"Parsifal" in Bayreuth Deutschland einig Wagnerland

Festspiele mit Nazis und Strapsen, Wagemutige zwischen Kitsch und Tiefsinn - und ein Patient namens Deutschland: "Parsifal" ist in Bayreuth 2008 ein plakatives Theater der Nation. Mit großer Geste, großer Wirkung, großer Show.

Von , Bayreuth


Das Bett im Mittelpunkt: Stefan Herheim knallt in seinem neuen Bayreuther Regiedebüt "Parsifal" das zentrale Möbelstück seines Konzeptes umweglos auf die Bayreuther Bretter. Sex und Kuscheln, Ruhe und Verführung: Das Bett ist das Epizentrum der gesellschaftlichen und privaten Veränderungen. Als Erkenntnis nicht neu und eher als 68er-Mythos bekannt - doch deshalb nicht weniger tauglich als Ausgangspunkt großflächiger Untersuchungen zum Thema Schmerz und Erlösung.

Und als könnte er es kaum erwarten, seine Ideen über die Bühne zu fluten, bebildert Herheim sogar das orchestrale Vorspiel zum ersten Aufzug, das von Richard Wagner autonom gedacht war, als Quasi-Ouvertüre und Themenpräsentation.

Die Zeichen dieser Inszenierung stehen von Beginn an auf Zeitgeschichte. Background und Ausgangspunkt ist das Bürgertum des 19. Jahrhunderts. Drama in der Familie, mit Stummfilmästhetik: Die Mutter stirbt, das Kind leidet, das gesellschaftliche Ambiente dünstet Umbruch und Gefahr aus. Man ahnt es - dies ist Parsifals von ihm selbst vergessene Herkunft. Erfahrungen, die einen Helden erst möglich machen.

Der Patient heißt Deutschland

Und ein Held wird gebraucht - denn der todkranke Patient, der später versorgt werden muss, heißt zwar Amfortas, aber eigentlich ist es Deutschland.

Die Wunde, die den jungen König Amfortas foltert und gleichzeitig am Sterben hindert, wurde in der klassischen "Parsifal"-Geschichte von einem heiligen Speer geschlagen, doch die Wunde dieser Inszenierung beginnt mit der deutschen Reichsgründung 1871. Regisseur Herheim lässt statt Gralsrittern und Höflingen die junge aufbruchsselige Gesellschaft auftreten: fröhliche Korpsstudenten, Geschäftsleute, herausgeputzte Damen, Klerus und Wissenschaft. "Wir sind jetzt wer", scheinen sie zu sagen, und das verleiht ihnen buchstäblich Flügel: Allesamt sehen aus wie euphorische Engel, mit schicken dunklen Federn.

Herheims erster "Parsifal"-Aufzug ist der Auftakt zu einer Deutschland-Reise durch die Zeit, die das abklappert, was das immer wunde Land an einschneidenden Schmerz- und Wendepunkten zu bieten hat. Die Suche nach der Heilung für den König Amfortas, die Gralsmystik verkleinert sich zum roten Faden, der die Spur legt - die Spur Deutschlands, die Spur der dauerhaft offenen Wunde des schwierigen Landes.

Und immer ist Deutschland an der Bayreuther Villa Wahnfried plaziert, Deutschland einig Wagnerland.

Kitsch mit Nazis und Strapsen

Herheim spielt lustvoll mit den "Parsifal"-Figuren, macht sie zu Protagonisten des jeweiligen Zeitgeistes: Kundry, zwiespältige Gehilfin des bösen Königs Klingsor, wechselt Outfit und Rollen am Fließband. Sie bezirzt als sexy Kammerzofe, schockt als düsteres Hitchcock-Wesen à la "Rebecca" oder übernimmt als bleiche Mutter die Deutschland-Rolle, weiblicher Part. Im zweiten Aufzug setzt sie als forsche Marlene Dietrich mit Frack und Perücke vergeblich zur Parsifal-Verführung an.

