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S.P.O.N. - Oben und unten: Behutsam die Fresse halten

Eine Kolumne von

Ein Herz in den Farben der Trikolore vor der französischen Botschaft in Berlin Zur Großansicht
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Ein Herz in den Farben der Trikolore vor der französischen Botschaft in Berlin

Gegen den Terror Champagner trinken? Mandarinen essen? Beten? Das ist alles okay. Wenn wir uns gegenseitig vorschreiben, wie wir trauern sollen, hat die Angst schon gewonnen.

Manchmal scheint es das Drama der Welt zu sein, dass nicht alle Menschen so sein können wie Helge Schneider. Dass nicht alle im Angesicht des Terrors eine Mandarine essen und warten. Cool bleiben. Bis sie weitermachen können. Aber da geht es auch schon los: Nicht alle Menschen mögen Mandarinen.

Und nicht alle Menschen mögen die französische Flagge. Natürlich kann man es komisch finden, wenn Facebook ein Feature anbietet, mit dem man sein Profilbild mit den Farben der französischen Flagge einfärben kann: "Ändere dein Profilbild, um deine Unterstützung für Frankreich und die Menschen in Paris zu zeigen." Man kann das einen komischen Service finden. Sammeln Sie Treueherzen? Sind Sie solidarisch?

Kaum haben die ersten ihre Ich-im-Sonnenuntergang-, Ich-und-meine-Katze-, Ich-wie-ich-versuche-seriös-zu-gucken-Bilder in Blau-Weiß-Rot getunkt, geht das Gemotze los. "Warum nur Paris? Warum nicht Beirut? Was ist mit Ankara? Kukawa? Wisst ihr überhaupt, wo das ist? Motz, motz, hier, die gesamte Kolonialisierungs- und Kriegsgeschichte Frankreichs, und das findet ihr jetzt gut oder was?" Herrgott.

Apropos Gott. Auch schlecht. #prayforparis hat sich als Hashtag schnell verbreitet, sobald klar war, dass in Frankreich etwas sehr Erschütterndes passiert ist. So erschütternd, dass für manche Leute nur beten hilft. Passt aber auch wieder nicht. "Please don't pray for Paris", schreibt einer auf Twitter, "Think for Paris. Love for Paris. Laugh for Paris. Have sex for Paris. We've had enough religion for one night." Über 5500 Leuten gefällt das. Die "taz" macht eine ganze Seite mit einem Bild von feiernden Leuten in Discolicht, "Pray for Paris" steht da, und das "Pray" ist durchgestrichen, darunter: "Drink - Fuck - Dance." Das klingt natürlich geiler. Vögeln für Paris, toll, toll. Mehrzweckpimpern, wie praktisch. Muss man nur umwidmen, schon ist es ein mutiger politischer Akt gegen den Terror.

21.500 Leuten gefällt eine Zeichnung von Joann Sfar, in der er schreibt:

8

Ein von Joann Sfar (@joannsfar) gepostetes Foto am

"friends from the whole world, thank you for #prayforparis, but we don't need more religion! our faith goes to musik! kisses! life! champagne and joy!" Inzwischen hat Sfar weitere Bilder gezeichnet, auf denen er erklärt, er sei missverstanden worden.

Er sei gar nicht gegen Beten, er findet nur, es sollte kein Hashtag sein, sondern etwas Intimes. Vor allem, wenn Leute getötet wurden, dafür, dass sie nicht genug gebetet hätten.

Es gibt keine perfekte Trauerperformance. Es kann sie nicht geben. Und höchstwahrscheinlich sowieso nicht in kleinen Internetpostings. Die einen schreiben, sie hätten Social Media nie so beschissen gefunden wie in diesen Tagen, die anderen schreiben, sie hätten Social Media nie als so tröstlich und stabilisierend empfunden. Es gibt Leute, die brauchen Ruhe, nachdem etwas Krasses passiert ist, und es gibt Leute, die plappern los, egal was. Alles ist okay. Sollte okay sein.

Das Einzige, worin sich fast alle einig sind, ist, dass Angst nicht hilft und nicht siegen darf. Aber worin äußert sich Angst und woran merkt man Unsicherheit? Wenn Menschen anderen vorschreiben wollen, wie sie sich benehmen sollten, ist es nicht so unwahrscheinlich, dass sie sich nur vergewissern wollen, dass sie selbst ganz sicher auf der richtigen Seite stehen. Wenn Leute anderen sagen: Mach die Flagge weg, hör auf mit deinem Religionskram, denk an Beirut - was bringt das? Es bringt ganz sicher mindestens das, dass Leute noch mehr verunsichert werden.

