Patti Smith auf Arte Punk auf Leben und Tod

Zwischen Reliquienparade und Rock'n'Roll-Rausch: Das Künstlerporträt "Dream of Life" liefert einen assoziativen Strom zum Leben und Schaffen von Patti Smith. Trotz einiger Manierismen fängt der Film die unbändige Kraft der Punk-Schamanin ein.

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Wenn einer stirbt, bleibt immer etwas von ihm zurück - und wenn es nur ein Häufchen Knochensplitter ist. Für Patti Smith, die in den letzten 20 Jahren einen alten Weggefährten nach dem anderen beerdigen musste, ist das durchaus ein Grund zur Freude. Vor laufender Kamera holt sie eine kleine Urne heraus, in der sich die sterblichen Überreste ihres Freundes Robert Mapplethorpe befinden. "So kann ich ihn überall mit hinnehmen", sagt die Künstlerin, während sie zärtlich die Einäscherungsrückstände in ihre hohle Hand schüttet.

Wer es ernst meint mit dem Rock'n'Roll, muss es auch ernst meinen mit dem Tod. Denn die Feier des Augenblicks, die jeder gute Rock'n'Roll-Moment darstellt, gewinnt ja nur durch das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit an Größe. Das hatten schon Arthur Rimbaud und Paul Verlaine erkannt, die todesumarmenden Dichter des Fin de Siècle, auf die sich Patti Smith und ihre Freunde Mitte der Siebziger in New Yorks Lower East Side beriefen, als sie dort die poetisch resoluteste Form des Rock'n'Roll erfanden: den Punk.

Gut 30 Jahre später steht Patti Smith ziemlich alleine da. Der Fotograf und Jugendfreund Mapplethorpe, mit dem sie schon Ende der Sechziger gemeinsam für ihr Künstlerdasein übte, ohne je einen Song eingespielt zu haben, ist schon lange tot; ebenso wie ihr geliebter Fred "Sonic" Smith, der Vater ihrer beiden Kinder, der einst bei der Band MC5 götterdämmerungsgleiche Rock'n'Roll-Riffs darbot.

Riskante Übersensibilisierung

Es gibt also eine Menge Gräber zu besuchen. Neben den von Ehemann Fred Smith geht es in "Dream of Life" etwa auch zu den letzten Ruhestätten von William Blake und Allen Ginsberg. Aber was heißt bei einer Schamanin und Geisterbeschwörerin wie Patti Smith schon "Ruhestätte"! Auf dem Grabstein von Rimbaud klettert und kriecht sie trotz Absperrungen herum, als gelte es, den Geist des Verstorbenen zu ertasten. Nekrophilie und Punkrockvitalität gehen eben Hand in Hand. Etwas später im Film sieht man die ganz heutige Künstlerin eine monströs ausufernde Version ihres Klassikers "Rock'n'Roll Nigger" spielen. An ihrer Seite stehen Lenny Kaye und Jay Dee Dougherty – zwei ausnahmsweise sehr lebendige Punkveteranen.

Filmemacher Steven Sebring hat die Überlebende über Jahre mit der Kamera begleitet und das Material für seine Dokumentation "Dream of Life" zu einem üppigen Strom aus Assoziationen gebündelt. Es geht um Grab- und Familienpflege, es geht um Poesie und Rausch, es geht um die geheime Zwiesprache mit Erinnerungsstücken und die offene Agitation gegen George W. Bush und andere Politiker. Sehr viel Bilder und recht wenig Erklärungen sind das auf fast zwei Stunden.

Bei der Uraufführung letzten Monat auf der Berlinale musste Sebring reichlich Kritik für sein Werk einstecken. Der Regisseur gehe nicht genug auf Abstand zu seinem Untersuchungsobjekt, meinten die Kritiker. Außerdem verliere er sich in stilistischen Eitelkeiten. Beide Punkte sind leider wirklich nicht von der Hand zu weisen.

Der ehemalige Modefotograf Sebring, der befremdlicherweise den gleichen Haarschnitt wie seine Heldin trägt und ihr in Interviews geradezu magische Fähigkeiten attestiert, fängt begierig jede Regung und Äußerung von Patti Smith ein. Und während er die Allround-Kreative Smith aus ihren Gedichten rezitieren lässt, filmt er mit erregt wackelnder Kamera die in ihrem Umfeld gefundenen Gegenstände ab: eine wahre Reliquienparade. Alles wird mit Bedeutung aufgeladen.

Aber tatsächlich eröffnet diese riskante Übersensibilisierung einen ganz eigenen Zugang zur Rock'n'Roll-Ikone. Patti Smith lehnt es ja ab, sich auf einen kompakten Küchenzuruf schrumpfen zu lassen. Und so verhält sie sich – auch auf die Gefahr hin, wieder einmal missverstanden zu werden. In der Dokumentation streckt sie resolut das spitze Kinn und die spitze Nase aus der stahlgrauen Punkrock-Matte hervor und erklärt: "Du hast deine eigene Innenwelt, und die ist unaufgeräumt. Es gibt keine Waagerechte und es gibt keine Senkrechte."

Poesie des Punk

Diese Weigerung, das eigene Leben in einen Werdegang einzubetten, der zielbestimmt auf einen Punkt zuläuft, macht Patti Smith ziemlich einzigartig. Sie generiert eben nicht den üblichen Mehrwert, den Rockmusiker ihres Alters bei schwindender Schaffenskraft und ebenso schwindender Anhängerschaft aus ihrer schillernden Biografie zu schlagen versuchen, um sich den Lebensabend in irgendeinem Landhaus zu versüßen.

Das erstaunliche dabei ist, dass Patti Smith bei aller Widersprüchlichkeit eine Poesie erschafft, in der jedes einzelne Wort wie in Stein gemeißelt klingt. Und "Dream of Life", das ist die Qualität dieses durchaus kritikwürdigen Starporträts, lebt eben noch mal mehr als von ihrem ikonografischen Raubvogelkonterfei von ihrer jeden Zweifel niederringenden Stimme, die noch im größten Chaos die Eindeutigkeit des Gefühls beschreiben kann.

Der eine Satz klingt bei ihr wie eine Grabinschrift, der nächste schon wie ein Stoßgebet, ein weiterer wie eine Brandrede. Alles fließt bei Patti Smith – aber nichts ist weich. Vielleicht ist sie deshalb noch immer die größte weibliche weiße Stimme des Rock'n'Roll.


"Patti Smith: Dream of Life", Dienstag Abend, 23.00 Uhr, Arte



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