Amfortas, sehr griffig als leidtragender Jesus-Verschnitt, wird am Schluss gar mitleiderregender Parteiführer in einer Bundestagsszene. Dem Zaubermeister Klingsor spielt Herheim übel mit: Nicht allein, dass er den "Finsteren" mit antiquierten Strapsen und Netzstrümpfen auftreten lässt - die "Rocky Horror Show" lässt grüßen. Er stellt ihm auch noch ein Ledermäntel-Nazi-Ballett zur Seite, das in den Weltkriegsuntergang tanzt. Das ist dann wirklich Provinzkabarett, der Tatsache geschuldet, dass bei unserer Zeitreise ja auch die NS-Zeit vorkommen muss.

Zuvor schon war Klingsors Zaubergarten vom Weltkriegslazarett mit lüsternen Krankenschwestern zur Revueshow für den eindringenden Parsifal mutiert, samt Esther-Williams-Wasserballett und sexy Tänzerinnen mit Federn und Korsagen. Die Bayreuther Bühnentechnik leistet mal wieder Beachtliches. In diesen natürlich gewollten, aber erdrückend platten Kitschmomenten schmerzt der überambitionierte Herheim-Zugriff.

Umso liebevoller geht er mit dem rechtschaffenen Gurnemanz um, der als gebeutelter Überlebender aller Kriegs- und Umbruchserlebnisse am Schluss wie ein Sieger in seinen abgerissenen Combat-Klamotten aussieht. Er erwacht nach den zweiten Weltkriegswirren im nun zerstörten Bühnenbett: ein schlichtes, klares Bild der "Stunde Null".

Der Speer ist ein Speer

Parsifal selbst bleibt immer hübsch "außen vor": Ständig wird er als Kind wiedergeboren, als lebende Metapher der ständigen Erneuerung, ob von der eigenen Mutter, Kundry oder Amfortas zu weiterem Treiben verführt.

Er bleibt als einziger "zeitlos". Hat weder Flügel noch Uniform, er ist der ausgewiesene Ritter des lauteren Sinnes. Sein Speer ist ein Speer, der Gral ist ein schlichter Kelch: Wo andere Spielleiter bildmächtig wüten, bleibt Regisseur Herheim einfach und klar am Ball, ganz wie sein Parsifal. Am Schluss ein herrlich plakativer, reiner Tor im weißem Gewand, der im zeitgenössischen Bundestag mit seinem überdimensional großen Speer endlich den Amfortas erlöst, damit Deutschland leben kann.

Böser kann man den Kitsch kaum übertreiben.

Über der Bühne prangt eine monströse, runde Spiegelfläche, die als Schlussbild erst die Weltkugel bildet, dann mit raffinierter Drehung das Saalpublikum und die Darsteller abbildet: Ja, wir alle sind gemeint. Große Geste, große Wirkung, großes Kino.

Das Deutschland-Theater rundet sich zunächst in Frieden. Eine Wunde wurde geschlossen, aber das Leben geht ja bekanntlich weiter. Keine wirklich frohe Botschaft, aber ein starker Schluss.

Frisches Rauschen auf dem Grünen Hügel

Den meisten Sänger-Beifall erhielten zu Recht der Bayreuth-Veteran Kwangchul Youn (Gurnemanz) und Bayreuth-Neuling Detlef Roth für seinen ausdrucksvollen Amfortas. Beide spielten souverän ihre Rollen, ein Glücksfall für diese plakative Inszenierung.

Christopher Ventris, seit zehn Jahren "Parsifal"-erfahren, debütierte ebenfalls erfolgreich - sein stählerner Erlösertenor strahlte etwas kalt, aber druckvoll kräftig. Mihoko Fujimura war eine wandlungsfähige und stimmlich biegsame Kundry, manchmal allerdings etwas hart und kantig, wie auch Thomas Jesatkos Klingsor. Für diese Rollenversionen der beiden sperrigsten Figuren des "Parsifal"-Personals allerdings nicht schlecht geeignet. Eberhard Friedrichs Chor brillierte wie gewohnt mit überlegener Fülle und Klangmacht.

Noch ein Bayreuth-Debütant: Daniele Gatti dirigierte mit selbstbewusstem Zugriff und meist guter Kontrolle des opulenten und schwierigen Klanggewebes. Seine sehr breiten Tempi hatte er stets spannungsbewusst im Griff. Als ein einziger erntete er ein paar verhaltene Buhs, ansonsten umbrandete Sänger wie Regieteam tosender Schlussbeifall.

