Pariser Pop-Art-Ausstellung Lernen von Las Vegas

Das große Spiel mit Versatzstücken aus Hoch- und Alltagskultur, aus Werbung, Medien und Konsum: Mit der beeindruckend vielfältigen Ausstellung "Les Années Pop" blickt das Pariser Centre Pompidou zurück auf die Pionierzeit der Popkultur.

Von Sven Siedenberg


Ikonen der Pop-Kultur: George-Harrison- Porträt von Richard Avedon
Centre Pompidou

Ikonen der Pop-Kultur: George-Harrison- Porträt von Richard Avedon

Mit Pop verbindet man Musik wie die der Beatles oder der Beach Boys. Und so ist es nur konsequent, dass man beim Flanieren durch die Räume des Centre Pompidou beschallt wird von den Songs der sechziger Jahre, jener Zeit, in der die Blumenkinder die Losung "Make love, not war" ausgaben, die Antibabypille ihre Verbreitung fand und die Menschheit sich anschickte, den Mond zu betreten.

Eine Zeit des Aufbruchs und des Aufbegehrens. Auch in der Kunst, wo sich Künstler wie Ray Johnson oder Richard Hamilton vom damals in Amerika dominierenden Abstrakten Expressionismus absetzen: Johnson mit seiner 1957 entstandenen Fotografie des cool rauchenden James Dean, dessen Ohren jeweils das Emblem von Lucky Strike schmückt; Hamilton mit seiner 1956 aus Zeitungsausschnitten zusammengesetzten Collage "Just what is it that makes our today's homes so different, so appealing", die einen posierenden Muskelmann samt Riesenlolli und Pin-up-Girl zeigt. Von Richard Hamilton stammt auch jenes Zitat, das dieser Schau als Prolog dient: "Pop Art is: popular, transient, expendable, low cost, mass produced, young, witty, sexy, gimmicky, glamorous, big business."

"sexy, gimmicky, glamorous": Comic-Pop-Art von Roy Lichtenstein
Centre Pompidou

"sexy, gimmicky, glamorous": Comic-Pop-Art von Roy Lichtenstein

In diesem weiten Definitionsfeld bewegen sich die 700 Gemälde, Installationen, Fotoarbeiten und Objekte, die das Pariser Centre Pompidou, das weltweit wohl am üppigsten bestückte Museum für moderne Kunst, unter dem Titel "Les Années Pop" ("Die Jahre des Pop") derzeit präsentiert. Und alle, alle sind sie dabei: Roy Lichtenstein, der die Welt der Comic-Strips für die Kunst entdeckte; Jasper Johns, der die amerikanische Flagge malte und damit erstmals Bild und Bildgegenstand gleichsetzte; Tom Wesselmann, der die Werbung in seine mehrdimensionalen Werke hineinzitiert; George Segal, von dem die ersten Environments mit lebensgroßen Gipsfiguren stammen, oder Claes Oldenburg, der in seinen Arbeiten diverse Kleidungsstücke und Nahrungsmittel vergrößert und das ursprüngliche Material von fest zu weich verfremdet - und von weich zu fest.

Das Spiel mit Versatzstücken aus Werbung, Medien und Konsumwelt, die Vermischung von Hoch- und Alltagskultur wurde zunächst nur in den USA betrieben. Am erfolgreichsten von Andy Warhol, dem Begründer der berühmten New Yorker "Factory". Von ihm finden sich in der Ausstellung die meisten Werke. Dabei ist der frühe Warhol durchaus politisch. Mit den Serien des "Electric Chair" von 1963 reagierte er auf die öffentlichen Proteste gegen die Todesstrafe, die nach der Hinrichtung von Caryl Chessman ausbrachen. Und selbst die ikonenhafte Darstellung von Marilyn Monroe, die sich 1962 das Leben nahm, geschah anfangs in der Absicht, die Tragik des Starkults zu illustrieren.

Tragik des Starkults: Elvis-Porträt von Andy Warhol
Centre Pompidou

Tragik des Starkults: Elvis-Porträt von Andy Warhol

Spätestens 1964, nachdem Robert Rauschenberg bei der Biennale in Venedig den Großen Preis für Malerei erhielt, schwappte die zur Kunstgattung geadelte Pop-Art nach Europa - und nach Deutschland, wo Gerhard Richter gerne journalistische Fotos verwendete, deren Konturen er bis zur Unkenntlichkeit verwischte, um die Verdrängungsmechanismen im Nachkriegsdeutschland zu entlarven. Sigmar Polke ironisierte mit seinen farbigen Rasterbildern die amerikanischen Mythen (etwa in dem Bild "Bunnies") und den kapitalistischen Wohlstand. Noch kritischer, noch schärfer sind Wolf Vostells Collagen und Assemblagen, mit denen er den Vietnamkrieg ("Lippenstift-Bomber") oder den Holocaust ("Auschwitz-Scheinwerfer") thematisierte.

Natürlich begegnet man in dieser imponierenden, 700 Werke umfassenden Überblicksschau, die auch ein von Christo verpacktes Fahrrad, Armans zerstückeltes Klavier "Chopin's Waterloo" und zahlreiche Materialanhäufungen der Nouveau-Réalisme-Künstler präsentiert, immer wieder den Klischees des amerikanischen Entertainments - von Barbarella bis Mickey Mouse und Superman. Dennoch haben die Veranstalter den Ehrgeiz, das Lebensgefühl einer ganzen Epoche zu vermitteln, und die Grenzüberschreitungen, die diese Ära (also die Jahre 1956 bis 1968) kennzeichnen. Deshalb werden auch Architekturentwürfe von Hans Hollein und Designobjekte von Verner Panton gezeigt. Deshalb gibt es Fernseh-Nischen, in denen man Happenings von Jackson Pollock oder Yves Klein nacherleben oder Filme mit dem Titel "Learning from Las Vegas" sehen kann. Und deshalb finden sich in Vitrinen avantgardistisch gestaltete Platten-Cover von Pink Floyd, Jimi Hendrix oder Bob Dylan.

Mit deren Musik im Ohr verlässt man diese opulente Ausstellung wieder - beschwingt und voller Wehmut.

"Les Années Pop", bis zum 18. Juni 2001 im Centre Pompidou, Paris

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.