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Papstsatire: MTV zeigt nur eine Folge "Popetown"

Der Musiksender MTV will vorerst nur eine Folge der umstrittenen Papstsatire "Popetown" ausstrahlen - eingebettet in eine Live-Diskussionsrunde. Die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen hatte die Cartoon-Serie zuvor als unbedenklich eingestuft.

Berlin - Die erste und vorerst einzige Folge der Serie laufe am 3. Mai um 21.30 Uhr, teilte MTV Networks mit. Danach solle es eine Diskussion über das Format geben. MTV werde die Reaktionen berücksichtigen und dann entscheiden, ob weitere Episoden ausgestrahlt werden.

Szene aus "Popetown": "Keine ernsthafte Kritik"
DPA/ MTV/ BBC

Szene aus "Popetown": "Keine ernsthafte Kritik"

Die Ausstrahlung finde im Rahmen einer Live-Diskussionsrunde im Berliner MTV-Studio statt, in der sich Vertreter kirchlicher Organisationen, der Politik, der Medien, der Kulturszene und Zuschauer mit dem Thema befassen. Das Publikum sei aufgerufen, sich während und nach der Sendung online (mtv.de/popetown) und per Telefon an der TV-Diskussion zu beteiligen und seine Meinung zu dem Format zu äußern, "über das zwar viel gesprochen wird, das aber noch nicht viele gesehen haben".

Die von der Erzdiözese München geforderte Unterlassunsverpflichtungserklärung sei nach "eingehender Prüfung" nicht unterzeichnet worden.

Die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) hatte zuvor bekannt gegeben, dass sie keine Gründe für ein Ausstrahlungsverbot sehe. Von den drei vom Sender eingereichten synchronisierten Folgen habe der Kontrollausschuss eine für das Nachmittagsprogramm und zwei für das Abendprogramm ab 20.00 Uhr freigegeben, sagte FSF-Geschäftsführer Joachim von Gottberg. 

Die FSF sah laut Gottberg bei ihrer Prüfung der ersten drei Episoden keine thematischen Bezüge zu realen Vorgängen in der Kirche. Mit der Entscheidung, zwei Folgen erst nach 20.00 Uhr ausstrahlen zu lassen, wolle das Gremium gleichsam verhindern, dass Kinder unter zwölf Jahren womöglich den ironischen Charakter der Sendung nicht erkennen und die Geschichten als reale Kritik missverstehen könnten.

Den Rahmen für die Geschichten um einen laut MTV "durchgeknallten Papst" und einen "kriminellen Kardinal" bildet eine Schulstunde. Während der Lehrer den Religionsunterricht bestreitet, zeichnet ein Junge die Figuren in sein Heft. Die Kamera geht dann in das Heft hinein und zeigt die von dem Schüler erdachten Geschichten. Damit würden die Episoden als "eindeutig Fiktion" gezeigt, sie seien "keine ernsthafte Kritik", sagte Gottberg.

Er betonte zugleich, er könne verstehen, dass sich Menschen durch die Sendung in ihren religiösen Gefühlen verletzt sähen. Der Streit darüber gehöre jedoch zum gesellschaftlichen Diskurs. Gründe für ein Verbot lägen damit noch nicht vor.

Der Streit um die Serie gerät dennoch immer mehr zum Politikum. Der medienpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Jörg Tauss, warf heute Bayerns CSU-Fraktionschef Joachim Herrmann vor, seine Strafanzeige gegen die Printwerbung für die Serie sei "Populismus". Die Sendung sei zwar eine "grobe Geschmacklosigkeit". Die Strafanzeige sei jedoch ein " Versuch der CSU, sich ihrer Klientel gegenüber anzubiedern und mit dieser symbolischen Anzeige Punkte zu sammeln".

Herrmann hatte gestern Strafanzeige gegen MTV wegen der Printwerbung für die Sendung gestellt. Das Motiv zeigte einen vom Kreuz gestiegenen, lachenden Jesus vor dem Fernseher. Das Bild war mit "Lachen statt rumhängen" überschrieben. Nach heftigen Protesten hatte MTV die Anzeige vor zwei Wochen zurückgezogen.

FDP-Medienexperte Christoph Waitz warnte vor einer "Aufregung um nichts". Auf dem Plakat sei außer dem sprachlichen Bezug auf die Kreuzigung Christi "keine inhaltliche Verunglimpfung oder Beleidigung irgendwelcher religiösen Inhalte erkennbar". Statt Strafanzeige solle eher der Deutsche Werberat über die Anzeige befinden.

Ein MTV-Sprecher bekräftigte heute, dass der Sender bedauere, mit der Kampagne Emotionen geschürt zu haben. Zwar sei das Unternehmen nach wie vor der Ansicht, dass das Motiv rechtlich nicht zu beanstanden sei. Der Sender wolle jedoch die emotionale Kontroverse nicht verstärken. Deshalb habe er auf weitere Werbemaßnahmen verzichtet.

bor/ddp

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