"Paris, Texas" im Theater Frau Makatschs dezentes Debüt

Der Film ist ein Klassiker, aber übersteht er die Adaption für die Bühne? Tut er, jedenfalls in Leipzig. Regisseur Sebastian Hartmann hat Wim Wenders' "Paris, Texas" raffiniert umgebaut. Und Heike Makatsch, der Star des Abends, beweist überraschend viel Teamgeist.

Thomas Aurin

Von Christine Wahl


Auf den ersten Blick sieht es aus, als wolle das Leipziger Centraltheater einen hoch dosierten PR-Cocktail aus dem Ärmel schütteln. Man nehme eine legendäre Filmvorlage - Wim Wenders' "Paris, Texas" - und gebe als Sahnehäubchen einen Kino- und Fernsehstar obenauf, der zwar über keinerlei Theatererfahrung verfügt, zu dem aber jeder eine Meinung hat. Es muss ja nicht unbedingt eine gute sein. Hauptsache, der Lockvogel bekommt spektakuläres Rollenfutter.

Mit Heike Makatsch als Jane könnte das klappen. Nicht nur, weil in der Rolle der jungen Frau, die nach traumatischer Trennung und jahrelanger Funkstille von ihrem Ex-Lover Travis in einer Peepshow aufgespürt wird, jede Menge Sehnsucht, Erotik und Verletzlichkeit steckt. Sondern vor allem, weil Makatsch damit in ein werbewirksames Diven-Fernduell tritt: Sie geht gegen Nastassja Kinski an den Start, die den Part vor 26 Jahren in der Filmvorlage grandios auszufüllen wusste.

Wer mit derlei Zweifeln im Leipziger Schauspielhaus Platz nimmt, reibt sich allerdings schon bald die Augen. Intendant Sebastian Hartmann braucht keine Viertelstunde, um fast alle Werbecocktail-Befürchtungen nachhaltig zu zerstreuen. Gut: Heike Makatschs Gesangsintermezzo zur Mitte des Abends mag zu ausdauernd geraten sein.

Und im Wettstreit der Charakter-Aktricen bleibt Nastassja Kinski eindeutig vorn. Denn wo Kinski in einer Zehntelsekunde das gesamte darstellerische Feld von der sinnlichen Lolita bis zur kumpelhaften Zuhörerin durchmessen kann, schlägt bei Makatsch immer das patente Mädchen von nebenan durch. Dennoch: Die Bühnendebütantin macht ihre Sache gut - vor allem, weil sie sich angenehm unprätentiös ins Ensemble einfügt.

Und das hat an diesem Abend einiges zu bieten. Denn Hartmann folgt nicht der weit verbreiteten Theatermode, Filme ohne dramaturgische Eigenleistung mit naturgemäß ärmeren Theatermitteln auf die Bühne zu hieven. Sondern er entwickelt eine eigene Perspektive auf den Stoff und erzählt eine zweieinhalbstündige Geschichte über die Zeit. Über die unterschiedlichen Tempi von Menschen, für die sich die Welt entweder zu schnell oder zu langsam dreht.

Kreative Zeitenfolge

Deshalb beginnt der Abend dort, wo der Film endet: Ein schlichter Holzstuhl, von dem aus Makatsch ins gesamte Publikum flirtet, simuliert die Peepshow, in der Travis (Hagen Oechel) nach langer, heilsamer Irrfahrt letztlich seine Liebe wieder findet.

Dann spult Hartmann rasant an den Anfang zurück und setzt mit Grandezza das Kausalitätsprinzip außer Gefecht. Walt (Peter René Lüdicke) ist längst bei seinem innerlich wie äußerlich verwahrlosten Bruder Travis in Texas angekommen, als er den Anruf bekommt, der seinen Aufbruch im Film überhaupt erst motiviert.

Die Erkenntnis, dass die Ordnung der Dinge fragil, unsere Wahrnehmung relativ und die Wahrheit immer eine Frage der Perspektive ist, dürfte sich mittlerweile auch unter den Theatergängern weithin herumgesprochen haben. Aber die suggestive melancholische Atmosphäre, in die Hartmann sie gerade zu Anfang übersetzt, ist großartig. Oft stehen seine Weltenwanderer einfach stumm in der Bühnenlandschaft, hocken schweigend am Bistrotresen, den Susanne Münzner als Transit-Symbol in einen gläsernen Mehrzweck-Bungalow gebaut hat, und sehnen sich "irgendwohin, wo es keine Sprache mehr gibt".

Dass Hartmann im Verlauf des zweieinhalbstündigen Abends auch den einen oder anderen künstlerischen Kompromiss macht und gerade beim Finale leider die Sentimentalitätsfalle nicht hundertprozentig zu umschiffen vermag, verzeiht man da gern.

Der zur Uraufführung angereiste Wim Wenders sah jedenfalls zufrieden aus, als er seinen Schlussapplaus spendete.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
johnnywaters 10.05.2010
1. Teamgeist statt Theatergeist
Zitat von sysopDer Film ist ein Klassiker, aber übersteht er die Adaption für die Bühne? Tut er, jedenfalls in Leipzig. Regisseur Sebastian Hartmann hat Wim Wenders' "Paris, Texas" raffiniert umgebaut. Und Heike Makatsch, der Star des Abends, beweist überraschend viel Teamgeist. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,693820,00.html
In einem spießigen Land, das tolle, talentierte Schauspielerinnen wie Nastassja Kinski oder Romy Schneider nicht aushält, sondern in die Wüste schickt (wo es ihnen dank anderem Kunstbegriff oft besser erging), steht es gut zu Gesicht, eine mittelmäßige Bühnendarstellerin wie Frau Makatsch auflaufen zu lassen, die patent ist, wie die "Nachbarin von Nebenan" (deutsches Frauenbild wie eh, oh je!)und deren heroische Leistung ist, trotz ihrer unglaublichen Fernsehberühmtheit einen Teamgeist zu haben. Schade für die Schauspielerinnen in Deutschland, die ihr Leben der Bühne verpflichtet haben, und dem Zuschauer gewiss mehr bieten könnten. Geht die Quereinsteigerei jetzt halt auch im Theater weiter. Erstaunlich, dass es immer noch so ist, dass die Fernseh- und Filmdarsteller einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber den Theaterleuten haben, und unbedingt "auch mal Theater spielen wollen" (unzählige Beispiele zeigt die Geschichte). Wenden Sie sich an Herrn Hartmann, hier werden sie geholfen!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.