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13. November 2008, 07:30 Uhr

Parodie in Millionenauflage

Falsche "New York Times" verkündet Ende der Kriege in Irak und Afghanistan

Es war eine so perfekte wie spektakuläre Parodie. Eine Aktivistengruppe hat eine gefälschte "New York Times" in Millionenauflage in US-Metropolen verteilt - mit Nachrichten aus einer Zukunft, von der sie träumen: Die Kriege sind vorbei, George W. Bush wird angeklagt, Condi Rice outet sich als Lügnerin.

Sie sah täuschend echt aus - nur was in der angeblichen Sonderausgabe der "New York Times" zu lesen war, ließ die Leser stutzen. Die Kriege im Irak und in Afghanistan seien beendet, das US-Gefangenenlager Guantanamo Bay auf Kuba geschlossen worden, George W. Bush werde wegen Hochverrats angeklagt, stand da zu lesen.

New Yorker mit falscher "Times"-Ausgabe: Perfekte Fälschung
AP

New Yorker mit falscher "Times"-Ausgabe: Perfekte Fälschung

Es war eine erstaunlich professionell gemachte Zeitungsparodie, die an diesem Mittwoch in einer Auflage von 1,2 Millionen Stück unter anderem in New York, Los Angeles, San Francisco, Chicago, Philadelphia und Washington auf den Markt kam.

Aktivisten und Aktionskünstler um die Gruppe "The Yes Men" ließ von gut tausend Helfern jenes 14-seitige Werk verteilen, das auf den Nationalfeiertag 4. Juli 2009 datiert - es sollte ein Blick in eine bessere Zukunft sein, wie sie sich die Macher der falschen Zeitung erträumen. Sogar die "New York Times"-Internet-Seite bauten sie mit ihren erfundenen Nachrichten nach.

Unter anderem ist in der unechten "New York Times" (siehe PDF) zu lesen, die frühere US-Außenministerin Condoleezza Rice habe sich für die Lügen über angebliche Massenvernichtungswaffen im Irak entschuldigt. Eine Öl-Steuer solle Umweltstudien, den Ausbau von Fahrradwegen in New York und die Einführung einer nationalen Gesundheitsvorsorge finanzieren. Lösungen für die wirtschaftlichen Probleme und den Klimawandel seien auf dem Weg, Obergrenzen für Managergehälter eingeführt. Sogar offenbar gefälschte Anzeigen der Öl- und Bankenindustrie waren im Blatt.

Das "New York Times"-Motto "All the news that's fit to print" ("Alle Nachrichten, die es wert sind, gedruckt zu werden") verwandelten die "Yes Men" in "All the news we hope to print" ("Alle Nachrichten, die hoffentlich einmal gedruckt werden"). Sechs Monate lang hätten sie an der Zeitung gearbeitet, teilten sie mit. Die Idee sei bei einem Bier entstanden.

"Ich denke, es ist jetzt der richtige Zeitpunkt für eine Diskussion, was wir erreichen wollen", sagte Mitbegründer Igor Vamos der "Albany Times Union". Er selbst schrieb nach eigenen Angaben für die falsche "New York Times" einen Bericht über das weltweite Verbot von Massenvernichtungswaffen. Einer der Urheber des Projekts, der sich als "Wilfred Sassoon" ausgab, sprach von rund 30 beteiligten Autoren. Dem New Yorker Kunsthochschullehrer Steven Lambert zufolge haben auch drei Journalisten der echten "Times" mitgemacht. Lambert pries die Parodie als vollen Erfolg: "Die Zeitung zeigt eine Vision dessen, was möglich ist, wenn wir alle zusammenarbeiten."

Von der "New York Times" gab es erst nur einen knappen Kommentar: "Das ist eindeutig eine gefälschte Ausgabe der 'Times'. Derzeit versuchen wir, mehr darüber herauszufinden", sagte Sprecherin Catherine J. Mathis. In einem Artikel auf der Webseite wurde dann über die "elaborierte Falschmeldung" berichtet - der Text begann so: "Sorry, Leute, diese Zeitung ist nicht kostenlos. Und der Irak-Krieg ist noch nicht vorbei."

Die Ausgabe war auf den Straßen ein Erfolg. Prompt wurde in Internet-Videos dokumentiert, wie die Zeitung entstand und wie die falschen Nachrichten aus der Zukunft aufgenommen wurden:

Die Initiatoren teilten mit, sie wollten die neue Regierung des künftigen US-Präsidentin Barack Obama ermuntern, ihre Wahlversprechen zu halten. Das mit Spenden finanzierte Projekt solle "Druck auf die Leute ausüben, die wir gewählt haben, das zu tun, wofür wir sie gewählt haben", sagte ein Journalist, der seinen echten Namen nicht nennen wollte.

Die "Yes Men"-Aktivisten (mehr auf SPIEGEL WISSEN...) hatten sich Ende der neunziger Jahre zusammengeschlossen. Die Globalisierungskritiker gerieten schon durch eine gefälschte Internet-Seite der Welthandelsorganisation WTO in die Schlagzeilen. Als vermeintlich legitime WTO-Mitarbeiter wurden sie zu Konferenzen und Vorträgen eingeladen, bei denen sie dann als satirische Kritiker auftraten. Ihre Aktionen wurden 2003 in dem Pseudo-Dokumentarfilm "The Yes Men" beleuchtet.

plö/AP/dpa

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