Angst und Trauer sind so intime Zustände, dass es einem perversen Rumwühlen in der Seele gleicht, wenn man Leuten vorschreiben will, wie sie sich nach solchen Horrorereignissen wie in Paris korrekt zu verhalten haben. Dann hat die Angst schon gesiegt. Im schlimmsten Fall verdrängen Leute ihre Gefühle und werden depressiv oder neurotisch oder beides. Kann man auch nicht wollen.

Es gibt einen Cartoon von Hauck & Bauer, der jetzt wieder oft geteilt wird.

"Neuer Trend: Trauerkritik" steht da, man sieht eine Frau an einem Grab und jemand sagt zu ihr: "In Afrika sterben jeden Tag Tausende Menschen und Sie trauern um EINEN Mann!"

Das ist alles kein neues Dilemma. Das Leben ist scheißekompliziert, seit man Nachrichten aus aller Welt lesen kann und man jeden verdammten Tag von Todesfällen hört. Man muss irgendeinen Weg finden, damit klarzukommen. Und man muss einen neuen Weg finden, wenn die Ereignisse krasser werden. Manche Leute wollen "Imagine" von John Lennon hören und manche die Marseillaise. Mir persönlich hilft Bob Dylan. Andere kriegen von Bob Dylan Ausschlag. So sind die Menschen. Man sollte es ihnen nicht vorwerfen.

Man sollte sich vielleicht nur ein bisschen öfter raushalten, wenn Leute versuchen, mit ihren Gefühlen umzugehen. Egal ob mit der französischen Flagge oder mit Beten oder womit auch immer. Einfach behutsam die Fresse halten, wie eine Yogaübung oder so.

Das sagt sich so leicht ins Internet, nicht wahr. So funktioniert Social Media ja nicht. Denn, wie neulich Nils Markwardt schrieb:

Das stimmt. Man muss aber vielleicht gar nicht ganz besonnen werden. Man ist nämlich gar nicht der Papst (außer man ist der Papst). Ein bisschen weniger Übergriffigkeit wäre schon gut, in Zeiten, die schlimm genug sind.

Darauf eine Mandarine.

Jetzt in Hannover

Posted by
Helge Schneider on Tuesday, November 17, 2015

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 183 Beiträge
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1. Titel treffend ...
nadennmallos 19.11.2015
... Artikel auch!
2. Die Trauerpolizei
loeweneule 19.11.2015
Derzeit geht die politisch-korrekte Trauerpolizei um, die mir vorschreiben möchte, wie ich persönliche Anteilnahme zu äußern habe und wie nicht. - "Wenn du um Xy trauerst, dann mußt du auch um aB trauern!", so nach diesem Motto. Erstmal stelle ich klar, daß ich überhaupt nichts muß! Verstanden? Danke. Als meine Mutter starb, war mir klar, daß am selben Tag sehr viele andere Mütter gestorben sind. Ich werde mich im Nachhinein nicht dafür entschuldigen, diese nicht alle erwähnt zu haben. Und wenn jemand glaubt, daß, weil ich explizit ein Statement für die Opfer in Paris abgegeben habe, Gleichgültigkeit etwa gegenüber den Toten der auf dem Sinai abgestürzten (und möglicherweise abgeschossenen) Maschine oder den Toten in Beirut empfinde, der beleidigt mich.
3. Behutsam die Fresse halten
kritischer-spiegelleser 19.11.2015
ist ein guter Rat. Man muss nicht überall und bei jeder Gelegenheit öffentlich mitleiden und mittrauern. Aber das sollte jeder für sich ausmachen. Was ist nicht akzeptiere ist, wenn die Politik versucht. solche Geschehnisse medial zu steuern!
4. Bester Beitrag
ngeli 19.11.2015
Danke für den Artikel, der genau das in Worte fasst, was viele sich mal zur Herzen nehmen sollten zur Zeit.
5. Wettbewerb der Tugenden
volker.rachui 19.11.2015
Mitgefühl, Empathie, Betroffenheit und Trauer - bitte keinen Überbietungswettbewerb! Eine Träne ist eben oft nur eine Fliege im Auge. Der Bürger erwartet von seiner Regierung keine stockende Stimme sondern beherztes Handeln.
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Margarete Stokowski
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