Als Abschluss der Ära Wolfgang Wagner rauschte es noch einmal frisch auf dem Grünen Hügel - aber eigentlich regiert ja schon Katharina.



insgesamt 43 Beiträge
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Kassander, 26.07.2008
1. Zombie-Bayreuth
Bayreuth: Die Zombies aus Politik und Showbizz feiern sich in einem lächerlichen Ritual und legitimieren damit die Zombies einer schon längst untergegangenen Kunstart. Keine Steuermittel für dieses Theater!
ellge 26.07.2008
2. Wagner-Festspiele - nur für Promis?
Zitat von sysopFestspiele mit Nazis und Strapsen, Wagemutige zwischen Kitsch und Tiefsinn - und ein Patient namens Deutschland: "Parsifal" ist in Bayreuth 2008 ein plakatives Theater der Nation. Mit großer Geste, großer Wirkung, großer Show. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,568236,00.html
Die befrackten und dekolletierten Freibiergesichter aus Politik und Geldadel sind eine Zumutung. Eintrittskarten sollten auch für den Hartz-4-Empfänger erschwinglich sein und jedes Jahr neu, wie die Fußball-WM-Tickets, in einem Losverfahren verteilt werden, schließlich werden die Theater ausreichend vom Steuerzahler alimentiert.
Ty Coon, 26.07.2008
3. Warum nur immer wieder Wagner?
Daß Wagner ein Judenhasser der übelsten Sorte war -- geschenkt, alle wissen es, niemand redet darüber. Heute wird über seine Musik gesprochen, losgelöst vom Menschen Wagner. Meinetwegen. In der Kunst läuft es ja häufig so. Wagners Musik mag höchst anspruchsvoll komponiert sein, das will ich gar nicht infragestellen, mir gefällt sie trotzdem nicht: zu viele Fanfaren, zuwenig Gefühl. Ich kann aber diese bunt ausstaffierten Gottschalks und lächerlich kostümierten Politiker nicht mehr sehen. Ich versuche das irgendwie zu umgehen, aber an den Fernsehbildern führt ja doch kein Weg vorbei. Warum muß ausgerechnet so eine pompöse und dekadente Veranstaltung das angebliche Aushängeschild der deutschen Kultur sein? Nicht einmal, bekäme ich eine Karte und die entsprechende Garderobe geschenkt, würde ich mich nach Bayreuth begeben.
Peter-Freimann 26.07.2008
4. Schluss mit öffentlicher Subvention für Lustig!
Zitat von sysopFestspiele mit Nazis und Strapsen, Wagemutige zwischen Kitsch und Tiefsinn - und ein Patient namens Deutschland: "Parsifal" ist in Bayreuth 2008 ein plakatives Theater der Nation. Mit großer Geste, großer Wirkung, großer Show. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,568236,00.html
Die antielitäre Kulturschickeriaelite und ihre abgetakelten Operetten-Nazis, nichts gegen Strapse, die aber bei RTL einfach besser 'rüberkommen. Keinen Cent mehr aus öffentlichen Kassen für die infantilen Spielchen des fettbäuchigen antibürgerlichen Bürgertums mit den durchgeknallten berufsjugendlichen Vertretern des Regietheaters, das eigentlich tatsächlich ein Regisseurtheater ist, denn Regie kann es schon sehr lange nicht mehr leisten.
govedari 26.07.2008
5. Warum nur immer wieder Wagner?
Darf ich Sie bitten Ihre Eintrittskarte, wenn Sie diese tatsächlich einmal geschenkt bekommen würden, an mich weiterzugeben? Ich würde Sie wegen meiner unauffälligen Kleidung auch bestimmt nicht im Fernsehbeild belästigen. Als Dankeschön böte ich Ihnen gerne ein gemeinsames Gespräch über Wagner, Juden und Gefühl an. Aber nicht, dass Sie danach Ihre Eintrittskarte doch lieber selber nutzen wollten...
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