, auch wenn Eltern oft von der Genialität des Nachwuchses überzeugt sind (was ja besser ist als das Gegenteil), aber manche werden tatsächlich sehr erfolgreiche Künstler. Das zeigt jetzt eine Ausstellung im Collectors Room "me" in Berlin, die die beiden Kuratorinnen Valeska Hageney und Sylvia Volz zusammengestellt haben.

Die Schau mit rund 60 Bildern von 19 bekannten Künstlern - darunter Norbert Bisky, John Bock, Uwe Henneken, Michael Kunze, Olaf Holzapfel, Michael Sailstorfer, Via Lewandowsky, Jonathan Meese, Katja Strunz oder Ralf Ziervogel - zeigt Zeichnungen und Bilder, die im Alter zwischen 3 und 14 Jahren entstanden sind. Das älteste und kleinste Blatt, von Rosemarie Trockel vor 58 Jahren gezeichnet, hat ihre Mutter mit "Rosi, 3 Jahre" bezeichnet.

Ansonsten sind auf den Blättern Phantasiewelten, Porträts von Papa, Mama, von Freunden oder Idolen, von Spielzeug oder Tieren zu sehen, auch Selbstporträts, außerdem Häuser und Landschaften, Ritter, Helden und Bösewichte in Kämpfen zu Land und zu Wasser, mit Degen, Messern oder Gewehren. Hageney und Volz haben die Exponate zu den Themen "Porträt und Selbstporträt", "Stadt Land Fluss" und "Krieg und Frieden" zusammengefasst, andere hängen in Vitrinen und im Treppenaufgang.

Malerei als Rückzug und als Phantasiewelt

Dort geht es mit Katja Strunz' "Urwald" los, den sie 1982 als Zwölfjährige gemalt hat. Tarzan, der in der Mitte grün umrahmt auf einem Elefanten sitzt, wird von dichten bunten Phantasiepflanzen dicht umrankt. Als Kind sei Malen für sie eine Art Rückzug gewesen, sagt Strunz, trotzdem habe sie statt Künstlerin lieber Musikregisseurin werden wollen. Uwe Hennecken wäre am liebsten Archäologe geworden. Dabei hat er schon als Siebenjähriger viel Phantasie bewiesen, als er sich an seinem ersten Schultag von hinten porträtierte, weil der rote Schulranzen so wichtig war - oder auch, wenn er einem Mädchen Bäume aus den Ohren wachsen ließ.

Vom vierjährigen Olaf Holzapfel ist sein Teddybär zu sehen und nebenan ein Alexanderplatz-Bild, in das der Sechsjährige den Mercedes-Stern hineinmalte, der sich allerdings nur im Westen auf dem Dach des Europa-Centers drehte. Via Lewandowsky zeichnete mit vier einen Osterhasen, dessen Körperteile nicht ganz zusammenpassen. Von ihm sind auch zwei Blätter von 1968: "Was ich mir alles zu Weihnachten wünsche" steht auf dem einen: einen Indianer mit Gürtel, ein Indianerzelt, Pistole, Gewehr und Kofferradio - was er bekam, steht auf dem anderen Blatt: einen Affen, einen Rennwagen und eine Eisenbahn.

Väter auf Kästchenpapier und Baumscheibe

Ralf Ziervogel, mit zwölf ein großer Rambo-Fan, zeichnete drei Rambo-Filmplakate mit Porträt, Schrift und kleinen Folter- und Kampfszenen. Zarter fiel das Vater-Bild des Zehnjährigen auf Kästchenpapier aus, was allerdings der sechsjährige Michael Sailstorfer mit seinem geschnitzten und pink-bemalten "Papa"-Porträt auf einer Baumscheibe toppt. Zu Weihnachten 1984 hatte er von seinem Vater, einem Bildhauer, Schnitzwerkzeug bekommen, das er in dessen Werkstatt ausprobierte. Dabei entstand das Porträt, das bis heute über dem Sessel des Vaters hängt. Natürlich habe der ihn gefördert, sagt Sailstorfer. Aber "man will ja einfach nur das Gleiche wie die Erwachsenen machen, also imitiert man sie".

Davon kann bei John Bock nicht die Rede sein, dessen Eltern wohl kaum so krasse Gedichte wie ihr Filius geschrieben haben. In "Der Rocksänger" schreibt Bock z.B. eine gereimte Geschichte ohne Happy End auf und versieht sie am Ende mit einem Porträt. So etwas hätte man eigentlich von Jonathan Meese erwartet, dessen Hütchenfest niedlich wirkt und dessen Lindwurm harmlos aussieht, besonders zwischen einem Bombardement von Tal R und der Seeschlacht mit brennendem Schiff des siebenjährigen Michael Kunze, dessen Perry-Rhodan-Weltraumkampf auch recht drastisch ist.

Ziemlich ernsthaft geht Norbert Bisky die Kunst an: Mit 8 Jahren zeichnet er eine Militärparade, mit 10 den Tagebau, mit 11 eine Berglandschaft, mit 14 "Unsere Heimat" und ein Hiddensee-Bild. Dagegen kommt einem der sechsjährige Axel Geis, dessen Pudel beim Friseur auf dem Stuhl sitzt und sich im Spiegel ansieht, wie ein surrealer Phantast vor. Ob er das geblieben ist und wie Norbert Bisky heute malt, kann man in der Ausstellung in den ausliegenden aktuellen Katalogen der Künstler nachsehen.


Paperworlds. Berlin, me Collectors Room. 21.1.-6.4.



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chirug 21.01.2014
1. Meese
Über das Niveau seiner Kinderzeichnung ist der vollständig überschätzte Jonathan Meese leider bis heute nicht hinaus. Andererseits, sollte in der Kunst wirklich alles "erlaubt" und Infantilität ein Stilmittel sein, dann hat der Mann zumindest ein wirtschaftliches und von korrumpierbaren Galeristen gefördertes Geschäftsmodell. Das wiederum ist ja auch eine Form der Kunst.
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